Ohne Geld kein Mandat? Die teure Mitgift der Bundestagskandidaten

MONITOR vom 18.05.2017

Ohne Geld kein Mandat? Die teure Mitgift der Bundestagskandidaten

Bericht: Martin Suckow, Kim Otto

Georg Restle: „Und da wären wir schon beim nächsten Thema. Eines, über das die großen Parteien in Deutschland am liebsten schweigen würden. Denn eigentlich sollte man ja davon ausgehen, dass jeder Mensch in Deutschland die gleichen Chancen hat, für den Bundestag zu kandidieren. Stimmt aber nicht, denn vor allem die großen Parteien erwarten von ihren Kandidaten regelmäßig jede Menge Geld. Bis zu 70.000 Euro sollen Bundestagskandidaten für den Wahlkampf bezahlen. Kann sich natürlich nicht jeder leisten, und deshalb führt dieses sogenannte Brautgeld auch dazu, dass Geringverdiener deutlich schlechtere Chancen haben in den Bundestag einzuziehen. Da sitzen dann - wen wundert’s - vor allem die Besserverdienenden. Martin Suckow und Kim Otto berichten.“

Blumen fürs Wahlvolk, denn nur auf die Themen setzen - das reicht nicht. CDU-Kandidat Björn Franken vor ein paar Tagen, im NRW-Wahlkampf. Sein Wahlkreis Rhein-Sieg I ging bei der letzten Landtagswahl an die SPD. Franken kämpft, damit das diesmal anders wird. Und es ist nicht nur seine Zeit, die er investiert.

Reporter: „Was müssen Sie denn so selbst bezahlen für den Wahlkampf?“

Björn Franken (CDU): „Ja, genaue Summen stehen noch nicht fest, ich würde sagen, es gibt Leute, die sich davon ein kleines, neues Auto kaufen.“

Reporter: „Was heißt das in Zahlen?“

Björn Franken (SPD): „Ja so 20.000 Euro bis 30.000 Euro kann man sicherlich rechnen.“

Dass er überhaupt selbst investiert, ist aber nicht nur seine Entscheidung.

Reporter: „Das erwartet auch die Partei, dass Sie jetzt auch Geld in Ihren Wahlkampf stecken?“

Björn Franken (SPD): „Natürlich. Also jeder Kandidat sollte Geld mitbringen, die Bereitschaft muss da sein. Die Höhe, das kann dann jeder selber entscheiden. Das kommt natürlich auch so ein bisschen auf die Gegebenheiten an, was für ein Wahlkreis ist es, muss man viel aufwenden oder wenig?“

Eigenes Geld für den Wahlkampf? Damit ist Björn Franken nicht allein. Monitor-Recherchen ergeben: Viele Kandidaten, die für CDU und SPD in NRW einen Wahlkreis erobern wollten, zahlten selber. Auch wer 2013 in den Bundestag wollte, griff tief in die Tasche. Mit Privatinvestitionen von nicht weniger als 48.000 Euro liegen zwei CSU-Kandidaten an der Spitze. Durchschnittlich zahlen die Kandidaten von CSU, CDU und SPD am meisten. Denn vor allem sie haben Chancen auf den Gewinn eines Wahlkreises. Das ist das Ergebnis der Deutschen Kandidatenstudie. Bernhard Weßels hat sie ausgewertet. Eine Befragung unter allen Kandidaten bei der Bundestagswahl 2013.

Prof. Bernhard Weßels, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: „Dass man an das eigene Portemonnaie geht, finde ich dann schon irritierend. Wenn man dann auch noch sagen muss, dass die Portemonnaies der Leute unterschiedlich groß sind, dann haben wir da ein Problem.“

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Frankfurt kommt sogar auf noch höhere Summen. Hier wurden nicht die Kandidaten, sondern die Parteivertreter befragt. Ergebnis: Für die Parteien ist eine finanzielle Eigenbeteiligung oft eine „Grundvoraussetzung“ dafür, dass jemand überhaupt als Kandidat aufgestellt wird.

