Hilflos in Kabul: Abschiebungen nach Afghanistan

MONITOR vom 09.03.2017

Hilflos in Kabul: Abschiebungen nach Afghanistan

Bericht: Naima El Moussaoui, Said Amir Akbari

Georg Restle: „In unserer letzten Sendung hatten wir über Atiqullah Akbari berichtet, einen jungen Afghanen, der aus Bayern abgeschoben wurde, obwohl er hier hervorragend integriert war - und der kurz nach seiner Ankunft in Kabul bei einem Anschlag verletzt wurde. Geht es nach dem Bundesinnenminister, ist das alles kein Problem. Kabul sei schließlich weitgehend sicher und außerdem kümmere man sich intensiv um die abgeschobenen Flüchtlinge aus Deutschland.“

De Maiziere: „Zunächst ist ja wichtig, dass wir sie da nicht irgendwie die Gangway runtergehen lassen. Sondern sie werden übergeben an afghanische Autoritätten. Dort sind private Organisationen dabei. Da ist IOM dabei, eine UNO-Einrichtung. Es gibt auch Rückkehrhilfen. Die Dinge sind so, dass sie in humanitärer Weise auch in Kabul abgewickelt werden.“

Georg Restle: „Klingt gut, aber stimmt das überhaupt - und wie sicher ist Afghanistans Hauptstadt Kabul in diesen Tagen tatsächlich? Wir haben Atiqullah in den letzten Wochen weiter begleitet. In einer Stadt, in der er niemanden kennt; in einem Land, das ihm längst fremd geworden ist. Naima El Moussaoui und Amir Akbari.“

Seit fünf Wochen schon irrt Atiqullah Akbari durch Afghanistans Hauptstadt Kabul. Immer auf der Suche nach einem neuen Schlafplatz. Ständig begleitet von der Angst vor einem erneuten Anschlag. Die Kleidung, die er trägt, hat er noch aus Deutschland. Seine Familie ist in die Türkei geflohen. Heute hilft ihm hier keiner. In einer Stadt, in der er niemanden kennt.

Akbari: „Ich habe die Leute auch gefragt. Die Leute haben gesagt, keine Ahnung. Wir kennen dich nicht.“

Viele Leute wollen nichts mit ihm zu tun haben. Abgeschobene gelten hier oft als Kriminelle. Außerdem ist Kabul teuer. 400 Dollar für eine Monatsmiete. Geld, das er nicht hat. 20 Euro Handgeld hat er bei seiner Ankunft am Flughafen bekommen. Davon konnte er ein paar Tage essen und trinken. Mehr nicht.

Akbari: „Das größte Problem ist, wo soll ich schlafen heute? Keine Ahnung heute Nacht. Ich muss auf der Straße schlafen. Ich habe gedacht, ich kann heute finden ein Zimmer für mich. Aber ja, doch ich finde. Aber teuer. Ich habe kein Geld.“

Ein paar Tage später. Jede Woche macht sich Atiqullah auf den Weg zur IOM, einer UN-Organisation, die Abgeschobenen aus Deutschland helfen soll.

Doch Hilfe bekommt er hier keine, Bargeld sowieso nicht. Ein Mietzuschuss wäre möglich, sagt ihm der Mitarbeiter. Dafür bräuchte er allerdings einen Mietvertrag. Aber für den wollen die meisten Vermieter erst mal Geld sehen. Kein Geld ohne Mietvertrag - kein Vertrag ohne Geld, ein Teufelskreis. Und wieder geht er mit leeren Händen.

Akbari: „Heute war das fünfte Mal ich war bei IOM. Ich habe gefragt, ich komme hier das fünfte Mal und sie haben mir gesagt, du kriegst Hilfe, du kriegst Hilfe. Aber ich kriege gar nichts. Ich habe gefragt, ich habe niemanden hier. Wie kann ich einfach finden eine Wohnung, ein Zimmer für mich? Er hat gesagt, das ist dein Problem.“

Keine Hilfe für abgeschobene Flüchtlinge, obwohl die doch versprochen wurde? Wir fragen beim IOM-Verantwortlichen nach.

