Der Faktencheck zur Sendung vom 15.07.2019

HAF-Gäste

Dürre Felder, brennende Wälder: ist das noch Wetter oder schon unsere Zukunft?

Der Faktencheck zur Sendung vom 15.07.2019

Brände, Schädlinge, Dürre: Der Wald leidet und den Bauern droht eine weitere Missernte. Ist das schon der Klimawandel? Langfristig weniger CO₂ – reicht das nicht? Brauchen wir schon jetzt andere Wälder, eine andere Landwirtschaft, damit Deutschland nicht zur Steppe wird?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Franz Prinz zu Salm-Salm über das Engagement der Waldbesitzer

Franz Prinz zu Salm-Salm sagt, es seien die Waldbesitzer, die seit 30 Jahren den Wald retten, indem sie Mischwälder aufforsten und Monokulturen vermeiden. Staat und Gesellschaft trügen zu dieser Aufgabe zu wenig bei. Werden Waldbesitzer bei der Rettung des Waldes im Stich gelassen?

Franz Prinz zu Salm-Salm 00:46 Min. Verfügbar bis 15.07.2020

“In der Tat werden die Wälder vor allem im öffentlichen Wald, aber in vielen Fällen auch im Privatwald, seit etwa 30 Jahren aktiv umgebaut“, stimmt Christian Ammer zu. Ammer ist Professor für Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen an der Universität Göttingen. Waldbestände aus nur einer Baumart würden mit anderen Baumarten angereichert oder ersetzt. Beim Umbau von Nadelholzreinbeständen spielen insbesondere die Laubbaumarten eine große Rolle, sagt der Waldökologe. So habe sich laut Zahlen der letzten Bundeswaldinventur der Anteil der Laubbäume in den Beständen mit einem Alter zwischen einem und 20 Jahren auf knapp 60 Prozent erhöht, so Ammer. In Beständen mit älteren Bäumen liege er je nach Alter bei 30 bis 40 Prozent.

Inwieweit Staat und Gesellschaft zu wenig zu dieser Aufgabe beitragen, liegt nach Ansicht Ammers im Auge des Betrachters. Waldumbaumaßnahmen der privaten und kommunalen Waldeigentümer würden zwar finanziell gefördert, sagt Ammer. Dabei würden jedoch, je nach Baumartenmischung, nur Teile der für die Pflanzung anfallenden Kosten abgedeckt. “Da die geltenden Fördersätze und -bedingungen Ländersache sind, ist es schwer, eine pauschale Antwort zu geben, ob die zur Verfügung gestellten Mittel auskömmlich sind“, sagt Ammer. Er macht aber darauf aufmerksam, dass Waldbesitzer aufgrund geltender Waldgesetze verpflichtet sind, Freiflächen, die durch Stürme oder Borkenkäferbefall entstehen, innerhalb von drei Jahren wieder aufzuforsten. Aber auch wenn Waldbesitzer Fördergelder in Anspruch nehmen, könnten sie in eine finanzielle Schieflage geraten, so der Forstwissenschaftler. Zumal es durch Trockenheit oder Wildverbiss zu teilweise erheblichen Ausfällen bei den neu gepflanzten Bäumen kommen könne, so Ammer.

Darüber hinaus gibt er zu bedenken, dass die vielfältigen Vorzüge des Waldes, von denen die Gesellschaft profitiert, von den Waldeigentümer bislang unentgeltlich bereitgestellt werden. Hierzu zählten etwa die Möglichkeit zur Erholung, der Beitrag zur Trinkwasserqualität oder auch die Kohlenstoffspeicherung. “Es gibt im Wald, anders als in der Landwirtschaft, keine Flächenprämie, also eine Prämie, die für die Bewirtschaftung der Fläche unabhängig vom Ertrag ausbezahlt wird“, stellt Ammer klar.

