Der Faktencheck zur Sendung vom 23.05.2016

Immer online - machen Smartphones dumm und krank?

Der Faktencheck zur Sendung vom 23.05.2016

Kein Gerät verändert unseren Alltag so stark wie das Smartphone. Es ist verdammt nützlich aber nicht auch verdammt gefährlich? Ab wann verstellt der Blick auf den Bildschirm den Blick auf das richtige Leben?

Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen von Experten bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer meint, Kindern und Jugendlichen werde durch die häufige Smartphone-Nutzung regelrecht der Wille genommen, etwas Eigenes zu schaffen. Stattdessen würden sie nur noch auf das reagieren, was ihnen ihre Handys und Tablets vorgeben. Haben Smartphones tatsächlich einen solchen Einfluss?

"Ja und Nein", differenziert die Kommunikationsforscherin Dr. Dorothée Hefner. "Wir wissen schon, dass Smartphonenutzung oft stark automatisiert ist: Wir hören einen Signalton und nehmen automatisch das Handy zur Hand, um die Nachricht zu lesen. Oder wir haben einen kurzen Moment der Langeweile und dieses Gefühl der Langeweile kann sich auch schon zu einem 'Hinweisreiz' entwickelt haben, der ein automatisches 'Handy-in-die-Hand-Nehmen' nach sich zieht", sagt Hefner. Menschen neigten eben dazu, sich an Handlungen zu gewöhnen und sie zu automatisieren, da dies effizient sein könne, so die Expertin. Allerdings müssen wir nach Ansicht von Hefner lernen, solche automatisierten Prozesse wachsam wahrzunehmen, zu beobachten und sie stärker zu steuern, so dass sich eine hilfreiche Nutzung entwickeln kann. Dies gelte besonders für Kinder und Jugendliche, deren Gehirne sich noch in einer Enzwicklungsphase befinden. “Das können Heranwachsende nur, wenn sie die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren“, sagt Hefner. Dabei sei es wichtig, dass diese Phasen des Ausprobierens von Erwachsenen engagiert und mit Empathie und Interesse begleitet werden. “Wir Erwachsenen haben die Aufgabe, für handyfreie Zeitfenster zu sorgen und uns – gemeinsam mit den Kindern – mit den Chancen und Risiken der Handynutzung auseinanderzusetzen. Darüber hinaus ist es natürlich vorteilhaft, wenn man bzgl. des eigenen Umgangs mit dem Handy mit gutem Beispiel voran geht, wie verschiedene Studien zeigen“, so die Kommunikationsforscherin.

Heranwachsenden sollte die Möglichkeit gegeben werden, ihren Willen bezüglich einer selbstgesteuerten Nutzung des Smartphones zu entwickeln, rät Hefner. Es gebe durchaus auch Spiele auf Smartphones, Tablets oder Computern, die Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, mit Anstrengung etwas Eigenes zu schaffen. “Das ist ja einer der Gründe, warum Computer-, Tablet- oder Smartphonespiele so viel Spaß machen: Weil sie das menschliche Grundbedürfnis nach Kompetenzerleben und Autonomie erfüllen“, sagt Hefner. Eltern sollten auch hier die Dosierung mitsteuern. Natürlich gebe es aber auch Kinder und Jugendliche, die für eine unkontrollierte Nutzung besonders anfällig sind, räumt Hefner ein.

“Sicherlich ist die Zuspitzung, Kinder und Jugendliche würden allein aufgrund ihrer Smartphonenutzung nur noch reagieren statt zu agieren, nicht gerechtfertigt“, sagt die Medienpädagogin Prof. Paula Bleckmann. Die Grundaussage sei jedoch zutreffend: “Ja, mediale Reizüberflutung hat tatsächlich einen negativen Einfluss auf die Balance der beiden neurobiologischen Fundamentalsysteme: ’Top-Down-Control’ und 'Bottom-Up-Drive'“. Der “Bottom-Up-Drive“ bezeichne ein triebhaftes, durch Angst, Aggression, Lust und Belohnung gesteuertes, auf schnelle Impulsabfuhr und sofortige Bedürfnisbefriedigung ausgerichtetes Basissystem, erklärt die Expertin. Die im Stirnhirn (Präfrontalen Cortex) lokalisierte “Top-Down-Control“ ermögliche dagegen unter anderem die langfristige Handlungsplanung, die bewusste Aufmerksamkeitssteuerung und die Frustrationstoleranz. Der ’Top-Down’ unterdrückende Effekt von Bildschirmmediennutzung sei in zahlreichen Studien belegt worden, so Bleckmann. Besonders für solche Medienanwendungen, in denen der Nutzer subjektiv nicht passiv reagiere, sondern das Gefühl habe zu agieren, wie etwa in Computerspielen mit schnellen Reiz-Reaktions-Anforderungen, erklärt die Medienpädagogin. Sie stellt klar, dass Willens-Schwächung in keiner Weise nur auf das Konto der Smartphone-Nutzung geht: “Beginnend im Kindergartenalter und das Grundschulalter hindurch ist zunächst der Fernseher das Leitmedium. Rasante Schnitte, schnelle Handlungsfolgen, grelle Farben wie man sie in typischen Kinder-Zeichentrickserien findet, statt ruhiger ’altmodischer’ Kinderfilme reduzieren bereits bei fünfjährigen die Exekutivfunktionen im Gehirn“, so Bleckmann. Aktuelle wissenschaftliche Studien aus Asien belegen laut Bleckmann, dass bei exzessiven Smartphonenutzern die Fähigkeit reduziert ist, ihr Gewohnheitshandeln - wie den ständigen Blick aufs Smartphone – zugunsten längerfristiger Ziele zu unterdrücken.

