MONITOR Nr. 673 vom 26.02.2015

Deutsche Dschihadisten: Der erste Rückkehrer erzählt seine Geschichte

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Bericht: Andreas Spinrath, Andreas Maus, Philipp Jahn

Deutsche Dschihadisten: Der erste Rückkehrer erzählt seine Geschichte

Monitor 26.02.2015 12:27 Min. Verfügbar bis 26.02.2099 Das Erste

Georg Restle: „Und jetzt zu dem jungen Mann, den wir Ihnen schon am Anfang unserer Sendung kurz gezeigt haben. Er ist einer von rund 200 Rückkehrern, die in den Nordirak oder nach Syrien gereist sind, um dort für das Terrorkalifat des Islamischen Staats zu kämpfen. Jetzt leben sie wieder mitten unter uns. Und glaubt man der Bundesregierung, dann gibt es kaum eine größere Gefahr in diesem Land.“

Thomas de Maizière: „Die haben das Hassen und das Töten gelernt, in Syrien und im Irak.“

Angela Merkel: „Die, die später wieder nach Deutschland zurückkehren, haben mit ihrer zunehmenden Verrohung auch für uns in Deutschland das größte Gefahrenpotenzial.“

Georg Restle: „Wie also umgehen mit solchen jungen Menschen, für die der Tod eine bessere Alternative zu sein scheint als alles, was sie hier erlebt haben? Und wie groß ist die Gefahr wirklich? Die Geschichte des jungen Mannes, die wir monatelang recherchiert haben, sie ist für uns eine journalistische Gratwanderung. Wir haben sie nachrecherchiert, soweit wir konnten, haben mit Angehörigen und Betreuern gesprochen, waren selbst im türkisch-syrischen Grenzgebiet unterwegs. Aber wir konnten nicht jedes Detail überprüfen. Trotzdem haben wir uns entschlossen, Ihnen diese Geschichte zu zeigen. Auch deshalb, weil sie ein Plädoyer ist für eine differenziertere Betrachtung, und weil sie einen Weg aufzeigt, der uns allen am Ende mehr Sicherheit bringen könnte.

Mehmet: „Ich hab‘ mir wirklich gedacht, wo bin ich hier reingeraten? Es war anders, als ich mir das vorgestellt habe. Ich weiß jetzt, was es ist. Ich weiß jetzt, dass es falsch ist. Ich war dort, hab’s gesehen und bin wieder zurückgekommen.“

Zurück aus dem Dschihad. Ein sogenannter Rückkehrer. Wir sollen ihn Mehmet nennen. Er hat Angst, von seinen alten Freunden erkannt zu werden. Ist Mehmet eine Gefahr - eine tickende Zeitbombe? Wir treffen ihn irgendwo in Hessen. Von hier machte er sich auf nach Syrien, hier geht er jetzt wieder zur Schule. In seinem Umfeld kennt kaum jemand seine Geschichte. Sie beginnt, wie solche Geschichten oft beginnen - mit falschen Freunden.

Mehmet: „Durch die Empfehlung von einem Freund hab‘ ich dann mit der Koranverteilung angefangen. Ich hab‘ da angefangen mehrmals zu beten, fünfmal am Tag. Ich hab‘ mehr angefangen, Bücher zu lesen. Die Schule war mir danach auch, so gesagt, egal. Wollte da nichts mehr machen, wollte mich nur noch auf den Islam fokussieren. Ein Freund hat mir dann gesagt, ja, wir müssen das und das machen. Guck‘ mal, was da abgeht, dort sterben unsere muslimischen Geschwister, wir dürfen nicht hier einfach so rumsitzen und nichts machen. Wir müssen hingehen, wir müssen helfen.“

Der Weg in den Dschihad - erstaunlich unkompliziert.

Mehmet: „Man geht hin, man kauft sich ein Flugticket nach Türkei. Und von dort aus nach Gaziantep.“

Mehmet wägt seine Worte, passt genau auf, nicht zu viel Preis zu geben.

Mehmet: „Von dort aus sind wir dann mit dem Taxi weitergefahren in ein kleines Dorf, was halt Nähe Grenze war. Da haben dann zwei Personen auf uns gewartet, und diese zwei Personen haben uns dann rübergebracht, also über die Grenze. Als wir dort waren, haben wir erstmal auf die Kontaktperson gewartet. Dann sind so drei, vier Pickups gekommen. Da sind Leute ausgestiegen mit Sturmmasken und Sturmgewehr. Das war IS, der Islamische Staat.“

Nicht alles, was Mehmet erzählt, können wir überprüfen. Wir zeigen seine Aussagen Bruno Schirra. Er hat die Strukturen des IS untersucht, war selbst mehrere Male vor Ort.

