Rettung aus Gaza: Wenn Helfen lebensgefährlich ist

Monitor 04.04.2024 07:52 Min. Verfügbar bis 30.12.2097 Das Erste Von Silke Diettrich

MONITOR vom 04.04.2024

Rettung aus Gaza: Wenn Helfen lebensgefährlich ist

Der Angriff auf die Hilfsorganisation World Central Kitchen (WCK) hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Sieben Mitarbeiter wurden in Gaza durch israelischen Beschuss getötet. Die israelische Armee räumte einen schweren Fehler ein, die Organisation hat ihre Arbeit eingestellt. MONITOR porträtiert eine deutsche Hilfsorganisation, die weiterhin vor Ort Menschen medizinisch versorgt und evakuiert – trotz des hohen Risikos für die eigenen Mitarbeiter.

Von Silke Diettrich

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Patrick Münz, Projektleiter CADUS e.V.: "Wir haben eine Patientin evakuieren können und ihre Mutter und noch zwei Geschwister von ihr. Wir warten jetzt hier gerade in Gaza City, wie man sieht. Es ist um uns herum alles vollkommen zerstört und Gaza City existiert so nicht mehr. Die Infrastruktur ist mehr oder weniger völlig zusammengebrochen, es gibt keinen Strom, kein Wasser."

Georg Restle: "Die dramatische aktuelle Lage in Gaza, geschildert vom Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Guten Abend und willkommen bei MONITOR. Helfen in Gaza: das ist für die meisten Hilfsorganisationen ein täglicher Kampf ums Überleben. Auch um das eigene Überleben. Sieben Mitarbeiter der Hilfsorganisation "World Central Kitchen" wurden bei Angriffen der israelischen Armee in Gaza Anfang dieser Woche getötet. Sieben von insgesamt fast 200 humanitären Helfern, die laut "Ärzte ohne Grenzen" im Nahost‑Krieg getötet worden sind. Helfer, die da helfen wollen, wo es sonst keine Hilfe mehr gibt. Weil Krankenhäuser zerstört wurden, es kaum Wasser gibt oder Generatoren, um Strom zu erzeugen. Wir haben den Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation gebeten, uns seinen Alltag in Gaza zu schildern. Ein junger Mann, der nicht verzweifeln will, wo es so viel Grund zur Verzweiflung gibt. Silke Diettrich."

Das Al-Shifa Krankenhaus in Gaza Stadt. Heilung heißt der Name übersetzt – geheilt wird hier nicht mehr, das größte Krankenhaus im Gazastreifen liegt in Trümmern. Hier soll eine Kommando-Struktur der Hamas zerstört worden sein. 200 Terroristen, so die israelische Armee, seien dabei "eliminiert worden". Angriffe ausgerechnet auf Kliniken – sie sind Teil des Krieges. Der Norden von Gaza. Wohngebiete: völlig zerstört. Es wird weiter bombardiert. Und auch weiter gelebt, obwohl die meisten Menschen in den Süden geflohen sind. Nur noch wenige Helferinnen und Helfer dürfen in die Kampfzone im Norden. Patrick Münz leitet derzeit das Projekt der Hilfsorganisation CADUS in Gaza. Und nur im Konvoi der UN darf der 30-jährige hier hin. Er schickt uns Videos von dem gefährlichen Einsatz:

Patrick Münz, Projektleiter CADUS e.V.: "Unsere Aufgabe ist es, zwei Patientinnen aus dem Kamal-Adwan-Krankenhaus zu evakuieren, die sehr, sehr dringend eine bessere medizinische Versorgung brauchen.[...] Wir fahren jetzt hier durch Gaza-City, haben schon die ersten Crowds von zig Tausenden Menschen passiert, die hier ganz dringend eine bessere Versorgung brauchen und sich wortwörtlich zu Tode hungern."