“Die Forstwirtschaft hat mit einer Vielzahl von Risiken, wie Sturmschäden oder Insektenkalamitäten, zu kämpfen“, sagt Michael Köhl, Professor für Weltwaldwirtschaft an der Universität Hamburg. “Durch die Umwandlung von Reinbeständen in Mischwälder können diese Risiken gemindert werden“, so Köhl. Auch der Waldexperte der Uni Hamburg sagt, dass keine einheitliche Auffassung darüber besteht, ob Maßnahmen zur Risikoverminderung durch die Waldbesitzer alleine finanziert werden müssen, weil sie hierdurch den Werterhalt ihres Waldbesitzes sichern, oder ob dies eine Aufgabe der Allgemeinheit sei. “Durch die neuerdings verstärkt auftretenden Risiken wie Waldbrände und Baumsterben infolge von Dürren und Schäden durch Insektenbefall wird diese Diskussion verschärft“, ist sich Köhl sicher. Denn Waldbesitzer seien für die Ursachen des Klimawandels nicht verantwortlich, müssten aber dennoch dessen finanzielle Folgen tragen.

Der Staat leiste für die Forstwirtschaft bereits finanzielle Unterstützung, sagt Köhl. “Allein zwischen 2014 und 2017 wurden jährlich 57,5 Millionen Euro für die Förderung forstlicher Maßnahmen von Bund, Ländern und der EU zur Verfügung gestellt“, sagt der Forstwissenschaftler. Diese Mittel würden für eine ganze Reihe von Maßnahmen verwendet. Hierzu zählen etwa der Umbau von Reinbeständen in naturnahe Wälder, die Kalkung zum Ausgleich von Säureeinträgen durch Luftschadstoffe, Ausbau der forstlichen Infrastruktur, Kleinprivatwaldförderung und Erstaufforstungen, so Köhl. “Umgerechnet auf einen Hektar sind dies rund fünf Euro, weshalb die Argumentation von Prinz zu Salm-Salm durchaus nachvollziehbar ist.“

Köhl erklärt, dass die von Julia Klöckner angesprochenen Zahlungen zum Ausgleich der Folgen von Dürren in der Landwirtschaft daran geknüpft sind, dass der finanzielle Schaden von Landwirtschaftsbetrieben nach der Ernte festgestellt wird und deren Existenzgrundlage bedroht ist. Die Erfassung der finanziellen Schäden eines Dürrejahres sei in der Forstwirtschaft allerdings komplizierter, sagt Köhl: “In Zeiten hoher Zwangsnutzungen durch Klima- oder Schädlingseinflüsse gelangen große Mengen an Holz auf den Markt, was über mehrere Jahre zu sinkenden Holzpreisen führen kann. Zuwachsverluste in jungen und mittelalten Waldbeständen werden erst nach Jahrzehnten bei der Holzernte kapitalisiert, haben also keinen Einfluss auf die aktuelle wirtschaftliche Lage des Forstbetriebs.“ Die meisten Betriebe betreiben laut Köhl nicht ausschließlich Forstwirtschaft und könnten versuchen, Verluste aus dem Forstbetrieb mit Einkünften aus anderen Betriebszweigen zu kompensieren. Ist ihre Existenz jedoch nicht bedroht, erhielten sie keine Ausgleichzahlungen, so der Experte. “Legt man an die Forstwirtschaft den gleichen Maßstab für Ausgleichzahlungen an wie an die Landwirtschaft, hat Prinz zu Salm-Salm gleichzeitig recht und nicht recht – die Waldbesitzer werden genauso bzw. genauso wenig im Stich gelassen wie Landwirte.“

Auch für Michael Köhl macht der Nutzen des Waldes für die Allgemeinheit die Haltung von Prinz zu Salm-Salm nachvollziehbar, wenn man bedenke, dass Waldbesitzer diese Leistungen ohne finanzielle Gegenleistung erbringen. “Allein die jährliche Kohlenstoffbindung durch die deutschen Wälder hätte bei einem CO2-Preis von 20 Euro pro Tonne einen Wert von rund einer Milliarde Euro“, rechnet der Forstwissenschaftler vor.

Julia Klöckner über die Fläche für Öko-Landwirtschaft

Julia Klöckner (CDU) sagt, der Anteil der Fläche, die für ökologische Landwirtschaft genutzt werde, sei um zehn Prozent gestiegen. Insgesamt werde auf neun Prozent der Agrarfläche ökologischer Landbau betrieben.

