Die Schlacht um Rakka: „Befreiung“ um jeden Preis

MONITOR vom 12.10.2017

Die Schlacht um Rakka: „Befreiung“ um jeden Preis

Bericht: Nikolaus Steiner

Georg Restle: „Das Bild, das Sie hinter mir sehen, stammt aus der syrischen Stadt Rakka - oder was von ihr übrig geblieben ist nach wochenlangem schwerstem Beschuss durch die US-Koalition. Während wir hier in Deutschland über eine restriktivere Flüchtlingspolitik diskutieren, eskaliert in Syrien einer der schlimmsten Kriege unserer Zeit. Und kaum einer bekommt es mit. Im September starben in Syrien nach Angaben der UN so viele Zivilisten wie nie zuvor in diesem Jahr. Und es könnte noch schlimmer werden. Seit Ende September verstärkt die russische Luftwaffe ihre massiven Angriffe auf Ziele im Osten und Nordwesten des Landes, wo auch zahlreiche Krankenhäuser beschädigt wurden. Die Türkei hat erst vor wenigen Tagen eine neue Großoffensive im Norden des Landes angekündigt. Und in Rakka bombardiert die US-geführte Koalition seit Monaten eine Stadt, in der immer noch tausende Zivilisten gefangen sind. Von zivilen Opfern ist dabei nur selten die Rede. Ganze fünf getötete Zivilisten seit Beginn der Offensive hat die US-Militärführung bisher bestätigt. Eine zynisch niedrige Zahl, die mit der Wirklichkeit in Rakka offensichtlich nichts zu tun hat. Nikolaus Steiner.“

Fahrt durch eine Geisterstadt. Von Rakka, der ehemaligen Hauptstadt des so genannten Islamischen Staats, ist kaum mehr als ein Skelett übrig. Aber der Krieg geht weiter. Noch immer wird in den Straßen gekämpft, noch immer gibt es Luftangriffe. Seit vier Monaten greift die US-geführte Koalition den IS in der dichtbesiedelten Stadt an. Nach eigenen Angaben hat die Koalition allein seit Juni 28.328 Raketen, Bomben und andere Munitionstypen abgefeuert. Und 3.922 Mal vom Boden und der Luft aus Rakka angegriffen. Doch trotz der immensen Zerstörungen seien dabei kaum Zivilisten getötet worden, sagt die US-Militärführung.

Lt. Gen. Stephen J. Townsend, Commander, Operation Inherent Resolve (22.08.2017) (Übersetzung Monitor): „Es ist wahrscheinlich logisch anzunehmen, dass es mehr zivile Opfer gibt, weil unsere Operationen dort intensiver geworden sind. Aber zeigen Sie mir harte Belege dafür, dass es eine signifikant höhere Zahl an zivilen Opfer in Rakka gibt.“

Abu Ahmad erzählt eine andere Geschichte: Er läuft auf den Trümmern seines Familienhauses, westlich von Rakka. Hierher war seine Familie geflohen, vor dem Terror des IS, erzählt er.

Abu Ahmad (Übersetzung Monitor): „Die US-Koalition hat hier bombardiert. Hier standen sechs Häuser. Allein in dem Haus meines Verwandten wurden 21 Menschen getötet. Sie hatten es aus Rakka rausgeschafft, sind vor dem IS geflohen und wurden schließlich von der Koalition bombardiert und umgebracht.“

Was hier vor einigen Monaten tatsächlich passiert ist, lässt sich kaum überprüfen. Klar ist aber, es gibt viele Berichte wie die von Abu Ahmad. Jan Egeland, Berater der UN für Syrien und Generalsekretär des norwegischen Flüchtlingsrats forderte in den letzten Wochen immer wieder eine Feuerpause und humanitäre Fluchtkorridore - allerdings vergeblich, sagt er.

