Kriminalfälle aus NRW: Der Junge, der aus dem Fenster stieg - und verschwand

Gütersloh | Verbrechen

Stand: 02.01.2024, 11:13 Uhr

Die Nacht auf den 18. Oktober 2022. Der 14-jährige Alexander N. zieht einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben. Er steigt aus dem Fenster seines Kinderzimmers - und verschwindet spurlos. Bis heute. Wie konnte es dazu kommen?

Von Luca Peters

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Eine mysteriöse Flucht

Der Versmolder Ortsteil Peckeloh, nahe der niedersächsischen Landesgrenze. 3338 Einwohner, geklinkerte Ein- und Zweifamilienhäuser und grasende Pferde. Die perfekte Idylle. Wären da nicht die mit Blaulicht heranfahrenden Streifenwagen. Die Kriminalpolizei ist da. Die Ermittler der Abteilung für Mord- und Vermisstenfälle im Kreis Gütersloh suchen nach Hinweisen. Hinweise, was mit Alexander N. passiert sein könnte. Und warum er durch das Fenster seines Kinderzimmers in die Oktobernacht verschwand. Sie finden keine.

Die erfolglose Suche nach Alexander N. 01:05 Min. Verfügbar bis 02.01.2026

Ein Jahr und einen Monat später bittet Mutter Michaela N., 43 Jahre alt, zur Tür herein. Innen ist es kalt, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Grad. Die Heizung sei abgestellt, weil der Vermieter seit Monaten die Rechnungen nicht beglichen habe, klagt sie. In den zigarettenrauchschweren Räumen ist Alexander allgegenwärtig. Alexander im Trikot seiner Fußballmannschaft. Alexander auf einem Kindergeburtstag. Bilder wie aus einem anderen Leben. Hinter dem schweren Fliesentisch im Wohnzimmer sitzt Vater Andre P. Er wirkt merklich angefasst. Der 51-Jährige kommt nur selten hierher, die Situation im Haus macht ihm zu schaffen. Die Eltern trennten sich, da war Alexander gerade acht Jahre alt. Er vermisse seinen Sohn sehr, schluchzt der Vater, und wenn er an ihn denke, könne er kaum schlafen. Ob er davon ausgehe, dass sein Sohn noch am Leben sei? Das hoffe er, sagt P. Dann versagt ihm die Stimme.

Die Reue eines Vaters 00:43 Min. Verfügbar bis 02.01.2026

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Das letzte Lebenszeichen

Das Kinderzimmer von Alexander. Der letzte Rückzugsort des 14-Jährigen, wenn er sich mal wieder mit seiner Mutter gestritten hat. Wie in der Nacht vor seinem Verschwinden. Mutter Michaela will ihren Sohn am nächsten Morgen in eine Jugendwerkstatt schicken. Damit er etwas zu tun habe, sagt sie. Zur Schule geht Alexander zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Doch der Junge hat andere Pläne. Als es dunkel wird, hört Michaela laute Geräusche aus seinem Zimmer. Sie denkt sich nichts dabei, Alexander verrückt öfter mal die Möbelstücke. Dass etwas nicht stimmt, bemerkt sie erst am nächsten Morgen. Das Licht im Kinderzimmer ist an, die Fenster sind auf. Sonst sieht alles so aus wie immer. Nur Alexander ist nicht mehr da.

Das einstige Kinderzimmer von Alexander | Bildquelle: WDR

Heute ist der Ort, an dem Alexander seiner Vergangenheit Lebewohl sagte, mit dicken Gardinen verhangen. Ganz so, als schirmten sie die Außenwelt ab vor der Tragödie, die hier passiert ist. N. öffnet den Kleiderschrank in der Ecke des kleinen Raumes. Alles sei noch da, versichert sie. Alexander habe außer seinem Fischerhut keine Klamotten auf seiner Flucht mitgenommen, lediglich sein Handy, ein Ladekabel und eine Musikbox. Ob ihr Sohn die Flucht lange geplant habe, wisse sie nicht, vermutlich hätten ihm aber Freunde beim Untertauchen geholfen. Das letzte Lebenszeichen von ihrem Sohn hat sie auf ihrem Handy immer dabei: Eine Sprachnachricht, abgesendet wenige Stunden nach seiner Flucht. Mit aufgekratzter Stimme erzählt Alexander, dass seine Eltern ihm "das Leben beschissen genug gemacht hätten" und nun sehen würden, "was sie davon hätten". N. bittet den 14-Jährigen, doch bitte trotzdem zurück nach Hause zu kommen. Aber Alexander antwortet nicht mehr. Nie mehr.