Julia Klöckner mit Joachim Rukwied (li.) und Sven Plöger 00:23 Min. Verfügbar bis 15.07.2020

Das ist richtig. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland etwas mehr als 1,5 Millionen Hektar für ökologischen Landbau genutzt worden. Das sind 9,1 Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche. Richtig ist auch, dass die Fläche, die für ökologische Landwirtschaft genutzt wird, im Vergleich zum Jahr 2017 um 10,7 Prozent gestiegen ist. Das geht aus aktuellen Daten des Bundesumweltamtes hervor. Demnach bewirtschafteten im Jahr 2018 rund 31.700 Betriebe ihre Flächen nach ökologischen Kriterien. Das sind zwölf Prozent aller landwirtschaftlichen Unternehmen. Das Bundesumweltamt stellt aber auch fest, dass das Ziel der Bundesregierung, den Anteil des ökologischen Landbaus bis zum Jahr 2030 auf 20 Prozent zu steigern, in weiter Ferne liegt. Besonders hoch ist der Anteil der Fläche mit ökologischer Landwirtschaft im Saarland (16,5 Prozent), Hessen (14,7), Baden-Württemberg (14) und Brandenburg (12,3). Nachholbedarf haben Niedersachsen (4,1 Prozent), Nordrhein-Westfalen (5,9 Prozent) und Thüringen (6 Prozent).

Franz Prinz zu Salm-Salm über Wald als CO2-Speicher

Franz Prinz zu Salm-Salm sagt, der Wald leistet einen enormen Beitrag zur Speicherung des Klimagases CO2. 14 Prozent der CO2-Emissionen würden in Deutschland alleine vom Wald gespeichert. Stimmt das?

"hart aber fair" - Gästerunde 00:10 Min. Verfügbar bis 15.07.2020

“Ja, das ist korrekt“, stimmt Prof. Christian Ammer zu. Gleichzeitig bedeute dies aber auch, dass wir in Deutschland eine ca. siebenfach größere Waldfläche bräuchten, um das von uns jährlich freigesetzte Kohlendioxid zu binden, rechnet der Waldökologe vor. Das entspreche etwa der zweieinhalbfachen Fläche der Bundesrepublik, so Ammer. Er stellt aber klar: “Selbst wenn wir diese Fläche zur Verfügung hätten, wäre die CO2-Aufnahme durch den Wald aber endlich, da die Biomassevorräte nicht unbegrenzt anwachsen können.“ Zwar seien Wälder wertvolle Kohlenstoffspeicher, entlasten für eine begrenzte Zeit die Atmosphäre von CO2 und tragen damit zum Klimaschutz bei, sagt Ammer. Sie seien aber ganz sicher nicht die Lösung für die Probleme, die uns die Kohlendioxidfreisetzung aus fossilen Brennstoffen beschert. “Ohne drastische Maßnahmen zur Reduktion der CO2-Freisetzung wird es nicht gehen“, so der Experte.

“Ja und nein“, differenziert Prof. Michael Köhl. “Der wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft schätzt in seinem Klimagutachten von 2016 den jährlichen Beitrag zur Minderung von Treibhausgasen für Deutschland durch Speicherungs- und Substitutionseffekte der Forstwirtschaft und Holzverwendung auf 127 Mio. Tonnen CO2-Äquvalente.“ Bei den jährlichen, deutschen Emissionen von rund 907 Mio. Tonnen CO2-Äquvalenten entspreche dies einem Anteil von 14 Prozent, sagt Köhl.

Der Forstwissenschaftler gibt allerdings zu bedenken, dass der Minderungsbeitrag von 14 Prozent nicht nur die Kohlenstoffbindung im Wald sondern auch die Vermeidung von Emissionen durch die Holzverwendung beinhaltet. “Zum Beispiel verursacht der Bau eines Hauses aus Stein oder Beton zwei- bis sechsmal mehr CO2-Emissionen als der Bau eines Holzhauses. Studien in Rheinland-Pfalz haben gezeigt, dass die Bindungsleistung des Waldes alleine grob die Hälfte zum gesamten Minderungsbeitrags beträgt.“ Prinz zu Salm-Salm habe insofern recht, wenn er unter dem Begriff Wald auch den Beitrag der Holzverwendung zur Emissionsminderung einschließt, sagt Köhl.

Stand: 16.07.2019, 09:12