Jan Egeland, UN-Berater für den Syrien-Konflikt (Übersetzung Monitor): „Es gibt Tausende von Luftangriffen, Gebäude für Gebäude für Gebäude. Und woher wissen Sie, wer sich in diesen Gebäuden aufhält? Die Zivilisten mussten einen hohen Tribut zollen. Insbesondere die, die von Kämpfern des Islamischen Staats als menschliche Schutzschilde benutzt wurden. Diese Kämpfer haben natürlich die Hauptverantwortung für das Leiden der Zivilisten, keine Frage. Aber bei all diesen Angriffen müssen wir auch eingestehen, dass der Preis, den die Zivilbevölkerung zu zahlen hat, enorm ist, und es nicht viele Möglichkeiten für diese Menschen gab, zu entkommen. Ist das der Weg Menschen zu befreien, indem man die Stadt, in der sie leben, zerstört? Das frage ich mich.“

Satellitenbilder vom Juni und Juli zeigen, wie große Teile von Rakka innerhalb eines Monats dem Erdboden gleich gemacht wurden. Alex Hopkins will das wahre Ausmaß dieses Krieges dokumentieren. Seine Organisation „Airwars“ verfügt über eine Vielzahl an Quellen in Syrien, sammelt alle Berichte und Meldungen zu zivilen Opfern und wertet diese sehr zurückhaltend aus.

Alex Hopkins, Transparenz-Projekt Airwars (Übersetzung Monitor): „Basierend auf den seriösen Berichten, die wir bekommen haben, gehen wir von mindestens 1.100 zivilen Toten seit dem 6. Juni in Rakka aus. Und es ist wichtig, hier den Widerspruch zu den Zahlen, die uns die Koalition gegeben hat, aufzuzeigen. Die Koalition hat bislang nur fünf tote Zivilisten in Rakka Stadt und eine Handvoll Verletzte eingeräumt. Also da gibt es große Unterschiede zwischen den Zahlen, die wir hier vorliegen haben.“

1.100 tote Zivilisten oder doch nur fünf? Diese Trümmer in Mansoura, südlich von Rakka, lassen an der offiziellen Darstellung des Krieges erhebliche Zweifel aufkommen. Ende März griff die US geführte Koalition hier ein Schulgebäude an, in dem sich laut Augenzeugenberichten Flüchtlinge und IS-Kämpfer aufgehalten haben sollen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat nach Untersuchungen vor Ort 40 tote Zivilisten identifiziert, darunter 16 Kinder.

Ole Solvang, Human Rights Watch (Übersetzung Monitor): „Überall wo wir Vorfälle untersucht haben, haben uns Anwohner gesagt dass immer noch Leichen unter den Trümmern liegen. Manchmal konnten wir das auch riechen. Und in einem Fall war ein Fuß zu sehen, der herausragte. In den meisten Fällen geht die Koalition nicht an die Orte des Geschehens. Sie interviewen keine Zeugen. Sie schauen sich vor allem Drohnen- und Luftaufnahmen an und deshalb schätzen sie die Zahl der getöteten Zivilisten in der Regel niedriger, als sie in Wirklichkeit ist.“

Und Deutschland? Nach MONITOR-Informationen wurde das Schulgebäude in Mansoura zuvor durch Bundeswehr-Tornados aufgeklärt. Luftaufnahmen wurden an die Amerikaner weitergebeben, die schließlich den Angriff befohlen hatten. Bis heute sind Informationen zu dem Vorfall geheim.

Alexander Neu, Die Linke, Mitglied im Verteidigungsausschuss: „Wenn es so ist, dass die Bundeswehr Aufklärungsdaten zur Verfügung stellt und aufgrund dieser Aufklärungsdaten andere Staaten Einsätze fliegen, bei denen massenweise Zivilisten ums Leben kommen, dann wäre Deutschland mitbeteiligt an diesen Opfern.“

Auf MONITOR-Anfrage verweist die Bundesregierung auf Untersuchungen durch die US-Koalition. Diese wiederum schreibt uns: Man habe den Vorfall in Mansoura untersucht. Die Vorwürfe, es habe zivile Opfer gegeben, seien

Zitat: „nicht glaubwürdig“.