Mehr als zwei Millionen Menschen in Gaza sollen nicht mehr ausreichend zu essen bekommen, sagen die Vereinten Nationen. Im Norden ist es besonders schlimm. Der Konvoi hat nach langer Fahrt das Krankenhaus erreicht:

Patrick Münz, Projektleiter CADUS e.V.: "Die Bedingungen hier vor Ort sind unvorstellbar. Die Städte, durch die wir gefahren sind, sind völlig zerstört. Keine Infrastruktur mehr, man erkennt keine Straßen mehr, auch hier hinter uns, alle Gebäude sind mehr oder weniger schon beschossen worden."

Heute kann Patrick Münz endlich die kleine Nour abholen. 12 Jahre ist sie alt und leidet seit ihrer Geburt unter Mukoviszidose, einer Stoffwechselkrankheit. Ohne Behandlung würde Nour daran sterben. Wichtige Medikamente und Inhalationsgeräte gibt es in der Kamal-Adwan-Klinik schon länger nicht mehr: Fast 300 Patientinnen und Patienten im Norden von Gaza stehen auf einer Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO, deren Zustand ist extrem kritisch. Die Helfer von CADUS gemeinsam mit der WHO sind derzeit die einzigen, die schwerkranke Menschen aus dem Norden rausholen dürfen. Bei Nour hat es heute geklappt. Großer Abschied, auch vom Großvater. Mutter und Geschwister dürfen mit – im Krankenwagen durch das Kriegsgebiet. Die israelische Armee hat dem Transport von Nour zugestimmt: Route und Zeit sind minutiös von der Armee vorgegeben. Auch das Warten, mitten im Trümmerfeld: Bis vor einigen Wochen noch hatte die Organisation Palästinensischer Halbmond schwerkranke Menschen aus dem Norden geholt. Sie hat ihre Hilfe eingestellt: Mitarbeitende waren angegriffen und verhaftet worden. Wochenlang konnte niemand gerettet werden, bis jetzt. So kann die kleine Nour nun bald aus Gaza rauskommen: nach Ägypten oder irgendwo in die Welt, um endlich behandelt zu werden.

Wenige Tage später: ein Schock. Angriff auf die Hilfsorganisation World Central Kitchen. Die Fahrzeuge: von israelischen Raketen beschossen. "Eine Verwechslung" sagt die israelische Armee und entschuldigt sich für den "schweren Fehler". Dabei hätten diese Buchstaben die Helfer eigentlich davor schützen sollen, angegriffen zu werden. Jetzt sind sieben Mitarbeitende tot.

In den letzten Monaten hat die NGO rund 40 Millionen Mahlzeiten in Gaza verteilt, nun hat sie ihre Arbeit eingestellt. Der Tod der Helferinnen und Helfer: das hat auch in Berlin – im Hauptsitz von CADUS – für Entsetzen gesorgt.

Sebastian Jünemann, Gründer CADUS e.V.: "Als das passiert ist mit World Central Kitchen. Da lief bei uns sofort die Maschinerie an, dass wir gesagt haben, wie konnte das passieren. Was ist da passiert? Inwieweit betrifft das uns? Was müssen wir verändern?"

Sebastian Jünemann hat die Organisation vor zehn Jahren gegründet. Er war schon im Februar in Gaza und bereitet jetzt doch wieder seinen nächsten Einsatz vor, denn CADUS will erst einmal weitermachen:

Sebastian Jünemann, Gründer CADUS e.V.: "Wenn alle Organisationen jetzt so abziehen würden, würde es einfach noch viel mehr Todesfälle nach sich ziehen. Tatsächlich. Es sind ja über 20 internationale Teams im Land, die helfen. …Es würde die Situation einfach noch wesentlich schlimmer machen."

Auch Gebäude der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sind bereits angegriffen worden. Fünf Mitarbeitende sind dabei ums Leben gekommen. Darunter zwei Ärzte, die mitten in einer Behandlung waren, erzählt Christian Katzer. Er ist der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland:

Christian Katzer, Geschäftsführer Ärzte ohne Grenzen: "Es ist ganz klar, dass wir unsere Arbeit mit allen am Konflikt Beteiligten koordinieren, dass unsere Fahrzeuge, die Krankenhäuser, klar markiert sind. Und trotzdem kommt es immer wieder zu Kampfhandlungen um diese Krankenhäuser herum. Konvois. Krankenwagen werden direkt angegriffen. Das muss sofort aufhören. Es ist nach internationalem Recht ganz klar, dass zivile Infrastruktur und Krankenhäuser einem besonderen Schutz unterliegen. Und wir fordern, dies einzuhalten und Angriffe auf Krankenhäuser jetzt einzustellen."

