Der Faktencheck zur Sendung vom 24.07.2016

Amok in Zeiten des Terrors – wie verändert die Angst das Land?

Der Faktencheck zur Sendung vom 24.07.2016

Der Amok-Lauf von München hat eine Großstadt gelähmt, das ganze Land erschüttert. Amoklauf oder Terrortat - wo ist noch der Unterschied? Und was macht die wachsende Angst mit uns.

Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen von Experten bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Christian Pfeiffer über Amokläufer

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht nach dem Amoklauf von München Parallelen zur Amoktat von Winnenden vor sieben Jahren. Auch damals habe der Täter an Depressionen gelitten und galt als Außenseiter. Beim Münchener Täter komme hinzu, dass er gemobbt wurde. Bei beiden Tätern habe sich offenbar über Jahre Hass und Wut aufgestaut, die sie letztlich zu den Taten getrieben haben. Sind dies typische Merkmale für einen Amokläufer und machen sie einen Amoklauf möglicherweise sogar vorhersehbar?

"Christian Pfeiffer spricht hier zwei wichtige Aspekte an, die neben anderen Faktoren eine Rolle für die Begehung solcher Taten durch Jugendliche spielen können", sagt Mirko Allwinn, Psychologe am Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt.  "Neben dem objektiven Vorhandensein von Mobbing ist jedoch umso wichtiger, ob der Jugendliche selbst der Ansicht ist gemobbt zu werden und davon nicht mehr loslassen kann, unabhängig davon, ob es tatsächlich so war", sagt Allwinn. Es zähle allein seine subjektive Sicht. Allwinn stellt jedoch klar, dass auch zwei oder drei Merkmale einen Jugendlichen noch nicht zu einem Amokläufer machen.  Ebenso wie die Deutsche Depressionshilfe warnt der Gewaltforscher davor, Personen mit einer depressiven oder anderen psychischen Erkrankung mit Amokläufern in Verbindung zu bringen.

Einige der Taten weisen laut Allwinn im Vorfeld tatsächlich markante Signale auf. Dies hätten unter anderem Forschungen des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement ergeben. "Diese bezeichnen wir dann als Warnverhaltensweisen, welche anzeigen wie viele Schritte die Person bereits auf dem Weg hin zu einer schweren Gewalttat gegangen ist." Solche Warnsignale könnten beispielsweise konkrete Äußerungen über einen möglichen Amoklauf sein, so der Psychologe. "Solches Leakage-Warnverhalten, wie wir es im Bedrohungsmanagement bezeichnen, kann ein erster Schritt sein, um sich das gesamte Verhalten der Person, welche Anlass zur Sorge gibt, zu betrachten und anschließend einzuschätzen", erklärt Allwinn.

Der Experte für den Faktencheck

Björn Staschen über das Internet

Das Internet mit all seinen dunklen Seiten und Möglichkeiten Hass zu verbreiten kann nach Ansicht des Journalisten Björn Staschen nicht für solche Taten verantwortlich gemacht werden. Das, was mit Menschen passiert, geschehe zunächst einmal in der realen Welt, etwa im Elternhaus oder an den Schulen. Welche Rolle spielt das Internet bei solchen Gewalttaten tatsächlich?

"Ich stimme Björn Staschen zu, dass unsere reale soziale Welt, die Jugendliche täglich Zuhause und in ihren Schulen, in Interaktion mit Gleichaltrigen erleben, Chancen für die eigene Identitätsentwicklung und der sozialen Identität darstellt", sagt Mirko Allwinn. Dennoch seien soziale Interaktionen in einigen Fällen auch Ursache von Krisen- und Kränkungserfahrungen – online wie offline, stellt Allwinn klar.

"Das Internet wurde und wird von den jugendlichen Amokläufern genutzt, um sich über andere Taten und Täter zu informieren, Dateien der Täter, wie Fotos, Videos und Texte herunterzuladen oder auch selbst eigenes Material hochzuladen. Durch das Internet ist es sehr viel einfacher an eben solches Material zu gelangen", meint Allwinn. Sollten Jugendliche Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht haben, sollte man sich ihnen annehmen und sie unterstützen, rät der Experte. Äußerungen über eine mögliche Amoktat, die häufig auch offline getätigt würden, sollten nach Ansicht von Allwinn als Chance für die Prävention gesehen werden. Auch das Internet könne als eine solche Chance betrachtet werden, da die Kommunikation hier öffentlich wird.