Bruno Schirra, Autor „ISIS - Der globale Djihad“: „Ich halte sie für glaubwürdig, seine Schilderungen seines Reiseweges auf das Territorium des Islamischen Staates, wie er die Grenzen hat überschreiten können - ein Spaziergang für jeden, der in den Heiligen Krieg will, in den Terrorkrieg des IS will. Er kann mit dem Flieger nach Istanbul fliegen, von dort sind die Wege kurz zur syrischen Grenze, zur irakischen Grenze. Das Schleusersystem ist perfekt durchorganisiert, die türkischen Behörden machen bis zum heutigen Tag keinerlei Anstalten, dies zu unterbinden.“

Der IS bringt Mehmet nach Jarabulus, eine Stadt in der Nähe des umkämpften Kobane. Mehmet erzählt von tausend anderen jungen Männern dort - sie alle sind der IS-Propaganda gefolgt. Und immer wieder seien neue gekommen, 500 in einer Woche. Die meisten aus arabischen Ländern, vor allem aus Saudi-Arabien, aber auch viele aus Frankreich und einige aus Deutschland. Sie seien in einem Lager isoliert worden. Mehmet nennt es „das Gebäude“.

Mehmet: „Das war so wie eine große Schule, sag‘ ich mal, es sah aus wie eine Schule. Und da mussten wir halt dort bleiben und von dort durften wir nicht mehr raus. Die haben gemeint, das ist nicht sicher, wenn wir jetzt rausgehen, also da könnte jederzeit was passieren. Amerika greift … will uns angreifen. Handys wurden abgenommen, der Ausweis. Die Uhren halt, alles wurde uns abgenommen, außer Kleidungsstücke.“

Warten auf das Training für den Heiligen Krieg. Und immer wieder sei es in den Keller gegangen, wenn die Kampfjets der Anti-IS-Koalition über das Lager donnerten. Mehmet beschreibt, wie sie auf den IS eingeschworen werden, in Versammlungen wie dieser. Sie sollen für das selbsternannte Kalifat kämpfen oder als Selbstmordattentäter sterben.

Mehmet: „Ja, da gab’s so ein Saal, wo alle reingepasst haben, also war schon richtig groß. Und da haben halt alle zusammengesessen und der Anführer hat ins Mikrofon geredet, hat halt auf Arabisch geredet. Dann wurde das auf Englisch und dann noch mal auf Türkisch übersetzt. Die haben auch nachgefragt, wer das machen möchte.“

Reporter: „Ob jemand bereit ist, Märtyrer zu werden?“

Mehmet: „Ja.“

Reporter: „Hast du dich gemeldet?“

Mehmet: „Nein.“

Reporter: „Haben sich Leute um dich rum gemeldet?“

Mehmet: „Ja, viele. Ich sag‘ mal so, geschätzt circa 600 bis 700 Leute.“

Reporter: „Von den Tausend?“

Mehmet: „Ja.“

Zu Helden werden, ins Paradies kommen. Mehmet erzählt, die potentiellen Selbstmordattentäter seien in Bussen weggebracht worden. Seine Freunde in Deutschland hätten ihm gesagt, es ginge darum, Muslime zu beschützen. So hätte er sich das nicht vorgestellt.

Mehmet: „Ich wollte jetzt nicht einfach auf irgendjemand Unschuldiges oder so draufgehen und irgendwie sagen, ja, ich bring‘ dich jetzt um, ich bring‘ den um und den, dieser Staat gehört jetzt mir, ich will den erobern.“

Er beginnt, an seiner Entscheidung zu zweifeln. So erzählt er es.

Mehmet: „Da gab’s auch jemanden, der irgendwie gesagt hat zu einem anderen halt: Wenn du meinem Vater seinen Kopf abschneiden würdest, abhacken würdest, würde ich dir deine Hände küssen. Vielleicht weil er nicht betet oder so, also der Vater, aber das ist ja kein Grund, irgendwie den Kopf abzuhacken oder sowas. Das steht ja nirgendwo in irgendeinem Buch drin, dass Muslime sich gegenseitig irgendwie töten sollen.“

Langsam sei während der Wochen im Lager sein Entschluss gereift, den IS wieder zu verlassen, sagt er. Er habe mit den anderen darüber gesprochen.

Mehmet: „Und da wurde mir halt reingeredet. Du wirst Stress haben mit der Polizei, du wirst nicht in Ruhe leben können. Und da wollte ich auch am Anfang halt nicht zurück, ich hab‘ mir gedacht, ich will jetzt keinen Stress haben mit der Polizei soundso. Aber nach ner Zeit hab ich es gesehen halt, dass ich es nicht mehr aushalte, dass es einfach nicht richtig ist, dass ich einfach hier raus muss.“

Was genau er nicht ausgehalten hat, sagt Mehmet nicht. Und auch die Details seiner Flucht verschweigt er. Er habe einfach den Anführer gefragt und sei dann in die Türkei zurückgebracht worden. Ob das stimmen kann? Es klingt so anders als das, was sonst aus dem Islamischen Staat nach außen dringt.