Zitat: „So wird von den Direktkandidaten erwartet, dass sie sich nicht nur zeitlich intensiv im Wahlkampf engagieren, sondern insbesondere auch finanziell einen Großteil der Kosten übernehmen.“

Laut Studie beziffern die zuständigen Parteivertreter von CDU, CSU und SPD diese privaten Kosten der Bewerber mit

Zitat: „… mindestens 10.000 Euro bis nicht selten 70.000 Euro“.

Summen, die viele Bewerber abschrecken dürften, selbst wenn sie in dieser Höhe nicht ausdrücklich verlangt werden sollten.

Tim Spier, Politikwissenschaftler Universität Siegen: „Wenn aber die Chance, von einer Partei als Kandidat aufgestellt zu werden, vom Geldbeutel abhängt, dann haben wir ein erhebliches demokratietheoretisches Problem. Dann setzen sich nämlich die etwas wohlsituierteren, die reicheren Bevölkerungsgruppen in den Parteien durch.“

Und nicht Menschen wie Barbara Roth aus München. Sie wollte politisch aktiv werden, trat in die CSU ein, und interessierte sich für ein Landtagsmandat. Roth führte Vorgespräche, unter anderem mit ihrem Kreisverband. Aber dann hätten Delegierte die Summe von 100.000 Euro erwähnt, die sie selbst mitbringen müsse. 100.000 Euro? Auf Monitor-Anfrage wollte die CSU dazu keine Stellung nehmen. Barbara Roth fühlte sich als Alleinerziehende jedenfalls abgeschreckt - und verzichtete auf die Kandidatur.

Barbara Roth (CSU): „Für mich war es einfach auch Enttäuschung und auch … ich bin ein sehr politisch denkender Mensch, und ich finde es für die Repräsentation der Bevölkerung nicht gut. Es müssen alle Bereiche der Bevölkerung im Landtag vertreten sein, und welche Alleinerziehende hat mal 100.000 Euro übrig, um einen Wahlkampf zu wagen?“

Die hohen finanziellen Eigenbeteiligungen dürften sich auch auf die Zusammensetzung des Bundestags auswirken. Fest steht, das Parlament ist alles andere als repräsentativ für die Bevölkerung. Von den insgesamt 630 Abgeordneten sind 183 Beamte und 148 Selbstständige. Völlig unterrepräsentiert dagegen Hausfrauen, und auch Arbeiter. Olaf Mangold wollte gerne im Parlament vertreten sein. Er hatte gedacht, dass es seiner Partei, der SPD, nur um Inhalte gehen würde - als er sich aufstellen ließ als Direktkandidat in Brandenburg, bei der Bundestagswahl 2013. Doch es war anders. Hier in seinem Keller stapelten sich die Broschüren. Die Unterstützung durch sein Team war zwar groß, doch das reichte nicht. Um die 10.000 Euro steckte er selbst in den Wahlkampf, sogar Schulden machte der Angestellte damals.

Reporter: „Sind Sie direkt gefragt worden, ob Sie privates Geld mit reinbringen können?“

Olaf Mangold (SPD): „Ja, das bin ich in mehreren Runden, im Vorwege in den Vorstellungsrunden, immer wieder mal gefragt worden, ja.“

Reporter: „Wie fanden Sie das damals, als das gefragt worden ist?“

Olaf Mangold (SPD): „Ich persönlich immer irritierend.“

Reporter: „Warum?“

Olaf Mangold (SPD): „Weil es ums Thema soziale Gerechtigkeit geht und nicht um finanzielle Mittel der Kandidaten.“

Wie aber kann es sein, dass die Parteien überhaupt erwarten, dass Menschen wie Barbara Roth, Olaf Mangold und Björn Franken eigenes Geld in den Wahlkampf stecken? Schließlich bekommen alle Parteien mehr als 160 Millionen Euro pro Jahr vom Staat - vor allem auch, um ihre Wahlkämpfe zu bezahlen.

