Der Faktencheck zur Sendung vom 18.11.2019

HAF-Gäste

Zu klein, zu teuer, zu schlecht: Haben wir zu viele Krankenhäuser?

Der Faktencheck zur Sendung vom 18.11.2019

Jedes zweite Krankenhaus gehört geschlossen, fordern Experten. Aber sind große Häuser wirklich immer besser? Wie gefährlich ist ein längerer Weg bis zur nächsten Klinik? Und wie lebenswert sind Stadt und Umland, wenn das Krankenhaus schließt?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Reinhard Busse über Krankenpfleger in Deutschland

Reinhard Busse sagt, innerhalb der EU gebe es in Deutschland hinter Finnland und Dänemark zwar die drittmeisten Krankenpfleger pro Kopf der Bevölkerung. Beim Verhältnis Krankenpfleger pro Patient schneide Deutschland allerdings schlecht ab.

Reinhard Busse 00:21 Min. Verfügbar bis 18.11.2020

Zu diesem Ergebnis kommt auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. In seinem aktuellen Gutachten bescheinigen die Gesundheitsexperten Deutschland mit 13,3 Pflegenden pro 1000 Einwohner eine weit über dem OECD-Durchschnitt (9,5) liegende Ausstattung mit Pflegenden. Innerhalb der OECD-Länder ist das der fünftgrößte Wert nach der Schweiz (18), Norwegen (17,3), Dänemark (16,7), Island (15,5) und Finnland (14,7). Unter den EU-Staaten steht Deutschland damit hinter Finnland und Dänemark tatsächlich an dritter Stelle.

Trotz des hohen Anteils an Krankenpflegern pro 1000 Einwohner, steht Deutschland aber schlecht da, wenn man sich die Zahl der Pflegenden im Verhältnis zu den Belegungstagen von Patienten anschaut. Laut Gutachten des SVR stehen pro 1000 Krankenhausbelegungstagen in Deutschland nur 2,2 Vollkräfte zur Verfügung. Damit liegt Deutschland deutlich unter dem OECD-Schnitt von 4,2. Die meisten Krankenpfleger stehen unter diesem Aspekt in Dänemark (10) und Island (8,5) zur Verfügung.

Gerald Gaß über die Situation kleiner Kliniken

Gerald Gaß sagt, auch durch die Verschärfung der politischen Rahmenbedingungen habe sich das Risiko für kleinere Kliniken, insolvent zu gehen, verdoppelt. Gerald Gaß befürchtet gar einen „Flächenbrand“. Ist seine Sorge begründet?

Gerald Gaß 01:10 Min. Verfügbar bis 18.11.2020

“Auf Grundlage einer umfassenden Auswertung von Krankenhausbilanzen (Krankenhaus Rating Report 2019) können wir bestätigen, dass sich die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser in Deutschland in 2017 verschlechtert hat“, sagt auch Prof. Ansgar Wübker. Der Gesundheitsökonom am RWI befasst sich unter anderem mit der Analyse von Krankenhausmärkten und Ungleichheiten in der medizinischen Versorgung. Demnach befanden sich zwölf Prozent der Krankenhäuser im Jahr 2017 im "roten Bereich" erhöhter Insolvenzgefahr. Ein Jahr zuvor seien es nur sechs Prozent gewesen, sagt der Experte. Auch die Ertragslage hat sich laut Wübker 2017 verschlechtert: “28 Prozent der Krankenhäuser schrieben auf Konzernebene einen Jahresverlust, 2016 waren es nur 13 Prozent.“ Richtig sei auch, dass kleine Krankenhäuser im Durchschnitt ein schlechteres Rating haben als große. Ein hoher Grad an Spezialisierung könne das Rating allerdings positiv beeinflussen, sagt der Gesundheitsökonom.

