Gekaufte Expertise: Wie ein industrienaher Gutachter seit Jahrzehnten die Politik beeinflusst

MONITOR vom 20.10.2016

Gekaufte Expertise: Wie ein industrienaher Gutachter seit Jahrzehnten die Politik beeinflusst

Bericht: Jochen Taßler, Kim Otto

Georg Restle: „Wenn in Deutschland Gesetze gemacht werden, spielen Sachverständige eine ganz entscheidende Rolle. Klar, Politiker können nicht alles wissen, und deshalb holt man sich Rat von außen. Unabhängig sollte der natürlich sein - vor allem, wenn es um so wichtige Fragen wie unsere Gesundheit geht. Davon kann bei dem Mann, über den wir jetzt berichten, allerdings kaum die Rede sein. Ob Dieselabgase, Holzschutzmittel oder Glyphosat, seit Jahrzehnten taucht im Bundestag und vor Gerichten ein und derselbe unabhängige Sachverständige auf und gibt regelmäßig Entwarnung. Schon 1994 kam MONITOR dem hochdekorierten Wissenschaftler auf die Schliche, der von einem ehemaligen Staatsanwalt als „Falschgutachter“ bezeichnet wird, und der erstaunlich enge Verbindungen zur Industrie hat - und das bis heute.“

Das Große Bundesverdienstkreuz. Mehr Ehre geht kaum in Deutschland. Dieser Mann bekommt es für seine Leistungen zum Schutz von Mensch und Umwelt. Prof. Helmut Greim, heute 81, Wissenschaftler, Toxikologe. Einer, der herausragt. Wenn in Deutschland entschieden wurde, wie gefährlich Stoffe sind: Greim war mittendrin. Hat die Debatte über Jahrzehnte mitgeprägt. Gerne getreu der Maxime: alles halb so wild. Ob in Bundestagsausschüssen, Expertenkommissionen, Interviews oder Talkshows.

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „mit den 40 Mikrogramm und 200 Mikrogramm kann man gut leben“ - „Absurd, das einzustufen als karzinogen für den Menschen“ - „das wird schon sehr viel spekuliert, was hier vorgetragen wird.“

Greim zeigte klare Kante: Stickoxide - kein Problem. Glyphosat - nicht krebserregend. Dioxin - harmlos. PCB - kaum schädlich.

Prof. Erich Schöndorf, Umweltrechtler: „Es war immer das Gleiche, überall, wo es um giftige Stoffe ging, hat Greim Entwarnung signalisiert. Es war alles ungiftig.

Oliver Krischer, MdB (Bündnis 90/Die Grünen), Stellv. Fraktionsvorsitzender: „Er ist vor allen Dingen immer dann präsent, wenn Industrieinteressen im Raume stehen, weil hier bestimmte Stoffe verboten werden sollen oder ihre Nutzung eingeschränkt werden soll. Greim taucht immer dann auf, wenn es darum geht, die Wirkung von Stoffen zu beschönigen, vor allem immer dann, wenn es gegen die Industrie geht, wenn es um Gesetze geht.“

2015 etwa. Landwirtschaftsausschuss im Deutschen Bundestag. Greim ist als unabhängiger Sachverständiger geladen. Es geht um Glyphosat, den Wirkstoff in vielen Pflanzenschutzmitteln. Weltweit eingesetzt und seit Jahren umstritten. Das Krebsforschungsinstitut der WHO hat Glyphosat gerade als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Greim gibt Entwarnung.

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Ich muss sagen, ich habe eigentlich überhaupt kein Verständnis über die ganze Aufregung. Es ist nicht krebserzeugend.“

In einer eigenen Studie zu den Krebsgefahren von Gyphosat arbeitete er mit einem ungewöhnlichen Co-Autoren: David Saltmiras, ein Mitarbeiter von Monsanto, dem größten Hersteller von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln. Ganz im Sinne des Konzerns kommt die Studie zu dem Schluss, Glyphosat sei eher harmlos. Für seine Expertise ist Greim von Monsanto bezahlt worden. Die Ergebnisse habe das aber nicht beeinflusst, sagt er.