Bruno Schirra, Autor „ISIS - Der globale Djihad“: „Viele, die aus Europa da runterpilgern, erleben vor Ort so etwas wie einen Realitätsschock und erkennen, oh, mein Gott, das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Sie sind konfrontiert mit monströsen Grausamkeiten, die alltäglich sind. Sie sind natürlich sofort recht schnell hochtraumatisiert, sie wollen zurück nach Hause. Mir hat einer, der es geschafft hat, zurückzukommen gesagt, ich war da unten, ich wollte nur noch heim zu Mama.“

Bei der Ankunft in Deutschland wäre Mehmet wohl direkt festgenommen worden. Er hat Glück, dass er aus Hessen kommt. Hier gibt es eine enge Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden mit einem Projekt, das sich um islamistische Straftäter kümmert. Sein Betreuer Thomas Mücke hält Mehmet für glaubwürdig - auch seine Reue. Gemeinsam mit den Behörden bereitet er dessen Rückkehr vor. Nach seiner Ankunft sagt Mehmet umfassend bei der Polizei aus. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft noch, aber er muss nicht in Untersuchungshaft - auch weil die Polizei sicher sein kann, dass er intensiv betreut wird.

Thomas Mücke, Violence Prevention Network: „Die Familie hat sich um ihn gekümmert, wir haben uns um ihn gekümmert gehabt, er hat selbst angefangen nachzudenken, zu reflektieren, was da gelaufen ist und was da passiert ist, baut seine eigene Zukunft wieder auf, dass er in die Schule gehen möchte, dass er sein Abitur machen möchte. Und wir merken auch - und das wissen wir auch halt so - er hat keinen Kontakt mehr mit der extremistischen Szene. Das sind erstmal ganz gute, positive Zeichen, die wir haben.“

Regelmäßig trifft sich Mehmet mit seinem Betreuer, spricht mit ihm bei Döner und Tee über seine Erlebnisse, diskutiert über den Islam und seine religiösen Auffassungen. Der Betreuer beobachtet ihn dabei sehr genau, registriert, wie sich Mehmets Einstellungen entwickeln und verändern.

Thomas Mücke, Violence Prevention Network: „Also das ist eine Arbeit, die man schon ein, zwei Jahre mit den jungen Menschen begleiten muss. Und auch manche sind - nicht in diesem Falle - aber manche sind auch ideologisch noch etwas verfestigter, die brauchen längere Diskussionen drüber. Und wenn jemand mir zum Beispiel sagt, wenn er aus Syrien zurückkehrt, ich muss darüber nicht mehr diskutieren, ich hab ein Fehler gemacht gehabt, ich bin da ausgestiegen. Dann ist er aus der Szene für einen Moment ausgestiegen, aber er ist noch nicht aus den Gedankenmustern ausgestiegen.“

Nach Einschätzung der hessischen Sicherheitsbehörden ist der Fall Mehmet ist keine Ausnahme. Viele Rückkehrer seien traumatisiert und desillusioniert. Sie zu betreuen, sei wirksamer als sie sofort wegzusperren - ganz anders, als es oft gefordert wird. Diese Form der Deradikalisierung ist für die Präsidentin des Landeskriminalamtes ganz entscheidend, weil sie Rückfälle vermeide und so im Ergebnis sogar mehr Sicherheit garantiere. In den meisten Bundesländern gibt es aber keine solchen Programme.

Sabine Thurau, Präsidentin Landeskriminalamt Hessen: „Ich würde mir wünschen, dass bundesweit mehr solcher Kooperationen mit Beratungsstellen, mit Prävention entstehen. In den Fällen, in denen die Rückkehrer nicht inhaftiert sind, ist es wichtig, auf sie zuzugehen, sie so gut wie möglich begleiten zu können, Informationen zu sammeln, um dann in der Freiheit Wege zu ihnen zu finden.“

Mehmet hat eine zweite Chance bekommen - und er will sie nutzen. Mit uns hat er geredet, um andere davon abzuhalten, den Weg zu gehen, den er gegangen ist.

Mehmet: „Man muss halt versuchen, sich nicht manipulieren zu lassen, weil das geht ruckzuck, das geht richtig schnell. Man fällt richtig leicht drauf rein. Ich hab mir gedacht, das ist nicht der richtige Weg, das ist doch falsch, was die machen, das ist doch nicht richtig, das hat ja nichts mit dem Islam zu tun. Ich habe mich einfach gut gefühlt, dass ich wieder da raus bin.

Georg Restle: „Es gab heute schon zahlreiche Reaktionen allein auf die Ankündigung unseres Berichts. Und die meisten waren sich ziemlich einig: Sofort wegsperren! Klingt forsch, bringt aber oft nichts. Nur zur Erinnerung: Viele der islamistischen Attentäter der letzten Monate haben sich erst in den Gefängnissen radikalisiert. Knast ist eben nicht immer die bessere Alternative. Schon gar nicht, wenn es um unsere Sicherheit geht.“

Stand: 24.02.2015, 14:07 Uhr

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