Masood Ahmadi, International Organisation for Migration (Übersetzung Monitor): „Nein, nein, es gibt kein Bargeld. Die Rückkehrer erhalten kein Bargeld von IOM. Es gibt nur Sachleistungen. Und die sind möglich in Form von Projekten zur Selbstständigkeit, Job-Trainings, Arbeitsplatzvermittlung und Bildungsprojekten. Sie können jede dieser Möglichkeiten wählen.“

Jobtrainings in einem Krisenland, in dem es keine Jobs gibt. Für Atiqullah geht es erst mal ums Überleben. Er versucht es bei einer kleinen privaten Hilfsorganisation, die Abgeschobene aus Europa berät. Wer hier auftaucht, weiß nicht mehr weiter. Einige von ihnen landen auf der Straße, sagt uns der Leiter.

Abdul Ghafoor, Afghanistan Migrants Advice and Support Organisation (Übersetzung Monitor): „Die Abgeschobenen haben sich seit langem von diesem Land entfremdet, sie sind hier entwurzelt. Für diese Menschen ist es unmöglich, sich hier zu integrieren und in Afghanistan zu überleben. Vor allem in Kabul - aufgrund der unsicheren Lage und der hohen Arbeitslosigkeit.“

Ein paar Tipps über Kabul bekommt er immerhin. Aber mehr nicht. Am Ende eines langen Tages findet er dann doch noch ein Zimmer, wo er erst einmal schlafen kann. Für 20,- Euro am Tag. Lange kann er deshalb nicht hierbleiben. Morgen muss er weiter suchen. Auch wenn er eigentlich etwas ganz anderes will.

Akbari: „Meine größte Hoffnung, meine größter Wunsch ist, dass hoffentlich ich finde eine Lösung, eine Möglichkeit, ich gehe zurück nach Deutschland. In eine sicher Land, in eine gute Land, mit den netten Leuten, mit der guten Regierung.“

Deshalb lernt er weiter Deutsch, manchmal den ganzen Tag. Doch zurück nach Deutschland wird schwierig. Frühestens in drei Jahren darf er als Abgeschobener zurückkehren - und das auch nur, wenn er die Kosten für seine Abschiebung bezahlt.

Dabei hat er alles gehabt: Sicherheit und eine Perspektive. Er hätte eine Ausbildung im Pflegeheim machen können. Die Leute mochten ihn. Er war glücklich - in Deutschland.

Vor allem auch dank seiner Pflegeeltern. Bei den Josats hatte er eine neue Familie gefunden. Er war für sie wie ein Sohn, sagen sie. Bis heute können sie nicht verstehen, warum ausgerechnet er gehen musste. Sie halten Kontakt zu ihm und schicken ihm Geld. Ohne sie wäre er aufgeschmissen.

Uschi Josat: „Ich weiß nicht, von was er leben würde, wenn wir ihm kein Geld schicken würden. Dass er sich was zu essen kaufen kann, dass er auch dieses Zimmer bezahlen kann. Er kriegt keinerlei Hilfe da drüben.“

Reporter: „Was wäre, wenn Sie nicht da wären?“

Uschi Josat: „Was wäre dann, wenn wir nicht da wären? Er wäre da in Afghanistan alleine, ich weiß nicht, ob es ihn dann noch gäbe.

Täglich verfolgen sie die Nachrichten aus Afghanistan, die Meldungen über ständig neue Anschläge - und auch die Äußerungen der Bundesregierung, wonach man in Kabul doch angeblich sicher leben könne.

De Maiziere: „Auch in Kabul kann man nicht sagen, dass dort insgesamt die Lage so unsicher ist, dass man die Menschen dort nicht hinschicken könnte. Normale zivile Bevölkerung ist zwar Opfer, aber ist nicht Ziel von Anschlägen der Taliban. Und das ist ein großer Unterschied.“

Für die Menschen in Kabul macht es keinen Unterschied. Seit Monaten nimmt die Zahl der Anschläge zu. Und immer wieder trifft es Zivilisten.

Am 10. Januar detonieren gleich mehrere Bomben in der Stadt - 38 Tote.

Am 7. Februar ein Selbstmordanschlag auf den Obersten Gerichtshof - 21 Menschen sterben. Bei diesem Anschlag wird auch Atiqullah verletzt.