Zwei Tage nach dem tödlichen Angriff auf die World Central Kitchen, ist die NGO Cadus wieder mit den Vereinten Nationen Richtung Norden unterwegs – aber der Konvoi kommt nicht voran. Stundenlanges Warten am Checkpoint, zwischen Trümmern, Rauch und üblen Gerüchen:

Patrick Münz, Projektleiter CADUS e.V.: "Wir haben das Fenster ein bisschen runter gemacht, was hier ins Auto reinzieht, ist Verwesungsgeruch…"

Dringend benötigte Medikamente hat die WHO auf dem LKW geladen. Und das Team hat wieder Patienten auf der Liste, die auf Hilfe warten. Aber der Konvoi muss umkehren.

Patrick Münz, Projektleiter CADUS e.V.: "Leider müssen wir die Mission für heute abbrechen. Wir haben jetzt über 4 ½ Stunden gewartet, vom Checkpoint kein Green Light bekommen, um an den Checkpoint heranzufahren und dann nach Gaza City reinzufahren …"

Heute wird – wie so oft – keinerlei Hilfe im Norden ankommen…

Georg Restle: "Keine Hilfe mehr in einem Krieg, der auf die Zivilbevölkerung kaum Rücksicht nimmt. Die Stimmen häufen sich, die der israelischen Armee Kriegsverbrechen vorwerfen. Und ein Ende scheint nicht in Sicht."

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Stand: 04.04.2024, 22:15 Uhr

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3 Kommentare

  • 3 Danger WDR verdooft! 05.04.2024, 06:10 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 2 Herbert Runde 05.04.2024, 00:59 Uhr

    Ein Kriegsgebiet ist immer gefährlich. Daher besser Krieg möglichst nicht beginnen oder wenn, dann möglichst schnell beenden, was weder in der Ukraine noch im Nahen Osten Strategie ist. Der Begriff „Friendly Fire“ ist treffend. Im englischen Wikipedia ist der Beschuss eigener Truppen gut erklärt, im deutschen nur bei Wiktionary verfügbar. Trotz der Kürze im deutschen Wiktionary sind dazu passend gute Beispiele. Da gibt es ein 15Min. Video über 2 US-Kampfjets, die versehentlich einen verbündeten britischen Konvoi angriffen, was die begrenzte Sicht der US-Piloten zeigt. Und als Text: „Die drei durch ‚Friendly Fire‘ ums Leben gekommenen israelischen Soldaten starben, als ein israelischer Panzer ein leerstehendes Gebäude in Dschabalija, in dem die Männer Deckung gesucht hatten, unter Beschuss nahm“. Das erklärt, dramatisiert nichts und beschönigt nichts.

  • 1 Aga Bellwald 04.04.2024, 22:44 Uhr

    Einfach unfassbar, was seit Monaten in Gaza passiert. Das Massaker vom 7. Oktober ist absolut zu verurteilen, keine Frage, aber was die israelische Regierung und die Armee da verbrechen, ist unbeschreiblich. Soll denn die ganze Bevölkerung vertrieben werden? Alles nur Selbstverteidigung von Israel? Das glaubt kein Mensch mehr, der noch alle Tassen im Schrank hat. Und wenn das soweit ist, wer baut auf? Etwa solche Geier wie Knauf und andere Firmen in Mariupol? Nur so ein Gedanke. Die Vorgehensweisen scheinen sich zu ähneln in dieser Hinsicht. Es muss aufhören, sofort!

    • Don.Corleone 05.04.2024, 12:45 Uhr

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    • Albers 05.04.2024, 13:37 Uhr

      Richtig Frau Bellwald und dabei ist es doch so einfach, Israelis und Palästinenser können doch einfach friedlich und freundschaftlich in einem gemeinsamen Staat zusammenleben. Machen wir doch auch mit Menschen aus aller Welt und das ist ja auch richtig toll.