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Es ist so. Das ist Fakt. Und nicht entspricht Monsantos Wünschen. Sondern das ist nun mal zufällig, haben Sie Glück gehabt, dass was da zusammengestellt ist, dass das eben negativ ist.“

Reporter: „Aber Sie haben sich eben schon bezahlen lassen.“

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Ja, ich hab es ja gesagt: Würden Sie vielleicht irgendwas tun, ohne dass Sie bezahlt werden? Nur für die freundlichen Augen.“

Oliver Krischer, MdB (Bündnis 90/Die Grünen), Stellv. Fraktionsvorsitzender: „Wer bezahlte Aufsätze für den Agrarkonzern Monsanto schreibt, der kann in meinen Augen kein unabhängiger Gutachter im Bereich Glyphosat und Pflanzenschutzmittel sein.“

Wie kommt so jemand als unabhängiger Sachverständiger in einen Bundestagsausschuss? In diesem Fall wurde Greim von der CDU/CSU-Fraktion vorgeschlagen. Mit seiner Vita hatte man sich aber offenbar nicht wirklich befasst.

Hermann Färber, MdB (CDU), Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft: „Die Wissenschaftler, die wir von der Union einladen, die sind unabhängig, sonst würden wir sie gar nicht einladen.“

Reporter: „Nun, aber Herr Greim wird von Monsanto bezahlt und übernimmt 1:1 die Positionen von Monsanto. Da kann man ja schlecht davon sprechen, dass er unabhängig ist.“

Hermann Färber, MdB (CDU), Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft: „Da kann ich Ihnen jetzt so aus dem Stehgreif raus auch nichts dazu sagen. Ich möchte auch jetzt wirklich … wir müssen uns auf die aktuellen Dinge fokussieren. Ee ist auch nicht entscheidend, was der Herr Greim sagt, sondern entscheidend ist, was die Bewertungsbehörden sagen.“

Dabei hätte man eine gewisse Industrienähe durchaus erahnen können. MONITOR ist Greim schon 1994 aufgefallen. Es ging um giftiges PCB in Holzschutzmitteln. Zehntausende Menschen waren dadurch krank geworden. Verhandelt wurde der Skandal in einem der größten Umweltprozesse in Deutschland. Greim trat dort als Sachverständiger auf und führte die Schädigungen ganz herstellerfreundlich auf andere Faktoren zurück.

Prof. Erich Schöndorf, ehem. Staatsanwalt im Prozess: „Er war ein Falschgutachter. Er hatte die Bezeichnung Sachverständiger/Gutachter nicht verdient. Er stand erkennbar auf Seite der Hersteller und hatte mit objektiver Wissenschaftlichkeit nichts im Sinn.“

So jedenfalls der damalige Staatsanwalt. Greim weist das zurück. Und seine Karriere lief weiter gut, auch in zahlreichen EU-Expertenkommissionen. Mit der vorgeschriebenen Kennzeichnung seiner Verbindungen zur Industrie nahm er es dabei nicht immer so genau. Bei den Angaben für ein wichtiges Expertengremium der EU-Kommission vergaß er zum Beispiel, dass er auch für Forschungsreinrichtungen tätig war, die maßgeblich von der Chemie- und Autobranche finanziert wurden.

Reporter: „Ich hab das ja hier. Und das ist abgefragt worden. Und das waren Ihre Angaben. Und da haben Sie diese …

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Von … von wann?“

Reporter: „Ja, einmal 2008 und dann wieder 2011, Ihre Deklaration.“

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Also da muss ich nachgucken, ob ich da noch in diesen … bei diesen Institutionen war.“

Wir haben nachgeguckt. Laut eigenem Lebenslauf war er noch drin.

Im Lauf der Jahre kommen so einige industrienahe Einrichtungen zusammen, die er nicht oder nicht immer angab. Auch in der aktuellen Debatte zu Stickoxiden aus Diesel-Motoren vertritt Greim industriefreundliche Positionen. Vielleicht hat es auch mit diesem Verein zu tun - der Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor. Hier ist Greim Vorsitzender des Forschungsbeirates. Gegründet wurde der Verein von Daimler, BMW, Volkswagen und Bosch - geforscht wird unter anderem zu Stickoxiden. Ausgerechnet zu diesem Thema trat Greim auch als Sachverständiger im Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestages auf. Und wendete sich im Sinne der Industrie gegen schärfere Grenzwerte.