Am 1. März zwei Sprengstoffanschläge auf eine Polizeiwache und ein Geheimdienstbüro - 23 Menschen sterben. Und erst gestern griffen IS-Kämpfer ein Militärkrankenhaus in Kabul an. Mindestens 49 sterben.

Der Anschlag vergangene Woche passierte nur wenige Straßen von Atiqullahs Zimmer entfernt. Keine Sicherheit, nirgendwo. Wie es für ihn weitergehen soll, weiß er nicht. Ein neuer Tag. Und wieder auf der Suche nach einem Schlafplatz. Ohne Geld kommt er aus Kabul nicht weg. So wie all diese Menschen, afghanische Flüchtlinge. Gestrandet in einem Slum am Rande der Stadt. Atiqullah hat Angst, dass auch er bald hier landet.

Akbari: „Wenn ich kriege keine Hilfe von der deutschen Regierung oder von meiner Regierung, dann ich muss auch wie diese Leute wohnen. Wie diese Leute als Flüchtlinge wohnen. Ich bin sicher, hundertprozentig sicher. Ich verliere meine Zukunft hier. Ich habe keine Zukunft hier.“

Eine Zukunft, die er hätte haben können. 5.000 Kilometer entfernt von hier.

Georg Restle: „Geht es nach der Bundesregierung, soll in den nächsten Monaten weiter abgeschoben werden. Ganz gleich, wie unsicher es in Afghanistan ist. Ganz gleich, wie gut jemand hier integriert ist.“

Stand: 07.03.2017, 14:02

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34 Kommentare

Neuester Kommentar von "Mario ", 15.03.2017, 01:14 Uhr:

Ich habe da mal eine Frage? Warum ist unter dem Pflaster über dem linken Auge nichts zusehen wenn es ab ist ??? Dies ist nicht meine Frage sondern die meiner Tochter

Kommentar von "G.Letsch", 13.03.2017, 16:59 Uhr:

Zum Thema "Innenminister Th.de Maiziere." Dieser Mann behauptet, Deutschland sei ein Rechtsstaat. Er aber hat ein nicht zu verzeihendes Unrecht begangen! Er hat vor nicht allzulanger Zeit in einer Nachrichtensendung des Deutschen Fernsehens gesagt, dass die Afghanischen Dolmetscher, die für die deutschen Soldaten gearbeitet haben, natürlich Asyl bekommen, da sie auf den Mordlisten der Taliban ganz oben stehen. Als der erste Dolmetscher Asyl beantragte wurde er Abgelehnt. Zu unserer Regierung fällt mir nichts Gutes mehr ein. Es werden immer die falschen abgelehnt. Zum Abschiebethema ist folgendes zu sagen: Wenn so wie seit Jahresbeginn, ständig Anschläge verübt werden, und wie jetzt auch der IS die Menschen ganzer Krankenhäuser ermordet und Th.de Maziere beim Besuch in Kabul nur mit Helm, Kugelsichere Weste, und 50 Soldaten um sich rum auftaucht, ist es eine freche Lüge zu behaupten, Afghanistan ist ein sicheres Land.

Kommentar von "Benny", 11.03.2017, 18:05 Uhr:

Wie lange wird es denn in Deutschland noch sicher sein, wenn wir die Grenzen für alle angeblich Schutzsuchenden öffnen? Würde Herr Restle bei einer sich hier verschlechternden Sicherheitslage Asylbewerbern empfehlen, Deutschland wieder zu verlassen?

Kommentar von "Ralf Henske", 10.03.2017, 21:42 Uhr:

Man muß sich schon sehrFremd-schämen, wenn man so ein zynisches Stadement von unseren Herrn Bundesminister De Maiziere (auch genannt die Büroklammer) zu hören bekommt. Da hat die Büroklammer, so wie auch andere Regierungsmitglieder wie auch Frau Merkel Frust, weil sie die Maghreb-Staaten nicht als sichere Herkunfts-Staaten bestimmt bekommen. Diesen Frust muß jetzt leider Atiqullah Akbari und andere gut intigriete Afghanen ausbaden. Man denke auch an die Dolmetscher, die den deutschen Soldaten in ihrem Einsatz zur Seite standen. Liebe CDU, bitte streichen Sie das "C" in Ihren Partei-Kürzel. Für mich sind Sie keine "Christliche Demokratische Union sondern ein "Club Der Unmenschlichkeit". Und an die Büroklammer gerichtet: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit als Zweck, und niemals bloß als Mittel gebrauchst.“ - Emanuel Kant

Kommentar von "Uwe maier", 10.03.2017, 20:50 Uhr:

Ich finde die Abschiebung völlig richtig!!! Die Jammerei geht einem auf den Nerv. 60.000.000 Menschen geht es schlecht. Ich habe keine Lust die alle hier durchzufüttern von meinem Steuergeld. Das geht nicht. Dann will der Typ auch noch Geld aus Deutschland, vom Steuerzahler. Nein danke!

