Verfehlte Klimaziele: Schmelzende Gletscher dank Braunkohle

MONITOR vom 14.09.2017

Verfehlte Klimaziele: Schmelzende Gletscher dank Braunkohle

Bericht: Achim Pollmeier, Mathea Schülke

Georg Restle: „Und noch etwas fällt auf in diesem Wahlkampf. Dass unglaublich viel diskutiert wird - in Fernsehdebatten und online sowieso, dass Vieles aber nur kaum oder gar nicht zur Sprache kommt. Und das, obwohl es um zentrale Zukunftsfragen geht. Zum Beispiel die Rüstungspolitik. Geht es nach der jetzigen Bunderegierung, soll Deutschland bis 2024 wieder die größte Militärmacht Europas werden - nur ein Randthema in diesem Wahlkampf. Genauso wie die Digitalisierung. Da sind zwar alle für neue Glasfaserkabel, aber wie wir damit umgehen, dass die digitale Revolution Millionen Arbeitsplätze auffrisst, darauf gibt es keine Antworten. Und ein Rentenkonzept für die Zeit nach 2030, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen? Fehlanzeige. In einem Wort: Wohlfühl-Wahlkampf. Unangenehmes wird einfach weggedrückt. Und das gilt auch und ganz besonders für ein weiteres Zukunftsthema, bei dem diese Bundesregierung krachend gescheitert ist: Die Klimapolitik. Achim Pollmeier und Mathea Schülke beginnen ihren Realitätscheck ganz weit oben auf Deutschlands höchstem Gipfel.“

Die Zugspitze - auf 2.650 Metern liegt Deutschlands höchste Forschungsstation. Seit Jahren messen hier Wissenschaftler die Folgen des Klimawandels. Wir begleiten zwei hinauf: Max Wittmann untersucht das Gestein im Berg. Professor Stefan Emeis ist Meteorologe und Klimaforscher. Schon der Blick aus der Seilbahn macht ihm Sorgen:

Reporterin: „Was geht ihnen als Wissenschaftler durch den Kopf, wenn Sie das hier sehen?“

Prof. Dr. Stefan Emeis (Karlsruhe Institute of Technology): „Ich sehe ein wunderschönes Ökosystem, was ich eigentlich gerne in Ruhe erforschen möchte, aber was ich in den letzten Jahren feststellen muss, ist, dass es sich rapide verändert, dramatisch verändert. Diese Gletscher, den letzten Rest sehen Sie hier noch - der wird immer weniger.“

Noch vor 150 Jahren war das ganze Bergmassiv von Gletschereis bedeckt, nun ist nur noch ein Sechstel da. In 20 bis 30 Jahren - so die Prognose der Wissenschaftler - könnten die ehemaligen Eisriesen ganz verschwunden sein. Für immer. Schmelzendes Eis - das ist nicht nur ein Problem auf der Zugspitze, sondern auch im Inneren des Berges. Max Wittmann dokumentiert das regelmäßig. Sein Forschungsgebiet: ein 800 Meter langer Stollen. Hier misst er, wie der Permafrost, also das ewige Eis, das die Felsen umgibt, auf den Temperaturanstieg reagiert:

Max Wittmann, TU München: „Da sieht man jetzt praktisch ins Herz - wenn man so will - unserer Permafrost-Linse, die wir hier seit nunmehr zehn Jahren beobachten.“

Noch sind hier und in den gesamten Alpen viele Felsen im Sommer wie im Winter gefroren, doch wie lange noch?

Max Wittmann, TU München: „Was man bis jetzt bemerkt, ist, dass die Höhe, ab der Permafrost auftritt, sukzessive nach oben wandert. Das heißt, was vor 50 Jahren noch auf 2.600 Meter gefroren war, ist jetzt erst ab 3.000 Meter gefroren.“

Wenn der Permafrost nach oben wandert - fehlt der Kitt, der die Felsmassen zusammenhält. Die Folgen können verheerend sein: Bergrutsche und schwere Felsstürze wie kürzlich in der Schweiz. Für Stefan Emeis ist klar, das sind vor allem Folgen eines ungehemmten CO2-Ausstoßes. Seit Beginn der Messungen sind die Temperaturen hier oben um rund zwei Grad gestiegen.

