Der Faktencheck zur Sendung vom 11.11.2019

HAF-Gäste

Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?

Der Faktencheck zur Sendung vom 11.11.2019

Mangelnde Bildung wird in Deutschland vererbt. Und wer deshalb wenig verdient, stirbt meist früher. Was kann man gegen diese krasse Ungerechtigkeit tun? Welche Rolle spielen Schule, Elternhaus und Politik dabei? Die Diskussion nach der Dokumentation zum Thema!

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Eckart von Hirschhausen über soziale Faktoren und Gesundheit

Eckart von Hirschhausen sagt, es sei nicht nur das eigene Verhalten, das die Lebenserwartung beeinflusst. 50 Prozent der Faktoren, die das Leben verkürzen können, hätten ihre Ursachen in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Hat er Recht?

Eckart von Hirschhausen 00:10 Min. Verfügbar bis 11.11.2020

"Ja, Eckart von Hirschhausen liegt richtig", stimmt Dr. Thomas Lampert zu. Lampert untersucht am Robert Koch-Institut unter anderem soziale Faktoren und Einflüsse auf die Gesundheit. “Angesichts der vorhandenen wissenschaftlichen Studien gelangt man zu der Einschätzung, dass Unterschiede in Bezug auf die Arbeitsbedingungen, die Wohnverhältnisse, Umweltbelastungen und -risiken sowie den materiellen Lebensstandard und die soziale Absicherung mehr als die Hälfte der zwischen den sozialen Statusgruppen zu beobachtenden Unterschiede in der Lebenserwartung ausmachen“, sagt der Gesundheitsexperte. Neben direkten Effekten der Lebensbedingungen auf die Gesundheit sei dabei zu berücksichtigen, dass das Gesundheitsverhalten und der Lebensstil nicht allein von individuellen Entscheidungen abhängen, sondern maßgeblich durch die Lebensumstände geprägt wird, erklärt Lampert. “Beispielsweise ist der Anteil an Rauchern in den Berufsgruppen mit ungünstigen Arbeitsbedingungen und starkem Stress besonders hoch.“ Hierzu zählen beispielsweise Erziehungs-, Pflege-, Gastronomie- und Reinigungsberufe, so Lampert. Seiner Ansicht nach sollten Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung daher nicht allein auf das Gesundheitsverhalten abstellen, sondern immer auch die Lebensumstände der Menschen mit in den Blick nehmen.

Hubertus Heil über stockende Bildungschancen

Hubertus Heil (SPD) sagt, in Deutschland seien wir in den 60er und 70er Jahren schon einmal weiter gewesen, als es darum ging, auch Kindern aus sozial schwächeren Familien gute und höhere Bildung zu ermöglichen. Inzwischen aber gebe es diese Möglichkeiten für viele nicht mehr.

Hubertus Heil (li.) mit Tanja Stolze und Eckart von Hirschhausen 00:37 Min. Verfügbar bis 11.11.2020

“Die absolute Teilhabe von Arbeiterkindern ist heute zwar höher, nicht aber die relative, so dass ein wesentliches Ziel der Bildungsexpansion (1965-1975) maximal in Ansätzen erfolgreich war“, sagt Nils Berkemeyer, Professor für Schulpädagogik und Schulentwicklung an der Universität Jena. So gehen heute in absoluten Zahlen z.B. mehr Arbeiterkinder auf ein Gymnasium als früher. Der Anteil der Arbeiterkinder auf einem Gymnasium im Vergleich zu Kindern von Eltern mit höherem Bildungsabschluss ist aber nach wie vor am geringsten. “Insofern ist der Hinweis von Heil nachvollziehbar und plausibel“, so der Experte. Tatsächlich sei diese Phase der Bildungsexpansion durch nach wie vor herausragende Arbeiten des Bildungsrates geprägt gewesen. Insbesondere der bedeutende deutsch-britische Soziologe und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf („Bildung ist Bürgerrecht“) habe ein intellektuelles Klima geschaffen, in dem viele Diskussionen ermöglicht worden seien, die heute nicht mehr ernsthaft geführt würden, so der Bildungsforscher. In Bezug auf die Programmatik sei Deutschland tatsächlich schon einmal weiter gewesen. Vermutlich habe Heil auch das große SPD-Projekt zur Einrichtung der Gesamtschulen im Kopf gehabt.

Die Große Koalition hat sich im aktuellen Koalitionsvertrag auf eine Art Renaissance des Bildungsrates verständigt. Auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse sollen Vorschläge für mehr Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen erarbeitet werden, heißt es dort. Geschehen ist bislang jedoch nichts. Zwar legte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) schon im vergangenen Jahr Pläne für die Ausgestaltung eines nationalen Bildungsrates vor, aus den Bundesländern aber kommt Kritik. Während sich Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) über mangelnden Dialog bei der Planung des Rates beklagt, warnt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor einem “bürokratischen Monster, das am Ende aus Berlin in die kleinen Schulstuben hineinregiert.“ Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hält das Gremium gar für überflüssig.

Hubertus Heil über Raucher in Spanien

Hubertus Heil sagt, in Spanien rauchen die Menschen trotz Tabakwerbeverbots nicht zwangsläufig weniger.

Hubertus Heil (li.) mit Tanja Stolze und Eckart von Hirschhausen 00:11 Min. Verfügbar bis 11.11.2020

Tatsächlich wird in Spanien trotz strikterer Regeln für Tabakwerbung mehr geraucht als in Deutschland. Die von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie “Special Eurobarometer 458“ kommt zu dem Ergebnis, dass 28 Prozent der Spanier, die älter als 15 Jahre alt sind, rauchen. Deutschland liegt mit einer Raucherquote von 25 Prozent im unteren Mittelfeld aller EU-Staaten. Am meisten rauchen innerhalb der Europäischen Union demnach die Griechen (37 Prozent) gefolgt von Bulgaren und Franzosen (jeweils 36 Prozent). Mit Abstand am seltensten greifen die Schweden zur Zigarette. Gerade einmal sieben Prozent der Schweden sind Raucher.

Stand: 12.11.2019, 10:16