Südkorea in PISA-Studien

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sagt, Südkorea habe bei den PISA-Studien in der Vergangenheit immer gut abgeschnitten.

Südkorea belegt bei den PISA-Rankings fast schon traditionell einen der oberen Plätze. Schon bei der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 belegte das Land in der Kategorie Naturwissenschaften den ersten Platz. Im Fach Mathematik lag Südkorea hinter Japan an zweiter Stelle. Deutschland lag in diesen beiden Kategorien dagegen deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Nur unwesentlich schlechter schnitt Südkorea bei PISA im Jahr 2003 ab. Diese Studie richtete ihr Hauptaugenmerk auf das Fach Mathematik. Hinter Hongkong und Finnland belegte Südkorea den dritten Platz. Bei der PISA-Studie 2012 weist Südkorea unter den OECD-Ländern sogar den besten Mittelwert aller Kategorien (Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften) auf. Lediglich die OECD-Partnerländer Shanghai, Singapur, Hongkong und Taipeh liegen im Ranking vor den Koreanern.

Frank Thelen über Kinder und Programmieren

Der Unternehmer Frank Thelen plädiert für mehr Tablet-Computer in Schulen und Kindergärten. Das Wissen über Software sei ein wichtiger Bildungsbaustein für die Zukunft. Er ist sicher: Kinder, die heute nicht lernen wie man programmiert, sind die Analphabeten der Zukunft. Stimmt seine Einschätzung oder sieht er zu schwarz?

“Analphabeten der Zukunft halte ich für etwas schwarz gemalt“, sagt Dorothée Hefner. Und dennoch könne man der Aussage aus wissenschaftlicher Sicht zustimmen: “Kindern und Jugendlichen sollte programmieren lernen im Vergleich zu Erwachsenen leichter fallen. Gleichzeitig hat es sicherlich positive Auswirkungen auf ihre kognitive Entwicklung, da man beim Programmieren sehr logisch, systematisch und klug vorgehen muss. Man kann beim Programmieren, genau wie Herr Spitzer es fordert, mit Anstrengung etwas Eigenes schaffen.“ Darüber hinaus werde diese “Sprache“ weiterhin an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen, ist sich Hefner sicher. Außerdem helfe sie zu verstehen, wie die Programme und Apps funktionieren und stärke damit auch die Anwenderkompetenz, so Dorothée Hefner.

Paula Bleckmann stimmt Frank Thelen zu, dass Programmieren lernen heute ein viel wichtigeres Bildungsziel ist als je zuvor. Es müsse jedoch in Balance zu anderen Bildungszielen stehen. Nur den Weg, den Thelen vorschlägt, hält die Medienpädagogin für falsch: "Nach dem aktuellen Forschungsstand ist Herr Thelens Forderung nach Frühdigitalisierung in den Bildungsinstitutionen nicht nur falsch, sondern kontraproduktiv im Hinblick auf das von ihm angesteuerte Ziel." Dosierter Computereinsatz mache erst ab der Mittelstufe Sinn, so Bleckmann. Im Kindergarten- und Grundschulalter dagegen gar nicht. "Hier ist High Touch, also unmittelbare multisensorische Welt- und Beziehungserfahrung Grundlage für spätere kognitive Leistungsfähigkeit und damit auch Grundlage fürs Programmieren. In benachteiligten sozialen Schichten ist diese unmittelbare Welterfahrung im Elternhaus durch die deutlich höhere Ausstattung an Bildschirmgeräten und deutlich höhere Nutzungszeiten gefährdet", sagt die Medien-Expertin. Laut der ICILS-Studie würden diejenigen Schüler die höchsten Kompetenzwerte im Umgang mit Computern aufweisen, die in Elternhäusern mit vielen Büchern aufwachsen und auf wenig PC-Erfahrung zurückblicken. Auch der OECD-Bericht über Computer und Bildung habe aufgezeigt, dass in den Ländern mit den höchsten Investitionen in Digital-Bildung die PISA-Ergebnisse in grundlegenden Kulturtechniken wie Leseleistungen zurückgehen.