Prof. Dr. Stefan Emeis (Karlsruhe Institute of Technology): „Da sieht man eine Mittellinie, das ist die Durchschnittstemperatur der letzten hundert Jahre. Und dann sehen wir hier die Balken, das sind die Temperaturen der einzelnen Jahre und wir sehen, dass in den letzten 20, 30 Jahren praktisch nur noch zu warme Jahre auftreten.“

Die Bundesregierung hat versprochen, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu verringern. Im Vergleich zu 1990 wurden bislang aber nur 28 Prozent eingespart. Zuletzt ist der Ausstoß sogar wieder gestiegen. Die Ursache dafür lässt sich einige hundert Kilometer weiter nördlich besichtigen. Unermüdlich fressen sich die Bagger durch den Braunkohletagebau Welzow-Süd in der Niederlausitz. Nachschub für die riesigen Kraftwerke in der Umgebung. Es ist die klimaschädlichste Art, Strom zu machen. Doch der Betreiber erwägt jetzt sogar eine Erweiterung des Tagebaus. Die Genehmigung ist schon erteilt. Und dadurch könnte auch ein ganz besonderer Ort für immer verschwinden: Proschim. Rund 700 Jahre alt, gut 300 Einwohner. Ein Vorzeigedorf für die Energiewende. Es gibt Biogas- und Solaranlagen, sogar einen Windpark. Proschim erzeugt zehnmal so viel Strom, wie es selbst verbraucht. Doch ausgerechnet dieses Dorf soll womöglich der Braunkohle weichen. Wie viele andere Orte zuvor. Marianne Kapelle hat ihr ganzes Leben hier verbracht, der alte Hof gehörte mal ihren Großeltern. Gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann hat sie ihn zu einem Symbol für die Energiewende gemacht. Auf jeder halbwegs geeigneten Dachfläche eine Solaranlage.

Reporter: „Warum machen Sie so viel?“

Marianne Kapelle: „Um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, mitzuhelfen, ganz einfach die Erde hier zu erhalten.“

Ihr Sohn Steffen hilft häufig aus auf dem Hof. Beruflich baut der Elektromeister unermüdlich Solaranlagen - auch hier im Ort. Doch immer wieder stellen sie hier fest, dass der grüne Strom ausgebremst wird - ausgerechnet zu Gunsten der Braunkohle.

Steffen Kapelle: „Der Windgenerator steht zum Beispiel wieder, das sehen wir dann auch von hier aus.“

Marianne Kapelle: „Ja, fast jeden Tag steht etwas von den Windmühlen, eine große, mehrere Kleine oder alle großen, alle vier großen …

Reporter: „Weil die zu viel Strom machen, oder warum?“

Marianne Kapelle: „Weil sie zu viel Strom machen. Das tut richtig weh. Das tut richtig weh, wenn ich dann in das Tagebaufenster Welzow-Süd gucke und weiß, dass man darauf drückt, noch weiterzumachen.“

Während Windräder stillstehen, arbeitet das Kraftwerk nebenan weiter. Deutschland setzt für die Grundversorgung immer noch vor allem auf Braunkohlestrom - schmutzig, aber billig. Das Problem: die Kolosse können oft nur langsam runterfahren, wenn viel grüner Strom ins Netz fließt. Die Folge: Obwohl die sauberen Erneuerbaren eigentlich Vorrang haben, müssen sie immer wieder heruntergefahren werden. Die Stromkonzerne bestreiten das, ihre Anlagen seien sehr flexibel. Doch Steffen Kapelle, der auch mehrere Windkraftanlagen betreut, sieht immer wieder, dass sie abgeschaltet werden.

Steffen Kapelle: „Ist für uns ne Katastrophe. Die Heimat wird zerstört, der Bagger kommt immer näher, wir leiden unter dem Krach, unter dem Lärm. Der Strom könnte genutzt werden, wird nicht genutzt, dafür wird Kohlestrom genommen.“

Die Bundesregierung hält an der Braunkohle fest, will kein Ausstiegsdatum nennen. Statt weniger zu produzieren, wird billiger Braunkohlestrom sogar exportiert, verdrängt auch im Ausland klimafreundlichere Stromerzeugung. Der Einsatz von Braunkohle ist in den letzten zwölf Jahren nicht gesunken. Zwölf Jahre unter der so genannten „Klimakanzlerin“. Und auf der Zugspitze werden Forscher wie Stefan Emeis auch künftig die Folgen dieser Politik beobachten. Viel Hoffnung auf einen Wandel hat er nicht mehr.