Tim Spier, Politikwissenschaftler Universität Siegen: „Historisch betrachtet ist die Parteienfinanzierung im Kern eigentlich auch eine Wahlkampfkostenerstattung. Insofern kann man schon von den Parteien erwarten, dass sie für die Kosten, die ihren Kandidaten im Wahlkampf entstehen, aufkommen.“

Monitor hat in den Parteizentralen angefragt, warum von Kandidaten eine so hohe Eigenfinanzierung ihres Wahlkampfes erwartet wird. Die Unionsparteien wollten dazu kein Statement abgeben. Von der SPD heißt es, zu Studien, die man nicht kenne, äußere man sich nicht. Generell aber sei für die Finanzierung von Wahlkämpfen die Partei zuständig. Klingt gut, doch die Realität, die sieht bei den Parteien anders aus. Die Investition von Björn Franken jedenfalls hat sich vermutlich gelohnt: Seinen Wahlkreis in NRW hat er gewonnen. Für Olaf Mangold, der seinen Wahlkreis vor vier Jahren verloren hat, kam eine Kandidatur bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht in Frage. Zu groß der Zeitaufwand, zu teuer der Wahlkampf. Und Barbara Roth begnügt sich mit Lokalpolitik. Sie glaubt, dass eine Kandidatur für ein Landtagsmandat für sie auch in Zukunft nicht möglich sein wird - und das allein des Geldes wegen.

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Regeln fürs Kommentieren

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Wie heißt unser Planet Erde?

Warum stellt das Erste diese Fragen?

30 Kommentare

Neuester Kommentar von "Jens Adolf FRESE ", 08.08.2017, 08:58 Uhr:

Falls das stimmt hat das nichts aber wirklich gar nichts mit Demokratie zu tun. Dann sind wir genau da wo wir um 1700 herum aufgehört haben. Man kauft sich seinen Posten denn das heißt im Grunde genommen wenn ich Millionär wäre, könnte ich mir damit mein Sitz im Parlament kaufen. Da geht es also nicht um die besseren Ideen sondern lediglich um das größere Portemonnaie. Das ist ekelerregend und schlimm damit ist geklärt, wie es eben zu solchen Verfehlungen wie Hartz IV Agenda 20 10 und all den Kürzungen im Sozialbereich kommt. Damit ist geklärt was es mit diesem Land auf sich hat. Es hat sich faktisch nichts geändert. Dies ist das Land in den Händen von den Grafen Baronen und Fürsten nur den Namen heißen anders.

Kommentar von "EGartner", 09.06.2017, 16:29 Uhr:

So ist es also ein Geschäftsmodell mit privatem Risikokapital ! Wie auf dem "freien Markt" ! Und wer kreditwürdig ist, über ausreichend Vermögen verfügt, darf einsteigen. Wer Erfolg hat, wechselt nach erfolgreicher Lobbytaetigkeit, als Gewählter, und als aufgestellter Spitzenkandidat ihrer Partei - in die Privat-Industrie, wie Pofalla, Steinbrück,.... Lebendige Demokratie, gelebte freie Marktwirtschaft, oder? Demokratie und Gerechtikeit in Gefahr !

Kommentar von "Agelstein", 28.05.2017, 11:16 Uhr:

Das ist ja unglaublich was man da zu hören bekommt. Es ist doch gewollt, dass nur gut Betuchte die Möglichkeit bekommen sich für den Land- bzw. für den Bundestag für ein Mandat zu bewerben. Welcher einfache Arbeiter oder Angestellte oder Alleinerziehende hat die finanziellen Mittel solch eine hohe Summe für ein Mandat auszugeben. Es ist beschämend, dass nicht alle die gleichen Chancen erhalten, sich für ein Mandat zu bewerben. Da brauchen sich die etablierten Parteien nicht zu wundern, wenn immer mehr Bürger nicht mehr zur Wahl gehen, da sowieso nicht mehr ihre Interessen im Parlament vertreten werden. Auch das gehört zur sozialen Gerechtigkeit. Also SPD, CSU, CDU schafft dieses Kaufen vom Mandat ab und gebt alle die gleichen Chancen sich für ein Mandat für den Bundes- bzw. Landtag zu bewerben. So könnt ihr für die Wähler anfangen, glaubwürdiger zu werden und auch einfache Arbeiter wären wenn man das wollte wieder stärker im Bundestag vertreten. Ich bin überzeugt, dass sich der ei ...

