3. März 1912 - DDR-Politiker Klaus Gysi wird geboren Ein Fanatiker, mit dem sich reden lässt


Schriftstellerin Anna Seghers 1969 mit DDR-Kulturminister Klaus Gysi
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DDR-Kulturminister Gysi 1969 mit Schriftstellerin Anna Seghers

Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, wurde mit 23 Jahren der jüngste Rechtsanwalt in der DDR. Um das zu erreichen, müsse man schon den Papst zum Vater haben, spottet eine Studienkollegin einmal. Gysi ist, was man im Arbeiter- und Bauernstaat ein Heldenkind nannte, das Kind eines Siegers der Geschichte. Er ist der Sohn von Klaus Gysi, dem langjährigen Kulturpapst der DDR.

Klaus Gysi, so beschreibt ihn der aus Ostdeutschland stammende Publizist und Gregor-Gysi-Biograf Jens König, "hing mit jeder Faser seines Körpers an der DDR". 1912 in Berlin-Neukölln geboren, besucht der jüdische Arztsohn unter anderem die Odenwaldschule und studiert Volkswirtschaft in Frankfurt/Main, an der Pariser Sorbonne und in Berlin. 1931 tritt er in die KPD ein und arbeitet im antifaschistischen Widerstand. Nach seiner Verweisung von der Universität Berlin 1935 emigriert Gysi zunächst nach Cambridge, dann nach Paris.

Bewährung als Leiter des Aufbau-Verlags

1940 ruft ihn seine Partei aus dem Exil zurück. Gysi lässt sich auf das "Himmelfahrtskommando" (Jens König) ein und arbeitet als Verlagsangestellter bis Kriegsende unter Lebensgefahr im politischen Untergrund. Nach der Zwangsvereinigung von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Sowjetzone tritt Klaus Gysi 1946 der neu gegründeten SED bei. Dort hat er zunächst einen schweren Stand, denn die Sozialistische Einheitspartei soll von bürgerlichen Intellektuellen gesäubert werden. Gysis Reaktion: Er arbeitet als "geheimer Informator" für die Stasi. "Lieber ich, ein gebildeter, kultivierter, weltgewandter Mann übernimmt diese Aufgabe statt ein anderer", umreißt Jens König Gysis innere Rechtfertigung für die Spitzelarbeit.

1957 vertraut die SED Gysi als Bewährungsprobe die Leitung des Aufbau-Verlags an. Er soll das renitente Aushängeschild der DDR-Literatur wieder auf Linie bringen. Gysi erfüllt die Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit von Parteichef Walter Ulbricht. 1966 befördert er den ebenso eloquenten wie kontaktfreudigen Intellektuellen zum Kulturminister. Marcel Reich-Ranicki porträtiert Gysi damals in einem Artikel der "Zeit" als einen im Sozialismus seltenen Charakter: "Er ist parteiergeben und doch intelligent, moskauhörig und zugleich beweglich. … Er ist ein Fanatiker, mit dem sich dennoch reden lässt." Auch Gysi lässt unliebsame Bücher verbieten, "er konnte es den Betroffenen nur besser erklären", so der Biograf König.

Zu lasch gegen kirchliche Opposition

Ebenso wie König schildert Gregor Gysis Schwester Gabriele, die der DDR 1985 den Rücken kehrt, ihren Vater trotz des Ministeramts als eher "mittleren Abteilungsleiter" des Parteiapparats. "Mein Vater war immer wichtig als intellektueller Partner, aber niemals ein wesentlicher Entscheidungsträger." Verglichen mit anderen Partei-Größen sei er "eigentlich ein Machtloser" gewesen. Bis 1973 steht Gysi an der Spitze des Kulturministeriums. Danach wird er, vom Politbüro inzwischen als vertrauenswürdiger "Feuerwehrmann" geschätzt, Botschafter in Italien, im Vatikan und in Malta.

1979 befördert ihn SED-Chef Erich Honecker zum Staatssekretär für Kirchenfragen. Der gewandte Vermittler soll die regimekritischen Stimmen in den Kirchen unter Kontrolle bringen. Dies gelingt Gysi lange Zeit. Doch je mehr die Kirchen zum Sammelbecken der Opposition werden, umso mehr fällt er wegen "zu lascher Haltung" in Ungnade. 1988 schickt das Politbüro den 76-Jährigen endgültig in den Ruhestand. Nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der DDR tritt Klaus Gysi der SED-Nachfolgepartei PDS bei, die von seinem Sohn Gregor geführt wird. Am Einigungsprozess kann er sich aber nicht mehr beteiligen. In seinen letzten Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls leidend, stirbt Klaus Gysi am 6. März 1999 in Berlin.

Stand: 03.03.2012

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