Prof. Dr. Stefan Emeis (Karlsruhe Institute of Technology): „Wenn ich an die Generation danach denke, dann kriege ich Angst, denn die werden in eine Zeit hineinlaufen mit noch dramatischeren, noch schnelleren Änderungen. Das heißt, wir müssen heute anfangen, was zu tun, damit die folgenden Generationen auch noch eine vernünftige Lebensgrundlage haben.“

Stand: 12.09.2017, 14:34

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11 Kommentare

Neuester Kommentar von "Nora Leymann", 18.09.2017, 17:52 Uhr:

Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Diesem Thema kann gar nicht genug Aufmerksamkeit verliehen werden, denn der Klimawandel stellt die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten vor unfassbar große Herausforderungen. Unter den verheerenden Folgen leiden Millionen von Menschen im globalen Süden bereits jetzt! Die deutschen Braunkohlenutzung trägt erheblich zum Klimawandel bei (auch wenn hier einige Kommentatoren das Gegenteil behaupten). Und ja, es stimmt, dass Windstrom abgeregelt wird, weil Braunkohlestrom das Netz verstopft. Das ist absurd, aber es passiert. Wenn man sich das nicht vorstellen kann, dann sollte man nicht dem Reflex erliegen, Journalisten gleich als unseriös zu beschimpfen, sondern sich besser informieren. Im Übrigen wäre es in Deutschland möglich, gleichzeitig auf alle Atom- und Braukohlekraftwerke zu verzichten, wie diese Analyse zeigt: http://www.antiatombonn.de/index.php/sofortausstieg Das klingt unglaublich, ist aber seriös durchgerechnet.

Kommentar von "Monika Rocholl", 15.09.2017, 17:47 Uhr:

Ein guter Beitrag, der den Menschen die Augen öffnen hilft ....es kann doch nicht sein, dass Windkraftanlagen zugunsten der schmutzigen Produktion von Strom aus Braunkohle-Kraftwerken abgeschaltet werden....der Ausstieg aus der Braunkohle kann angeblich nicht sofort vollzogen werden - wegen der Arbeitsplätze - das wird schon seit Jahren so ausgesprochen von der Politik : wichtig ist , ENDLICH den 1. SCHRITT zu machen , denn es ist ja schon 5 Min. NACH 12 !!!! Wo ist die Regierung, die die Erreichung des Klimaziels Deutschlands und den Beitrag zur Rettung unserer Erde endlich mutig durchsetzt, weil als unumgänglich erkannt ?

Kommentar von "Monika Rocholl", 15.09.2017, 16:32 Uhr:

Hallo, Redaktion, ich habe meinen Kommentar heute ca. 14.20 abgegeben.... er ist noch nicht veröffentlicht ... woran liegt das ? @Antwort der Redaktion: Wir haben nichts gelöscht... Scheint nicht angekommen zu sein. Bitte nochmal posten! Vielen Dank!

Kommentar von "A. Anders", 15.09.2017, 14:18 Uhr:

Ich maße mir nicht an, zu wissen wer recht hat oder lügt. Aber ich finde solche Beiträge wichtig und richtig. Es muss aufgezeigt werden, was sich so abspielt in unserer Republik. Und man muss beide Seiten hören. Allerdings ist Vieles für mich widersprüchlich und ich weiß, dass es um viel Geld geht. Sehr viel Geld! Aber auch wenn ich insgesamt nicht viel weiß, eines dürfte klar sein: wir brauchen die Natur und eine Umwelt in der wir leben können - die Natur braucht uns nicht!

Kommentar von "Gunther", 15.09.2017, 08:50 Uhr:

Windkraftwerke werden ausgeschaltet um Kohlekraftwerke auszulasten! Was geht in den Köpfen von Journalisten vor, wenn sie solche Lügen verbreiten? Das stimmt einfach nicht! Die Kohlekraftwerke gleichen die Schwankungen der erneuerbaren Energienen aus und liefern die überwiegende Menge der erforderlichen Leistung. Hier kann man/frau sich z.B. informieren: https://www.energy-charts.de Wer solchen Journalismus betreibt muss sich nicht über den Ausdruck Lügenpresse wundern!

