4. September 1989 - Erste Montagsdemonstration in Leipzig

Bei der Leipziger Montagsdemonstration am 13.11.1989 stehen Teilnehmer vor dem Gebäude der Staatssicherheit

Stichtag

4. September 1989 - Erste Montagsdemonstration in Leipzig

Leipzig, 4. September 1989, 17.00 Uhr: Nach dem traditionellen Friedensgebet in der evangelischen Nikolai-Kirche versammeln sich über 1.000 Menschen auf dem Vorplatz. In den Nebenstraßen ist die Volkspolizei angetreten. Die Zivilfahnder der Staatssicherheit sind auf ihrem Posten. Dann entrollt Katrin Hattenhauer das erste Transparent. "Für ein offenes Land mit freien Menschen" steht darauf. "Reisefreiheit statt Massenflucht" heißt es auf einem anderen. Katrin Hattenhauer ist schon früher bei Staat und Kirche angeeckt. Weil sie Flugblätter gedruckt und verteilt hatte, wurde sie mehrfach festgenommen. Die kirchliche Hochschule, an der sie Theologie studierte, warf sie raus.

Die 20-Jährige hofft, dass sie die Lebensbedingungen in der DDR verändern kann - durch diese erste Montagsdemonstration in Leipzig. Andere Demonstranten haben die Hoffnung auf Veränderung aufgegeben. Sie wollen das Land verlassen. Bereits im Januar 1989 hat eine Gruppe Ausreisewilliger Schlagzeilen gemacht. Sie besetzten das Gebäude der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Eine weitere Besetzung folgte im Sommer. Auch in anderen Warschauer-Pakt-Staaten wurden bundesdeutsche Botschaften das Ziel ausreisewilliger DDR-Bürger.

Aktivisten werden verhaftet

Beim Protest in Leipzig greifen die Behörden zunächst nicht ein. Weil Messemontag ist, sind westliche Journalisten vor Ort. Als am Montag danach jedoch wieder demonstriert wird, zeigt der Staat Härte. Katrin Hattenhauer wird verhaftet. Die Stasi habe den Plan gehabt, die Aktivisten so brutal wie möglich zu behandeln - als Botschaft an die Leipziger Bevölkerung: "Das passiert, wenn ihr euch denen anschließt." Die DDR-Medien schweigen dazu.

Stattdessen verliest an diesem Abend der Sprecher der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" eine Erklärung des DDR-Außenministeriums: "Seit Wochen führen gewisse Kräfte der BRD, vor allem Medien, eine zügellose Hetze gegen die DDR. Sie konzentriert sich auf die Bürger der DDR, denen man in BRD-Botschaften widerrechtlich Aufenthalt gewährt oder die sich in der ungarischen Hauptstadt mit der Erwartung aufhalten, eine illegale Ausreise zu erreichen." Der Tenor der vier Minuten langen Erklärung: Einige DDR-Bürger sind Opfer feindlicher Propaganda geworden. Die "Bonner Einmischungsversuche" könnten zu ernsten Konsequenzen führen.

Erich Honecker tritt zurück

Auch als Katrin Hattenhauer im Gefängnis sitzt, gehen die Montagsdemonstrationen weiter. Von Woche zu Woche wächst die Zahl der Teilnehmer. Obwohl die Sicherheitskräfte auch am 18. September mit Gewalt und Verhaftungen auf die Proteste reagieren, beteiligen sich am 25. September rund 8.000 Menschen an der Demonstration nach dem Friedensgebet. Am 2. Oktober werden etwa 20.000 Teilnehmer gezählt. Es kommt wieder zu Übergriffen. Als am 9. Oktober über 70.000 Menschen nach Friedensgebeten in vier Leipziger Kirchen über den Innenstadtring ziehen, greifen die Sicherheitskräfte jedoch nicht mehr ein. Mit Parolen wie "Wir sind das Volk", "Keine Gewalt", "Freiheit, freie Wahlen" und "Lasst die Gefangenen frei" verlangen die Demonstranten Meinungsfreiheit und politische Reformen.

Am 13. Oktober wird Katrin Hattenhauer nach fünf Wochen aus der Haft entlassen. An der nächsten Montagsdemonstration nehmen bereits 120.000 Menschen aus der ganzen DDR teil. Zwei Tage später, am 18. Oktober, tritt Staats- und Parteichef Erich Honecker nach 18-jähriger Regierungszeit zurück - offiziell aus "gesundheitlichen Gründen". Die DDR beginnt, sich aufzulösen, am 9. November fällt die Mauer. Die Montagsproteste werden dennoch fortgesetzt. Nun werden die Gegensätze zwischen Befürwortern und Gegnern einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten immer deutlicher: Am 11. Dezember übertönt der neue Slogan "Wir sind ein Volk" die ursprüngliche Parole "Wir sind das Volk". Die letzte Montagsdemonstration in Leipzig findet im März 1990 statt, kurz vor der letzten Volkskammerwahl der DDR.

Stand: 04.09.2014

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