Ranga Yogeshwar über Smartphones und Lernprozesse

Ranga Yogeshwar ist von der rasanten Entwicklung und den Fähigkeiten der Smartphones beeindruckt. Er ist sicher, dass unsere Gesellschaft gerade erst am Anfang eines Lernprozesses über den richtigen Umgang mit diesen Geräten steht. Braucht es einen solchen Lernprozess, um die Risiken von Smartphones besser einschätzen und minimieren zu können?

"Mit Sicherheit braucht es einen solchen Lernprozess und dieser war auch in der Vergangenheit bezüglich anderer technischer Entwicklungen zu beobachten", stimmt Dorothée Hefner zu. "Wir Menschen 'domestizieren' neue technische Errungenschaften, das heißt, wir integrieren sie in unser Alltagsleben in einem Prozess, in dem wir als Individuen, Gruppen und Gesellschaft Werte verhandeln, die damit zusammenhängen und eben auch die Art und Weise, wie sie genutzt werden sollten." Dieser Prozess werde immer von Emotionen wie Angst vor möglichen Entwicklungen, Entdeckerfreude oder Faszination begleitet, so die Expertin. "Unsere Gesellschaft befindet sich mitten in diesem Aushandlungsprozess, wie wir mit den neuen Möglichkeiten umgehen möchten. Dazu gehören Fragen, ab wann Kinder ein Smartphone haben sollten, wie viel Zeit sie damit verbringen sollten, ob Arbeitnehmer stärker geschützt werden müssen, ob und wie man das Smartphone nutzen darf, wenn man sich gerade in einem Gespräch befindet und ob Kinder in der Schule Programmieren lernen sollten." Dieser Prozess werde sowohl durch persönliche Erfahrungen als auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse, die permanent generiert werden, aber immer ein wenig hinterherhinken, angefüttert, so Hefner.

"Ja, es braucht eindeutig einen solchen Lernprozess, aber nein, wir stehen nicht erst am Anfang", sagt Paula Bleckmann. Nach Ansicht der Medienpädagogin sollte in diesem Prozess auf Erkenntnisse aus den Gebieten der Technikfolgenabschätzung und der Medienwirkungsforschung ebenso zurückgegriffen werden, wie auf die Erfahrungen mit Interessenkonflikten bei industriefinanzierten Projekten. "Wichtig ist, dass nicht Berührungsängste oder Pauschalkritik den Prozess begleiten, aber auch nicht unreflektierte Euphorie oder gar reine Vermarktungsinteressen von Großkonzernen. Stattdessen sollten in der Tradition der Technikfolgenabschätzung Chancen und Risiken neuer Entwicklungen langfristig erforscht werden." Nach Ansicht von Paula Bleckmann ist Digitalisierung weder gut noch böse: “Es kommt darauf an, was wir daraus machen.“

Manfred Spitzer über eine Londoner Studie

Manfred Spitzer ist davon überzeugt, dass Tablets und Smartphones für die Entwicklung von Kindern einen schädlichen Einfluss haben. Eine Studie von Wirtschaftswissenschaftlern aus London habe gezeigt, dass sich die Leistungen von Schülern verbessert, wenn auf deren Schulen ein Smartphoneverbot ausgesprochen wurde.

Tatsächlich kommen Wissenschaftler der London School of Economics zu dem Ergebnis, dass ein Verbot von Smartphones sinnvoll sein kann. Die Forscher Louis-Philippe Beland und Richard Murphy fanden heraus, dass sich die Testergebnisse bei 16-jährigen Schülern um über sechs Prozent verbesserten, nachdem Schulen ein Handyverbot in Kraft setzten. Die Wissenschaftler heben dabei hervor, dass die Leistungssteigerungen besonders bei den schwächeren Schülern festgestellt wurden. So habe sich der Zuwachs beim Lernerfolg bei den schwachen Schülern gegenüber dem Durchschnitt verdoppelt.

Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommen übrigens auch Forscher der amerikanischen Kent State University. Sie fanden heraus, dass der Notendurchschnitt von Studenten, die regelmäßig ein Smartphone nutzen, schlechter war als bei jenen Studenten, die auf ein Smartphone verzichteten. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Nutzung des Smartphones die Studenten schlicht vom Lernen abgelenkt habe.

Stand: 24.05.2016, 15:26