Kommentar von "Jeffrey Michel", 15.09.2017, 03:52 Uhr:

Die Braunkohlenutzung emittiert etwas mehr als 2 Prozent aller Treibhausgase weltweit. Der entsprechende Beitrag von Deutschland liegt somit unterhalb 0,5%. Der Ersatz der Braunkohleverstromung durch einzelne Windkraftanlagen bleibt somit ohne messbare Folgen für das Klima. Durchaus signifikant hingegen ist die Tatsache, dass sich die ersten Rückversicherer inzwischen von neuen Kraftwerksprojekten zurückziehen, so beispielsweise in der Türkei und in Osteuropa: http://unfriendcoal.com/2017/09/11/as-climate-crisis-escalates-first-reinsurer-stops-underwriting-certain-coal-projects/

Kommentar von "Leon", 15.09.2017, 00:37 Uhr:

Im Beitrag hieß es der deutsche Kohlestrom verdränge im Ausland saubere Alternativen. Gibt es dafür Beispiele? Ich erinnere mich an eine Aussage der Kanzlerin neulich, in der sie sinngemäß Gegenteiliges behauptet hat: "Woanders würde er unter Umständen noch umweltschädlicher produziert". Ich muss zugeben, dass ich diese Aussage zu dem Zeitpunkt recht unkritisch hingenommen habe. Deshalb bin ich jetzt schon dankbar, dass der Beitrag mich sensibilisiert hat und würde mich über weiterführende Hinweise freuen!

Kommentar von "Karla Blau", 14.09.2017, 23:07 Uhr:

Vielen Dank für diesen wichtigen und sehr informativen Beitrag. Bitte nehmen Sie dieses Thema mit Fokus auf den Braunkohletagebau im Rheinland vor der Klimakonferenz in Bonn unbedingt noch einmal auf. Über die heute genannten Aspekte der Gletscherschmelze und der Vernichtung von Ortschaften und damit Heimat hinaus, sind auch die Aspekte der Luftverschmutzung (Quecksilber, Blei, Arsen, Feinstäube) durch den Braunkohletagebau und der unverantwortlichen Rodung des kleinen Restes des Hambacher Forstes ebenso wichtig wie das Problem, dass der Strukturwandel endlich eingeleitet werden muss. Jeder Tag, den wir ungenutzt verstreichen lassen und weiter Braunkohle zur Stromgewinnung nutzen, ist einer zuviel und wird nicht wieder gut zu machende Auswirkungen für das Klima nach sich ziehen.

Kommentar von "Otto", 14.09.2017, 22:33 Uhr:

Sie haben völlig Recht die Braunkohlekraftwerke anzuprangern. Um Ihre Argumente zu unterstreichen zeigen Sie dann in Großaufnahme die Wolken über den Kühltürmen. Diese stoßen aber kein CO2 aus!! Das ist reiner Wasserdampf. In diesen Kühltürmen rieselt das erwärmte Wasser herunter um abzukühlen. Dabei entsteht der Wasserdampf, der oben austritt. Das hat mit den Verbrennungsvorgängen rein garnichts uu tun. Die Abgase werden aus Schornsteinen ausgestoßen. Die sind aber in Ihren Bildern nicht zu sehen. Ich denke, das gehört auch zu einer korrekten Berichterstattung.

Kommentar von "K.B.", 14.09.2017, 10:46 Uhr:

Ja, Gletscher schmelzen mit Sicherheit auch wegen der Umwandlung von feststöffigen Kohlen in Gasförmigkeit. Die Verbrennung von Kohlen tragen mit dazu bei dass die Atmosphäre sich erhitzt. Doch würde man bei uns alle Kohlekraftwerke, alle Atomkraftwerke, alle Gaskraftwerke und alle ölbetriebenen Kraftwerke ausschalten würde man trotzdem an der Erdaufheizung nichts verändern können. Es gab erdgeschichtlich immer Warm- und Kaltphasen auf der Erde, welche mit der Umlaufbahnen der Erde und an den Sonneneruptionen sowie den sogenannten Sonnenwinden zusammenhängen. In Laufe von Jahrmillionen gab es extrem viel Vulkanausbrüche, welche mit Sicherheit mehr Schadstoffen in unsere Atmosphäre schickten als derzeitig moderne Kraftwerke. Doch sollten wir Menschen grundsätzlich mit unserer Erde freundlich umgehen können nicht umweltfreundlicher Leben. So z.B. auch das Fliegen, das Militär, Kreuzfahrten, kaminöfen, Rauchen, Produktion von Akkus und so weiter abschaffen, vor allem die Kriege.

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