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Eine traumatische Kindheit

Im Fall Alexander N. ist nicht alles so, wie es scheint. Die Flucht des 14-Jährigen ist auch das Resultat einer gescheiterten Erziehung und dem Versagen staatlicher Institutionen. Schon als Kind kassiert Alexander zuhause Schläge, ständig ziehen die Eltern um, trennen sich schließlich. Mit acht Jahren kommt Alexander das erste Mal ins Heim. Von da an beginnt eine Odyssee durch verschiedene Einrichtungen in ganz Deutschland. Enger, Geseke, Hamm, Salzwedel: knapp zehn Stationen in sechs Jahren.

Nirgendwo habe sich Alexander geborgen gefühlt, nirgendwo sei er angekommen, meint Mutter Michaela. "Sie haben ihn rumgereicht wie einen Wanderpokal", erzählt sie. Alexander gilt als intelligent, geht sogar kurz aufs Gymnasium. Doch auch seine gewalttätige Seite kommt immer mehr zum Vorschein. Seine Mutter erzählt, Alexander habe sich an anderen Kindern vergriffen. Bestätigen lassen sich diese Vorwürfe nicht. Weder das zuständige Jugendamt, noch die Jugendheime, in denen Alexander sich für längere Zeit aufhielt, wollen mit der WDR Lokalzeit über den Fall reden. Doch es gibt Hinweise. Eine Bekannte der Familie, die lieber anonym bleiben möchte, bezeichnet den Jungen als eine "verlorene Seele". Noch bei keinem Kind habe sie so viel Hass in den Augen gesehen, wie bei Alexander, erzählt sie. In seiner Heimzeit kommt Alexander auch mit Drogen in Kontakt. Schon mit elf Jahren trinkt er Alkohol und raucht Cannabis. Er gibt sich viel mit Älteren ab und büxst immer wieder aus. Mal für ein paar Stunden, mal für wenige Tage. Jedes Mal kommt er zurück. Erst wenige Wochen vor seinem Verschwinden taucht Alexander wieder bei Mutter Michaela auf. Ob er bei ihr einziehen könnte, fragt er. Sie sagt ja. Wenig später ist Alexander weg.

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Wie vom Erdboden verschluckt

Die Spuren im Fall Alexander N. laufen auf dem Schreibtisch eines einzigen Mannes zusammen. Kriminalhauptkommissar Friebel verwaltet das wenige, was es über das mysteriöse Verschwinden des Jungen mit dem Fischerhut zu wissen gibt. Zahlreiche Menschen hatte er bereits am Telefon, die zu wissen glaubten, wo sich Alexander denn aufhalte. Sie hatten den Jugendlichen in Stuttgart wiedererkannt, in Dortmund und in Berlin. Dort ließ Friebel vor kurzem mithilfe seiner Amtskollegen einen ganzen Park durchsuchen. Ohne Erfolg. Ob Alexander noch lebt? Auch Kommissar Friebel weiß es nicht. "Normale Jugendliche hinterlassen Spuren. Die sind in Social Media aktiv, die treffen sich mit Freunden. Aber der Alexander ist seit dem Tag seines Verschwindens wie vom Erdboden verschluckt."

Ein letzter Blick in das einstige Kinderzimmer von Alexander. Seine Mutter nimmt eine kleine Christusstatue vom Holztisch. Sie wirkt hier seltsam deplatziert. Die habe ihr eine Freundin geschenkt, ein bisschen beten könne ja nie schaden, erzählt sie. Dabei sei sie eigentlich gar nicht gläubig. N. hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihren einzigen Sohn irgendwann wiederzusehen. Dass mit einem einzigen Klingeln an der Tür eines Tages alles wieder gut wird. Das Unaussprechliche bleibt in diesem Moment unausgesprochen: Vielleicht wird sie Alexander nie wiedersehen.

Über dieses Thema haben wir auch am 06.12.2023 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.