Der Faktencheck zur Sendung vom 10.09.2018

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Schulverweis fürs Handy - wie gefährlich sind Smartphones?

Der Faktencheck zur Sendung vom 10.09.2018

Frankreich macht es vor: Handyverbot an den Schulen. Müssen wir das nachmachen, sind Smartphones wirklich Gift für Kinder - und auf Dauer auch für handy-süchtige Erwachsene? Oder reden so nur Fortschritts-Feinde und brauchen wir statt Verboten Smartphone-Unterricht?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Jöran Muuß-Merholz´ Kritik an Manfred Spitzer

Manfred Spitzer sorgt mit seinen Thesen seit Jahren für Streit in der Wissenschaftsgemeinde. Diesen wissenschaftlichen Expertenstreit werden wir hier journalistisch nicht klären können. Wir wollen nur aufzeigen, welche wesentlichen Argumente beide Seiten anführen. Spitzer nimmt für seine Thesen in Anspruch, dass sie mit einer Vielzahl von Studien belegt sind, dass also die Fakten für die Schädlichkeit des Digitalkonsums sprechen. Die Gegenseite bestreitet in der Regel nicht, dass es diese Studien gibt und dass eine Vielzahl von Fakten die negativen Auswirkungen von Digitalkonsum belegen. Sie führen aber an, dass es auch positive Auswirkungen gebe und dass Spitzer die Fakten zum Teil falsch interpretiere. Es geht also letztlich um die Frage: Sprechen die Fakten aus den Studien eine eindeutige Sprache, wie Spitzer sagt. Oder kann man diese Fakten anders interpretieren? Für uns bleibt die Erkenntnis: Eltern und Schule müssen einen sehr kritischen Blick darauf haben, wie Kinder und Jugendliche mit digitalen Medien umgehen. Sie müssen klare Vorgaben machen, Grenzen setzen. Denn: Je mehr Kinder und Jugendliche digitale Medien nutzen, desto größer ist die Gefahr, dass sie Schaden nehmen.

Beispielhaft für eine solche Kontroverse ist Spitzers Warnung vor “Digitaler Demenz“. Unter anderem verweist Spitzer auf koreanische Wissenschaftler, die im Jahr 2007 untersuchten, wie die Nutzung digitaler Medien in Zusammenhang mit Vergesslichkeit steht. Tatsächlich fanden die Forscher heraus, dass bei über 60 Prozent der Befragten die Vergesslichkeit zugenommen hat. Allerdings stellten sie auch fest, dass sich die Hirnfunktionen, die für die Suche zuständig sind, verbesserten. Eine Entwicklung in diese Richtung zu prognostizieren hält der Neurologe Hans-Peter Thier für verfehlt: “Zu glauben, wir könnten aus einzelnen Erkenntnissen bereits die Wirkung digitaler Medien auf das komplexe System Gehirn ableiten, ist schlicht naiver Reduktionismus“, sagt Thier in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“. Der Begriff “Digitale Demenz“ sei verfehlt, so Thier. Was immer die Nutzung digitaler Medien im Gehirn auch machen mag, einen Beleg dafür, dass sie zu fassbaren krankhaften Veränderungen im Gehirn führe, gebe es nicht, so der Hirnforscher.

Manfred Spitzer über digitale Medien und Gefahr für Bildung

Der Psychiater Manfred Spitzer sagt, eine häufige Nutzung digitaler Medien schade der Bildung. Stimmt seine Einschätzung?

“Digitale Medien machen Kinder weder grundsätzlich dumm, noch tragen sie prinzipiell zur Bildung bei“, sagt Kathrin Demmler. Für die Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis kommt es auf die Form der Nutzung an. Bildung sei ein komplexer Prozess und hänge von vielen Faktoren ab, so die Medienpädagogin. “Für die Befassung mit erfolgreicher Bildung ist eine ausführliche Beschäftigung mit dem jeweiligen Kontext ausschlaggebend. Wie offen Kinder für Bildungsinhalte sind, hängt einerseits von individuellen Begabungen und Interessen und andererseits von dem Nährboden, den Kinder in der Familie, im Freundeskreis sowie in Schule, Kindertageseinrichtung oder Jugendarbeit finden, ab“, sagt Demmler. Digitale Medien spielten in all diesen Kontexten eine Rolle. Wie Kinder damit umgehen, hänge stark davon ab, welche Vorbilder und welche Unterstützung sie in ihrem Umfeld finden, sagt die Expertin. Studien belegen eindeutig, so Kathrin Demmler, dass der Bildungserfolg gerade in Deutschland stark vom Elternhaus und damit dem Bildungsniveau aus dem Kinder stammen, abhängt. Mitentscheidend ist also der richtige Umgang mit digitalen Medien.