Auch eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts, das unter anderem vom Verband unseres Gastes Gerald Gaß getragen wird, habe ergeben, dass nur ein Viertel der Krankenhäuser die eigene wirtschaftliche Lage 2017 als gut einschätzt, sagt Wübker. 38 Prozent der Häuser erwarteten demnach eine Verschlechterung in der Zukunft. Wübker teilt die Sorge, dass sich die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser 2018 und 2019 weiter verschlechtert hat. Inzwischen nehme die Zahl der gemeldeten Insolvenzen merklich zu, sagt Wübker.

Gerald Gaß über kleine Kliniken im Qualitätsreport des IQTIG

Gerald Gaß sagt, was "schon fast diffamierend" über kleine Kliniken gesagt wird, finde sich im Qualitätsreport des Instituts für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen nicht wieder. Vielmehr heiße es dort wörtlich, “Zusammenfassend sprechen wir von einer guten bis sehr guten Qualität in deutschen Krankenhäusern.“

"hart aber fair" - Gästerunde 00:56 Min. Verfügbar bis 18.11.2020

Zwar beleuchtet der von Gerald Gaß genannte aktuellste Bericht des Instituts für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) nicht explizit kleinere Krankenhäuser. Und auch das von ihm genannte Zitat steht so nicht „wortwörtlich“ im Bericht. Richtig aber ist, dass das IQTIG „ein flächendeckend stabiles Qualitätsniveau“ deutscher Krankenhäuser festgestellt hat. Im Vergleich zum Vorjahr gab es demnach bei 72 Prozent der Indikatoren, die die Prüfer der Qualitätsbewertung zugrunde legen, keine Veränderung. Bei 20 Prozent gab es sogar deutliche Verbesserungen. Nur bei drei Prozent bemängelte das IQTIG eine Verschlechterung. Alle Werte, die bei der komplizierten Bemessung Auskunft über die Qualität der Krankenhäuser geben, haben sich laut Qualitätsreport im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verbessert.

Den kompletten und aktuellsten Qualitsreport des IQTIG finden Sie hier:

Reinhard Busse über Notaufnahmen und stationäre Behandlung

Reinhard Busse sagt, jeder zweite Krankenhauspatient werde gar nicht mehr über einen Haus- oder Facharzt in eine Klinik überwiesen, sondern über die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die Einweisungen aus dem ambulanten Sektor gingen ohnehin schon seit Jahren zurück. Stimmt diese Größenordnung?

Gerald Gaß, Reinhard Busse und Rainer Hoffmann 00:49 Min. Verfügbar bis 18.11.2020

“Ja, die Größenordnung stimmt", sagt Prof. Ansgar Wübker. “Nach Berechnungen des RWI auf Grundlage von administrativen Abrechnungsdaten ist der Anteil der Notfall‐Patienten im Krankenhaus im Zeitraum zwischen 2005 und 2017 von 34 auf 46 Prozent angestiegen“, so Wübker. Damit würden nach Betrachtung der Abrechnungsdaten mittlerweile fast genauso viele Patienten als Notfall ins Krankenhaus aufgenommen wie mit einer Einweisung durch einen niedergelassenen Arzt, so der Gesundheitsökonom. „Im internationalen Vergleich ist dies ein außergewöhnlich hoher Wert“, stellt Wübker fest.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der Krankenhausreport des wissenschaftlichen Instituts der AOK, auf den sich unsere Gäste Gaß und Busse beziehen. Laut diesem Report aus dem Jahr 2018, an dem Reinhard Busse als Mitautor beteiligt war, wurden im Jahr 2014 16,6 Millionen Notaufnahmebesuche gezählt. Gut die Hälfte (8,1 Mio.) hiervon endeten mit einer stationären Aufnahme. Gestützt werden die Zahlen für 2014 auch vom statistischen Bundesamt. Bis zum Jahr 2016 stieg die Zahl auf 8,6 Mio.

Wie unser Gast Reinhard Busse die Einsparpotenziale für Patienten mit bestimmten Diagnosen einschätzt, die über die Notaufnahme stationär aufgenommen werden, können Sie hier lesen. (AOK-Krankenhausreport 2018):

Stand: 19.11.2019, 12:45