Kommentar von "GabrielMaisko", 23.05.2017, 11:20 Uhr:

Mich wundert, dass die her erwähnten Personen noch immer in ihrer Partei tätig sind???! Wenn ich ein politisches Amt anstreben würde und meine Partei würde so was von mir verlangen, vor allem eine SPD, dann würde ich doch umgehend austreten und meine eigene Partei gründen. Würden das alle so machen, so würde sich in kürzester Zeit eine starke Alternative (NEIN, KEINE AfD!) zusammen finden. Ich finde es unvereinbar mit dem Gewissen, wenn ich Geld bringen muss um mich politisch engagieren zu können. Ganz nebenbei gesagt: War es nicht mal so: Wenn man erst Geld bezahlen muss, bevor man etwas "verdienen" kann, dann ist der Job unseriös??! Und wer einen Beweis benötigt um die 2KlassenGesellschaft zu sehen, hier ist er, eindrucksvoll.

Kommentar von "Bedient", 20.05.2017, 18:34 Uhr:

Nicht die AfD oder der politisch "braune Randbereich" gefährden die Demokratie. Es sind unsere etablierten (,unsere regierende) Parteien selbst, welche nur so vor Lobbyismus, Korruption und Machtmissbrauch stinken und nur noch unglaubwürdig erscheinen !!! Ich habe noch nie "Rechts" gewählt und werde es auch weiterhin nicht tun. Ich werde gar nicht mehr wählen!

Kommentar von "Helga Geiger ", 20.05.2017, 12:06 Uhr:

.....also kaufen sich die Politiker ihren Listenplatz! Das darf doch alles nicht wahr sein??? Unglaublich...

Kommentar von "Marina Heckmann", 20.05.2017, 03:49 Uhr:

Da musste ich erst mal nur mit dem Kopf schütteln... Das es jungen, talentierten Nachwuchskräften mit kleinerem Budget so schwer gemacht wird, habe ich nicht gewusst. Mit Absicht? Nur nicht zu viele im Bundestag, die den normalen Steuerzahler vertreten? Meinen Respekt hat der junge Herr, der privat extra dafür einen Kredit aufgenommen hat. Ich drücke ihm die Daumen, ........ Das zahlen Trump, Putin etc. aus der kleinen Portokasse . Und was diesen Präsidenten nicht passt, wird passend gemacht.

Kommentar von "Grummelchen", 19.05.2017, 13:02 Uhr:

Wenn es selbst beim Wahlkampf ums Geld geht ,braucht man sich nicht Wundern warum die Untere Mittel und Unterschicht keine Lobby haben.Dann wundert sich die Politik das Menschen sagen sie werden nicht mehr vertreten.Hat schon irgend wie etwas von Farm der Tiere.Schleichender Verlust an Einfluss der schließlich in Entrechtung endet.

Kommentar von "Grummelchen", 19.05.2017, 12:51 Uhr:

Wenn es selbst beim Wahlkampf ums Geld geht ,braucht man sich nicht Wundern warum die Untere Mittl und unterschicht keine Lobby haben.Dann wundert sich die Politik das Menschen sagen sie werden nicht mehr vertreten.

Kommentar von "Monika", 19.05.2017, 11:21 Uhr:

Demokratie ist ein hohes Gut, welches von unseren Vorfahren hart erkämpft wurde, manchmal sogar unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Wer politisch aktiv ist ohne Parteimitglied zu sein, muss allerdings immer wieder erleben, dass sich die politische Vertretung des Souveräns als autonome Gruppe versteht, die sich nur alle 4 Jahre, wenn es um die Wiederwahl geht, scheinbar den Bürgerinnen und Bürgern zuwendet und Demokratie spielt. In der Zwischenzeit machen sie das was sie für richtig halten und/oder im Interesse der jeweiligen Partei und manch einem individuellen Vorteil oder dem Vorteil des sozialen Hintergrundes - wie bei den Beamten - dient. Und wer von Pfründen profitieren will, muss natürlich dafür zahlen. Da erscheint es nur selbstverständlich, dass sich Menschen, die in den Land- oder Bundestag einziehen wollen, auch ihren Wahlkampf selbst finanzieren. Für die Demokratie ist dieses Verhalten eine Katastrophe. Mittlerweile steht für mich fest, dass unsere etablierten Parteien d ...

1
2
3