Unbestritten ist, dass übermäßiger und unkontrollierter Konsum von Internet, Computern und Smartphones für Kinder schädlich sein kann, sagt auch der Hirnforscher Michael Madeja. Dies sei durch zahlreiche Untersuchungen belegt. Für Kinder bestehe ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen oder schlechtere Schulleistungen. Erst kürzlich wurde dies von Forschern der Uni Leipzig im Rahmen der “LIFE Child-Studie“ untermauert. Demnach drohen Kindern zwischen zwei und sechs Jahren beim Konsum elektronischer Medien emotionale und psychologische Verhaltensauffälligkeiten, so die Wissenschaftler.

Anne-Sophie Briest über Medienkompetenz an Schulen

Die Schauspielerin Anne-Sophie Briest spricht sich für den Einsatz digitaler Medien in den Schulklassen aus. Hierzu aber müsse den Schülern der richtige Umgang mit den digitalen Medien vermittelt werden. Wie sinnvoll ist ein Schulfach "Medienkompetenz" ?

Kathrin Demmler sieht die Förderung der Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern als eine der zentralen Bildungsaufgaben unserer Zeit. “In vielen Bildungsplänen wird Medienkompetenz als vierte Kulturtechnik bezeichnet“, sagt sie. Im Strategiepapier der Kultusministerkonferenz “Bildung in der digitalen Welt“ aus dem Jahr 2016 sei die Bedeutung einer sinnvollen Integration von Medien in alle Schulformen hervorgehoben und deren Umsetzung gefordert worden, so Demmler. Die Umsetzung des Papiers werde aktuell in den Bundesländern allerdings unterschiedlich vorangetrieben. “Einheitlich aber ist, dass entsprechend desselben Strategiepapiers die Einbindung digitaler Medien in alle Fächer für wichtig und richtig gehalten wird. Ebenso wie Medien alle Lebensbereiche tangieren, sind sie Thema, Instrument und Methode in allen Schulfächern“, sagt Kathrin Demmler. Medienkompetenz zu fördern sei als wichtige Querschnittsaufgabe zu begreifen. Dies erfordert allerdings kein eigenes Schulfach Medienkompetenz, sagt die Expertin. Vielmehr erfordere es kompetente Lehrkräfte, die sich der Herausforderung stellen. “Um adäquate Konzepte für eine Bildung in einer von Digitalisierung geprägten Welt zu entwickeln, ist eine Reform der Aus- und Weiterbildung von allen Lehrkräften ebenso nötig, wie eine Ausbildung von einschlägigen Fachkräften, die jeder Schule zur Verfügung stehen, um auch fächerübergreifendes, projektorientiertes Arbeiten mit Medien zu ermöglichen“, so die Forderung der Medienpädagogin.

Gleichzeitig gebe es Bestrebungen, den Informatikunterricht an Schulen auszubauen, um Schülerinnen und Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten, so Demmler. Dies sei zwar wichtig, dürfe aber nicht alleine auf technische Fertigkeiten beschränkt sein und auf keinen Fall die Förderung einer ganzheitlichen Medienkompetenz ersetzen. “Medienkompetenz in Schulen zu fördern, bedeutet das Lernen mit, über und durch Medien zu ermöglichen. Das heißt, es geht um eine Weiterentwicklung didaktischer Prinzipien, um den Einsatz von Medien bei der Er- und Bearbeitung von Themen und das Lernen über Medien.“ Kinder und Jugendliche müssten heute Kenntnis über die Komplexität der Medienlandschaft haben, um nicht auf Fake News hereinzufallen und kompetent an der Gesellschaft teilhaben zu können und diese mit zu gestalten, ist sich Demmler sicher.

Bei Angeboten zur Förderung der Medienkompetenz könne auch die Expertise der Schüler eingebunden werden, meint Kathrin Demmler. “Sie bringen ein hohes Interesse an Medieninhalten und Medientechnik mit und können unterstützend wirken.“ Gerade Peer-to-Peer-Ansätze – also der Austausch auf Augenhöhe – seien hier sehr erfolgreich. “Das JFF – Institut für Medienpädagogik hat sowohl hinsichtlich der Kooperation von Schule und Jugendarbeit als auch hinsichtlich klassenübergreifender Peer-to-Peer-Konzepte, wie beispielsweise Medientutoren an Schulen, sehr gute und übertragbare Erfahrungen gemacht“, berichtet Demmler. Aber auch wenn die Kinder und Jugendlichen Medien sehr aufgeschlossen sind, könnten sie sich nicht ohne Begleitung kompetent in der Medienlandschaft bewegen. “Ein Miteinanderlernen von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften sowie dem Elternhaus ist das Erfolgsmodell, um vorhandene Erfahrungen auszutauschen, sich über wertebezogene Fragen der Mediennutzung zu verständigen und gemeinsam Strategien für eine zukunftsträchtige Nutzung zu entwickeln“, sagt die Expertin.

Dieser Faktencheck wurde am 12.09.2018 um 13 Uhr 20 überarbeitet, erweitert und ergänzt.

Stand: 12.09.2018, 13:20