Christian Pfeiffer über Gewaltspiele

Für Christian Pfeiffer ist das intensive Spielen von Gewaltspielen zwar nicht alleine ausschlaggebend für Gewalttaten wie die von München oder Winnenden. Dennoch könne es zu einer Desensibilisierung führen und die Hemmschwelle sinken lassen. In Verbindung mit einer Krise könnten Gewaltspiele einen "Verstärkungsfaktor" darstellen. Hat er Recht?

"Christian Pfeiffer hat absolut Recht, dass das alleinige intensive Spielen von gewalthaltigen Videospielen keinen Auslöser für solche Taten darstellt“, stimmt Mirko Allwinn zu. Der Psychologe verweist auf die Studie "Jugend, Information, Multimedia" (JIM) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest. Demnach geben 71 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren an, dass innerhalb ihres Freundeskreises gewalthaltige Videospiele genutzt werden. Allwinn kommt daher zu dem Schluss: "Gäbe es einen direkten Zusammenhang, dann läge der Anteil der Gewalttäter deutlich höher."

Gewalthaltige Videospiele stellten vielmehr ein Vehikel von bereits vorhandenen Gewaltfantasien dar, weniger jedoch Auslöser, so Allwinn. "Die Intensität, Dauer und Besonderheit der Gewaltfantasien junger Täter ist hierbei wesentlich stärker als in der Normalbevölkerung. Spezifische Gewaltfantasien können sich aber auch anhand von Zeichnungen, Texten oder bearbeiteten Videos zeigen", sagt der Experte für Amoktaten. Dabei übernehmen laut Allwinn Gewaltfantasien oftmals die Aufgabe, Ohnmacht in Macht zu verwandeln und von einer passiven Opferrolle zum Akteur zu wechseln.

Joachim Herrmann über die Verschärfung des Waffengesetzes

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt, der Bundestag habe das Waffengesetz nach dem Amoklauf von Winnenden verschärft.

Der Amoklauf von Winnenden, bei dem im März 2009 ein 17-jähriger 15 Menschen und anschließend sich selbst tötete, löste eine hitzige Debatte über das Waffenrecht aus. Die Tatwaffe gehörte dem Vater des Täters. Zwar hatte dieser eine Berechtigung für die Waffe, allerdings wurde sie nicht, wie vorgeschrieben, in einem Waffenschrank aufbewahrt. Der Sohn konnte ohne Probleme darauf zugreifen.

Die Politik reagierte und beschloss nur wenige Monate nach dem Amoklauf eine Verschärfung des Waffenrechts. So wurde die Altersgrenze für den Gebrauch von großkalibrigen Waffen von 14 auf 18 Jahre angehoben. Außerdem wurden die Möglichkeiten für eine Überprüfung von Waffenbesitzern verbessert. Behörden können jederzeit prüfen, ob die Bedingungen für den Waffenbesitz erfüllt sind. Bis zur Gesetzesänderung wurde diese Prüfung lediglich alle drei Jahre durchgeführt. Darüber hinaus müssen Personen, die eine Waffe besitzen möchten, schon bei Antragstellung nachweisen, dass sie die Waffe ordnungsgemäß aufbewahren können. Die Strafen für eine ordnungswidrige Aufbewahrung wurden verschärft.

Kritikern gehen die Änderungen allerdings nicht weit genug. Mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wollten sie erreichen, dass auch der Gebrauch von Schusswaffen im Schießsport deutlich eingeschränkt wird. Die Klage wurde vom Bundesverfassungsgericht im Jahr 2013 jedoch abgewiesen. Zu den Klägern gehörten auch Eltern von Opfern des Amoklaufs von Winnenden.

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Stand: 25.07.2016, 07:29