Kommentar von "Musti", 10.03.2017, 20:48 Uhr:

Die Pflegefamilie Hut ab kann ich nur sagen Menschlichkeit pur und dieser Junge oder Mann hat im Altersheim gearbeitet und gerne sogar was in Deutschland keiner machen will

Kommentar von "Schnuffi123", 10.03.2017, 18:47 Uhr:

1.Ein inzwischen wohl verwöhnter Afghane findet sich nicht mehr unter seinesgleichen zurecht? Ich denkle Afghanistan war noch nie sicher.Das wird an denen liegen. Kabul hat fast 4 Millionen Einwohner und ausgerechnet er wird bei einem Anschlag verletzt? Ich habe mal gelesen, die Chance vom Blitz getroffen zu werden, liegt bei 1 zu 6 Millionen 2.Und was hat es damit zu tun, dass Polizisten von mehr Deutschen angegriffen werden, wenn die Gesetzte verschärft werden?Gibt es nicht mehr Deutsche als Migranten?Da wird die Wurzel liegen. Hetze gegen vernünftige Gesetzte nenn ich sowas!!! Die anderen Beiträge habe ich mir zum Glück nicht angeschaut. Ihre Sendung ist Volksverdummung pur

Kommentar von "Norma", 10.03.2017, 18:01 Uhr:

Der Bericht macht mich überaus stutzig. Mal wird der junge Mann mit Pflaster über der Nase und auf der Stirn gezeigt. Dann wiederum nur ein Pflaster über der Nase. Auf der Stirn, wo das Pflaster entfernt wurde, keine Spur von Verletzungen und einige Minuten später wird er wiederum mit einem Pflaster auf der Stirn gezeigt. Für mich ist der Bericht absolut unglaubwürdig. Und außerdem sollen doch Rückkehrer mit einem ordentlichen "Handgeld" ausgestattet werden. Wieso ist er dann total mittellos?

Kommentar von "BST.", 10.03.2017, 07:34 Uhr:

Man kann es nicht fassen: da ist ein junger Mann, der hier in einer Pflegefamilie untergebracht ist und im Seniorenheim seinen Dienst macht... er wird abgeschoben. Auf der anderen Seite wird man täglich über die Medien mit Beiträgen konfrontiert indem unsere Polizei sich mit straffälligen Menschen anderer Länder auseinander setzen muss. Wer hat mehr Bleiberecht? Mir fehlt für diese Entscheidungen jegliches Verständnis.

Kommentar von "Ursula Siegert", 10.03.2017, 07:13 Uhr:

Mein Kommentar zu den Abschiebungen nach Afghanistan: Unser Innenminister behauptet immer, die Taliban würden der Bevölkerung nichts antun. Das stimmt nicht. Ich arbeite seit 1,5 Jahren ehrenamtlich mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen und habe viele Geschichten gehört, wo die Bevölkerung drangsaliert und bedroht wird. Ein Schüler hat es in der Kurzfassung auf den Punkt gebracht, als ich ihn fragte, warum er geflüchtet ist: "Keine Arbeit, kein Geld und immer peng, peng." Herr de Maiziere redet so, als wären die Taliban eine staatlich anerkannte Organisation, die ihm versichert hat, dass der Bevölkerung nichts passiert. Es ist eine Terrororganisation! Warum schicken wir seit Jahren unsere Soldaten nach Afg.? Erst hat man unseren Jugendlichen Tag und Nacht Psychologen in die Unterkunft geschickt, um sie von ihren Traumata der Vergangenheit und der Flucht zu heilen, nun liegen unsere Jugendlichen nachts im Bett und haben Angst, dass die Polizei sie zur Abschiebung holt. Unse ...

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