Der Faktencheck zur Sendung vom 11.06.2018

HAF-Gäste

Notstand bei der Pflege – was ist jetzt zu tun?

Der Faktencheck zur Sendung vom 11.06.2018

Waschen, Windeln, Essen geben im Minutentakt und kaum Zeit für Gespräche – warum wohnt der Stress in so vielen Heimen? Und zu Hause: Wer hilft den pflegenden Angehörigen auf der Langstrecke? Was muss passieren, damit die Pflege besser wird? Die Diskussion nach der Dokumentation!

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Thomas Greiner über private Investitionen

Der Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege, Thomas Greiner, verteidigt Investoren, die mit Pflegeheimen Geld verdienen. Schließlich müssten bis zum Jahr 2030 80 Milliarden Euro in Pflegeheime investiert werden, damit ausreichend Plätze vorhanden sind. Stimmt das?

Markus Zimmermann, Professor für pflegerische Versorgungsforschung an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, hält diese Zahl für plausibel: "Es ist tatsächlich so, dass aktuelle wissenschaftliche Prognosen von einem Investitionsbedarf von 58 bis 80 Milliarden Euro ausgehen." Die Spannweite ergebe sich aus unterschiedlichen Szenarien, die einen Bedarf von neu zu schaffenden Pflegeheimplätzen zwischen 200.000 und 350.000 bis zum Jahr 2030 kalkulieren, so der Pflegeforscher. "Diese unterschiedlichen Szenarien ergeben sich aus der Entwicklung, auch Menschen mit geringerem Pflegebedarf häufiger in Pflegeheime aufzunehmen, da eine ambulante Versorgung und Pflege zuhause nicht sichergestellt werden kann", sagt Zimmermann. Geringerer Pflegebedarf hieß beispielsweise in der jüngeren Vergangenheit häufig eine beginnende oder mittelgradige dementielle Erkrankung, sagt Zimmermann. "Ob sich dieser Trend im Rahmen der neuen Pflegegrade mit einer Leistungsausweitung für Menschen mit demenziellen Erkrankungen fortsetzt, ist noch nicht geklärt." Darüber hinaus sei auch noch nicht kalkulierbar, wie der Pflegebedarf und der Bedarf an Heimplätzen durch eine Intensivierung von Prävention und Rehabilitation gesenkt werden könne.

Ungeachtet dessen bewerbe die Immobilienwirtschaft offen die Investitionsmöglichkeiten in den Pflegeheimimmobilienmarkt, sagt Zimmermann. "Dabei wird auch darauf hingewiesen, dass trotz eines Rückgangs der Spitzenrendite von 7,5 Prozent in 2011 auf 6,2 Prozent in 2015 die Spitzenrendite noch immer über der von anderen Betreiberimmobilien wie z.B. Hotels liege." Das Investment für die nächsten 20-30 Jahre wird von der Branche als "attraktiv" eingeschätzt - unabhängig davon, ob in städtischem oder ländlichen Raum gelegen, so der Versorgungsforscher.

Pflegeheime und Fachkraftquote

Thomas Greiner sagt, der Gesetzgeber schreibe genau vor, wieviel Personal mit welcher Qualifikation in einem Heim tätig sein müsse. Dass diese Vorgaben eingehalten werden, bezweifeln Silke Behrendt und Gottlob Schober. So sei es nicht unüblich, dass Heime bei der Personalstruktur tricksen, um Personalkosten einzusparen, meint Schober. Hat er Recht?

Nach Ansicht von Prof. Markus Zimmermann lässt sich dies nur sehr schwer belegen. Hierzu gebe es keine stichhaltigen Untersuchungen. Umstrukturierungen beim Heimpersonal seien für die Aufsichtsbehörden häufig intransparent. Es bleibe oft unklar, ob es sich um Ausfallzeiten von erkrankten Mitarbeitern, um nicht besetzbare Stellen oder um den Versuch der wirtschaftlichen Vorteilnahme handelt, sagt der Pflegeexperte.

"Fakt ist, dass die Aufsichtsbehörden in jüngerer Vergangenheit Pflegheimen häufiger einen Aufnahmestopp von neuen Bewohnern auferlegt haben. In Einzelfällen kann es dabei sogar zu Schließungen kommen", sagt Zimmermann. Der Experte verweist auf regional variierende Zahlen: "So haben sich die Fälle der zeitweisen Unterschreitungen der Fachkraftquote von 50 Prozent in Sachsen von 2012/13 bis 2017 verzwölffacht", sagt Zimmermann. Bei insgesamt 885 Heimen in Sachsen sei die Fachkraftquote 2012/13 lediglich neunmal unterschritten worden, so der Pflegeforscher. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Fälle auf 107 angestiegen. Auch in Sachsen-Anhalt beobachtet der Experte einen Anstieg der Unterschreitung der Fachkraftquote: Zwischen 2012 und 2016 stieg die Zahl bei insgesamt 560 Heimen von 18 auf 70 Fälle, sagt Zimmermann.