Allerdings räumt die Koalition auch ein, dass es nicht üblich sei, Ermittler vor Ort zu schicken.

Jan Egeland, Generalsekretär norwegischer Flüchtlingsrat (Übersetzung Monitor): „Die Koalition hat eine große Verantwortung, alle Vorwürfe von Angriffen gegen zivile Ziele zu untersuchen. Egal ob es sich um Schulen, Krankenhäuser oder Wohnhäuser handelt. Waren die Angriffe übertrieben? Waren sie wahllos? Es ist Teil des Heilungs- und Versöhnungsprozesses, dass die Menschen, die dort gelebt haben, erkennen, dass wir ihr Leid ernst nehmen und aus dem, was passiert ist, lernen.“

Fünf tote Zivilisten oder über tausend? Kollateralschäden oder Kriegsverbrechen? Für einen dauerhaften Frieden in Syrien müssen diese Fragen aufgeklärt werden.

Georg Restle: „Und das gilt für alle Kriegsparteien in Syrien.“

Stand: 10.10.2017, 14:54

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4 Kommentare

Neuester Kommentar von "abcd", 14.10.2017, 10:12 Uhr:

Eine blutige und zerstörerische Befreiung erlebte Deutschland selbst in 1943/44 in grausamer Form. Warum versucht es aktuell bei derartigen idiotischen Befreiungen anderer Staaten mitzumischen?

Kommentar von "Miriam S", 14.10.2017, 10:06 Uhr:

Zivile Opfer bei Bombardierungen sind eben NUR Kollateralschäden wie immer schon...auch wenn es um tausende geht... und daher kann man auch glaubwürdig sogar sagen , dass sie IMMER einkalkuliert sind, dass all diese Kriege und Militärschläge Massenmorde sind.

Kommentar von "Matti Illoinen", 13.10.2017, 10:37 Uhr:

Das die Überfälle des Westens, alle Völkerrechtswidrig waren und sind, kommt im Westen gar nicht mehr vor? Sondern man nur noch zynisch von wie viele illegale Opfer es gegeben hat und gibt? Das dies lt. UN Völkerrechtswidrig war und ist, wird vom Westen überhaupt nicht mehr thematisiert? Das die Verantwortlichen alle verhaftet werden müssten, nach Den Haag überstellt und als Kriegsverbrecher angeklagt werden müssten? Das müssten täglich die Schlagzeilen im Westen sein, statt die illegalen Tötungen alleine? Jeder Getötete, ist einer zu viel. Ich möchte einmal den Westen mit seinen gerade einmal 12% der Weltbevölkerung daran erinnern, dass der Westen alleine seit dem Ende des 2 WK mehr als 40 illegale Kriege geführt hat und führt siehe Syrien, mit über 20 Mio. Getöteten, auf Grund von Lügen? Der Westen setzt sich regelmäßig als weiße Herrenrasse über das Völkerrecht hinweg, und stürzt den Rest der Welt ins Chaos. Das sollte täglich das Thema im Westen sein.

Kommentar von "Maria", 12.10.2017, 15:44 Uhr:

In jeder Stadt wohnen Menschen d.h. viele Zivilisten. Wenn man eine Stadt dem Erdboden gleichmacht, ohne dass es dabei angeblich zu Toten kommt, so will man die Toten nicht sehen bzw. ein Teil von ihnen ist vor dem Krieg geflüchtet oder durch ihn vertrieben worden. All dies ist, wo auch immer und durch wen auch immer, nicht zu akzeptieren und muss schärfstens verurteilt und geahndet werden. Terroristen, die man angebl. treffen will, ziehen dann meist weiter, während man das Land einnimmt.Man darf die Einwohner auch nicht als angebl. Schutzschilde töten oder zur Flucht aufrufen,einladen.Ihr Recht ist dort zu sein.