Reporter: „Jetzt haben Sie im Ausschuss - in Bezug auf die Abgase - haben Sie ja gerade die Position übernommen.“

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Habe ich nicht! Ich habe die wissenschaftliche Position übernommen und nicht die von der Automobilindustrie.“

Reporter: „Die sich aber deckt.“

Prof. Helmut Greim, Toxikologe: „Na und? Das kann ja sein.“

Das Bundesverdienstkreuz hat Greim übrigens auch bekommen, weil seine Politikberatung „nicht interessengeleitet“ sei. Ehre, wem Ehre gebührt.

Stand: 21.10.2016, 13:20

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Regeln fürs Kommentieren

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Welches Wort passt nicht in die Reihe: Auto gelb Bus Bahn

Warum stellt das Erste diese Fragen?

46 Kommentare

Neuester Kommentar von "Jürgen Kruse", 26.10.2017, 13:57 Uhr:

Dieses Beispiel zeigt, dass wir in einer "Bananrepublik" leben, die von wenigen Konzernen und Reichen gesteuert wird! Es zeigt auch das Versagen der Medien, die erst jetzt ein wenig darüber aufklären! So lassen die Medien z.B. außerparlamentarische Gruppen, Gewerkschaften und Kirchen mit Kritik nur sehr selten zu Wort kommen (es sei denn, sie sind systemkonfom!). Das ganze politische System ist geldverseucht und korrupt; das geht schon auf der kommunalen Ebene los! Lösung: Volksentscheide und viele Entscheidungshilfen durch die Methoden: "Zukunftswerkstatt" und "Planungszelle"!

Kommentar von "anthropos", 25.10.2017, 17:22 Uhr:

Ich bitte zu beachten, dass die werten Leute in den Kommentaren, die den Herrn "Experten" in Schutz nehmen wollen, das kleine Detail vergessen, dass sie offenkundig keinen Einblick darin hatten, wie recherchiert wurde und daher gar nicht bewerten können, wie es um die Qualität der Recherche steht. Sie verhalten sich derart wie die Hetzer, die sie verurteilen.

Kommentar von "Oh Gott", 07.08.2017, 22:17 Uhr:

Was denken sich die Leute eigentlich, wenn sie so einen Müll von sich geben? Übelste Hetze und dümmstes Geschwafel...

Kommentar von "Birgit", 07.04.2017, 21:17 Uhr:

Bedauerlicherweise ist dies nicht der einzige Wissenschaftler, auch nicht die einzige wissenschaftliche Einrichtung. Gerade der Chemiesektor (egal ob Lebensmittel, Arznei, Umwelt oder Landwirtschaft) bietet solch windigen Personen eine lukrative Heimstatt, denn gerade hier ist die Kausalität zwischen der Chemikalie und einer Schädigung kaum beweisbar. Die PCB Geschädigten der Firma Envivo gingen allesamt leer aus - aus Mangel an Beweisen, dass ihre Gesundheitsschäden vom PCB herrühren. Das sollte uns zu denken geben.

Kommentar von "Chemikerin", 11.11.2016, 11:27 Uhr:

Holzschutzmitteln enhielten kein PCB (Polychlorierte Biphenyle, Stoffgruppe von Industriechemikalien) sondern PCP (Pentachlorphenol, Fungizid).

Kommentar von "Maria Krämer", 27.10.2016, 19:27 Uhr:

Fortsetzung: Es ist unfassbar, wie unkritisch Sie vorgehen und dabei einen verdienstvollen Menschen wieder mal mit Ihren Schmähungen belasten. Ihre Sendung lässt beim Zuschauer falsche Emotionen aufkommen, wie es sich offensichtlich im postfaktischen Zeitalter gehört. Auch Sie unterstützen die Angstmacherei dort, wo überhaupt kein Grund dafür da ist. Man sieht das ja an den Kommentaren.