Ruth Schneeberger über häusliche Pflege

Die Journalistin Ruth Schneeberger spricht sich für eine Stärkung der häuslichen Pflege aus. Immerhin würden drei Viertel aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt.

Das stimmt. Die aktuellsten Zahlen zur Pflege stammen aus der Pflegestatistik des statistischen Bundesamtes, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Demnach waren in Deutschland Ende 2015 insgesamt rund 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon wurden rund 2,1 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt. Das ist ein Anteil von rund 73 Prozent. 48 Prozent hiervon wurden alleine von Angehörigen betreut. In 24 Prozent der zu Hause gepflegten Fälle bekamen die Angehörigen Unterstützung durch ambulante Pflegedienste. Im Vergleich zum Jahr 2013 stieg der Anteil der Menschen, die zu Hause gepflegt werden, um elf Prozent.

Gottlob Schober über Pflegekräfte aus Osteuropa

Der Journalist Gottlob Schober sagt, ohne Pflegehelfer aus Osteuropa wäre die häusliche Pflege hierzulande längst zusammengebrochen. Wie wichtig sind Pflegekräfte aus dem Ausland tatsächlich?

Burkhard Werner, Professor für Organisation des Pflegedienstes im Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule Freiburg, hält die Aussage für übertrieben. Zusammengebrochen wäre die häusliche Pflege nicht, sagt der Experte, aber geschwächt. Er verweist auf die Zahlen der Pflegestatistik des statistischen Bundesamtes: "2,1 Millionen Pflegebedürftige werden zu Hause, darunter 1,4 Millionen allein durch Angehörige und 0,7 Millionen zusätzlich durch ambulante Pflegedienste versorgt." Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung seien bereits 2009 100.000 – 150.000 mittel- und osteuropäische Haushaltshilfen und Betreuungskräfte in Privathaushalten in Deutschland beschäftigt gewesen, so der Pflegeexperte. Er schätzt, dass die Zahl heute bei 150.000-200.000 liegt. "Nach einem Projekt des Studiengangs Dienstleistungsmanagement an der katholischen Hochschule Freiburg kann gefolgert werden, dass durch das Arrangement aus Angehörigen, ausländischen Hilfen und zum Teil auch professionellen Pflegediensten in den meisten Fällen eine Heimverlegung verhindert oder hinauszögert werden kann", sagt Werner. Dabei empfänden die professionellen Pflegekräfte – sofern sie denn beteiligt sind - die ausländischen Hilfen auch nicht als Konkurrenz, sondern eher als Verbündete, weil hierdurch die ambulante Pflege aufrechterhalten werden kann, sagt der Pflegeforscher.

"Ohne dieses Arrangement aus Angehörigen, ausländischen Hilfskräften und professioneller Pflege wäre der Bedarf an stationären Altenpflegeplätzen um etwa 200.000 Plätze höher, oder die Angehörigen müssten ihre Leistungen erheblich erweitern, gerade hinsichtlich ständiger Erreichbarkeit, Anwesenheit und Alltagsbegleitung", sagt Werner. Unter dem Strich schätzt der Experte, dass die häusliche Pflege ohne die ausländischen Kräfte in jedem zehnten Fall gefährdet wäre oder gar nicht geleistet werden könnte und die Betroffenen unter Umständen in eine stationäre Einrichtung wechseln müssten.

Pflegeberatung

Versicherte, die Leistungen einer Pflegeversicherung in Anspruch nehmen oder diese Leistungen beantragt haben, haben einen gesetzlichen Anspruch auf eine kostenlose Pflegeberatung. Das gilt auch für Angehörige, sofern die pflegebedürftige Person zustimmt. Innerhalb von zwei Wochen nach Beantragung von Pflegeleistungen sollen die Pflegekassen einen konkreten Beratungstermin anbieten. Alternativ vergeben sie Beratungsgutscheine, mit denen sich Betroffene an Beratungsstellen ihrer Wahl wenden können.

Neben den Pflegekassen bieten nichtkommerzielle Organisationen ebenso Beratungen an, wie freie Träger, Sozialverbände, Pflegestützpunkte und private Anbieter. Bei der Vielzahl der Beratungsmöglichkeiten und den regionalen Unterschieden verliert man jedoch schnell den Überblick.

Für die gemeinnützige Stiftung "Zentrum für Qualität in der Pflege" (ZPQ) Anlass, eine bundesweite Online-Datenbank einzurichten. Über eine einfache Suchfunktion kann hier nach Beratungsstellen in der Nähe gesucht werden. Darüber hinaus gibt das ZPQ zahlreiche Hinweise zur Qualität der Pflegeberatung und viele andere nützliche Tipps.

Stand: 12.06.2018, 09:37