Kommentar von "Leslie Schwarz", 26.10.2016, 21:59 Uhr:

Fortsetzung: Noch ein letztes Beispiel: In der Diskussion zu den neuen Müllverbrennungsanlagen in den 80ziger Jahren hat er hinsichtlich der Chemikalienbelastung Recht gehabt, obwohl damals ein unglaublicher shitstorm über ihn niedergegangen war. Es ließe sich noch vieles zur Arbeit von Prof. Greim sagen – mich bewegt jedoch noch eine ganz andere Frage: Wie ist es möglich, das Redakteure im ARD offensichtlich ohne Qualitätskontrolle und ohne kritische Begleitung derartig tendenziös verzerrende und ehrabschneidende Beiträge bringen? So an den Pranger gestellt, hat der Einzelne keine Möglichkeit, sich gegen die Anwürfe zu verteidigen.

Kommentar von "Leslie Schwarz", 26.10.2016, 21:56 Uhr:

Fortsetzung: Dank dieser Kommission ist die Belastung durch Chemikalien an den Arbeitsplätzen in Deutschland eben nicht mehr so hoch wie in den 50/60ziger Jahren oder in weiten Bereichen Asiens! Warum wird in dem Monitorbeitrag z.B. nicht die sehr kontroverse Diskussion erwähnt, ob nur Asbestfasern als krebserregend anzusehen sind oder auch Fasern aus anderen Materialien, die aber die gleichen Dimensionen haben. Hier hat Prof. Greim keineswegs die „Industrieposition“ vertreten. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Auch in der Diskussion um die DNA-schädigende Wirkung von Diane/Cyproteronacetat – vertrat er in den Ausschüssen selbstverständlich die toxikologisch korrekte Argumentation gegenüber der Firma Schering, deren Aktien nach den neuen Befunden gefallen waren.

Kommentar von "Leslie Schwarz", 26.10.2016, 21:51 Uhr:

Fortsetzung:. Dieser „Kronzeuge“ der Monitorsendung ist Jurist und kein Toxikologe, er argumentiert auch nicht wissenschaftlich mit toxikologischem Sachverstand. Stattdessen äußert er sich schlicht ehrabschneiderisch. Man kann durchaus eine Chemikalienbewertung kritisieren, aber dann muss man auch überzeugende und belastbare wissenschaftliche Daten anführen. Übel ist auch der unterschwellige Tenor der Sendung, dass man in Deutschland das höchste Verdienstkreuz deshalb erhält, weil man „Falschgutachter“ für die Industrie ist. Was soll das? Herr Prof. Greim hat große Verdienste als langjähriger Leiter der sehr wichtigen und einflussreichen MAK-Kommission, die er viele Jahre geleitet hat. Aufgabe dieser Kommission ist die Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe nach strengen wissenschaftlichen Kriterien.

Kommentar von "Leslie Schwarz", 26.10.2016, 10:18 Uhr:

Da ich erst Tage später die Monitorsendung über die „Gekaufte Expertise“ vom 20.10.16 gesehen habe, melde ich mich erst jetzt zu Wort: Dieser Beitrag ist ein Musterbeispiel für unredlichen Journalismus – man kann es fast Hetze nennen. Dementsprechend sind auch die meisten der durch die Sendung induzierten, hassvollen Beiträge auf der ARD-Kommentarseite. Ich glaube, Prof. Greim war schlecht beraten, Geld von der Industrie für Arbeiten anzunehmen. Er hätte von vorneherein jeden Verdacht einer Beeinflussung vermeiden sollen. Auch wenn er Geld für toxikologische Bewertungen angenommen hat, lässt dies aber nicht den simplen Schluss zu, dass er nicht seiner toxikologischen Expertise gefolgt ist, sondern eine falsche Bewertung von Chemikalien abgeben hat. Die plakative Brandmarkung als „Falschgutachter“ durch einen Staatsanwalt a.D. ist doch einfach ungeheuerlich. Dieser „Kronzeuge“ der Monitorsendung ist Jurist und kein Toxikologe, er argumentiert auch nicht wissenschaftlich mit tox ...

1
2
3
4
5