Mögliche Folgen der Prostatakrebs-Früherkennung

Risiko: Fehlalarm!

Mögliche Folgen der Prostatakrebs-Früherkennung

Prostatakrebs ist bei deutschen Männern die am häufigsten diagnostizierte Krebserkrankung. 2011 betraf das etwa 66.000 Menschen. Zum Vergleich: 1980 waren es nur etwas über 20.000. Doch es ist nicht so, dass tatsächlich mehr Männer erkranken. Es werden einfach mehr Krebsfälle erkannt, auch diejenigen, die bisher unauffällig waren. Als Hauptgrund dafür gilt die Einführung der Früherkennung von Prostatakrebs, vor allem der PSA-Test. Was erstmal klingt, als wäre es ein Erfolg der modernen Medizin, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Problem: Viele Männer erhalten eine Krebsdiagnose und werden therapiert, obwohl der Krebs sie in ihrem Leben kaum beeinträchtigt hätte.

älterer Mann

Für Männer über 45 stellt sich die Frage: Soll ich zur Prostatakrebs-Früherkennung gehen oder nicht?

Risiko Prostatakrebs?
Wenn man abwägen will, wie sinnvoll diese Krebs-Früherkennungsuntersuchung ist, sollte man zunächst wissen, wie häufig der Krebs ist – und wie tödlich. Ab dem Alter von 60 Jahren hat bereits rund ein Drittel der Männer Prostatakrebs. Der Anteil steigt mit den Jahren weiter an. Bei Männern ab 80 Jahren haben etwa 60 Prozent Prostatakrebs. Diese Daten stammen aus Autopsien verstorbener Männer, die aus anderen Gründen gestorben sind und die noch nicht einmal wussten, dass sie Krebs hatten! Die Zahlen variieren von Studie zu Studie, aber in einem sind sich die Experten einig: Häufig ist Prostatakrebs nicht aggressiv. Denn schaut man sich die Todesursachen an, dann sterben vergleichsweise wenige Männer an Prostatakrebs – rund drei Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum sterben rund fünf Prozent aller Männer an Unfällen, beispielsweise im Straßenverkehr und im Haushalt. Heute sterben sogar weniger Männer an Prostatakrebs als vor 15 Jahren, aber es konnte kein Zusammenhang zwischen Screening und Sterberate festgestellt werden. Denn auch in Ländern ohne Screening ist die Sterberate gesunken. Prostatakrebs ist also häufig, aber relativ selten tödlich.

Der umstrittene PSA-Test
In Deutschland erstatten die gesetzlichen Krankenkassen Männern ab 45 einmal jährlich das Abtasten der Prostata zur Prostatakrebs-Früherkennung. Da diese Untersuchung nur begrenzt aussagefähig ist, empfehlen Urologen häufig einen regelmäßigen PSA-Test als ergänzende Maßnahme, und das, obwohl der sehr umstritten ist.

Der Grund für einen erhöhten PSA-Wert kann zwar Prostatakrebs sein. Es gibt aber noch viele andere mögliche Ursachen für einen erhöhten PSA-Wert: Harnwegsinfektionen, Entzündungen der Prostata, eine gutartige Vergrößerung der Prostata oder einfach eine Druckeinwirkung auf die Prostata, wie sie zum Beispiel auch bei der Tastuntersuchung im Rahmen der Prostatakrebs-Früherkennung vorkommt. Andererseits kann ein Mann auch Krebs haben, ohne dass der PSA-Wert ansteigt. Der PSA-Test ist also kein spezifisches Werkzeug zur Früherkennung. Er kann auch nicht zwischen einem lebensbedrohlichen und einem nicht lebensbedrohlichen Prostatakrebs unterscheiden. Auch die bei einem erhöhten PSA-Wert häufig nachfolgende Gewebeprobe kann keine hundertprozentige Gewissheit bieten.

Das mögliche Dilemma: Ein bis dahin gesunder Mann bekommt eine Krebsdiagnose und weiß nicht, ob es wirklich notwendig ist, den Krebs behandeln zu lassen.

Mögliche Nebenwirkungen der Krebstherapie
Bevor sich Arzt und Patient nach der Krebsdiagnose für eine operative Entfernung der Prostata entscheiden, muss der Patient wissen, dass es zu gravierenden Nebenwirkungen kommen kann. Die Angaben zur Anzahl der Betroffenen variieren von Studie zu Studie allerdings stark – je nach Definition der Nebenwirkung. Zwischen 5 und 28 Prozent der Operierten haben nach dem Eingriff mit Inkontinenz zu kämpfen. 20 bis 80 Prozent sind danach impotent. Bei einigen Patienten gehen die Beschwerden mit der Zeit zurück, einige behalten sie bis zu ihrem Lebensende. Andere Patienten entscheiden sich statt für eine OP für eine Strahlentherapie. Auch hier können Impotenz und Inkontinenz als Nebenwirkung auftreten, allerdings nicht in dem Ausmaß wie bei der Operation. Durch die Bestrahlung der Prostata kann es zum Beispiel auch zu Darmproblemen wie etwa Durchfall oder schmerzhaften Entzündungen der Enddarmschleimhaut kommen – in den meisten Fällen klingen die Beschwerden einige Zeit nach der Bestrahlung ab. Bei einigen Patienten können sie jedoch chronisch werden.

Biopsie-Nadel

Fällt die Gewebeprobe positiv aus, zieht das häufig weitere Behandlungsmaßnahmen nach sich, die gravierende Nebenwirkungen haben können.

Screening führt zu Übertherapien
Obwohl auch in den ärztlichen Leitlinien zur Früherkennung von Prostatakrebs der PSA-Test nicht als generelles Screening empfohlen wird, sondern lediglich durchgeführt werden soll, wenn der Patient das ausdrücklich wünscht, halten einige Urologen am PSA-Test fest. Ihr Argument: Zusammen mit der Tastuntersuchung ist er bis heute das einzige Mittel, um überhaupt bösartigen Krebs früh zu entdecken. Aber dadurch, dass der PSA-Test in den letzten Jahren von vielen Urologen empfohlen wurde, haben viele Männer eine Krebsdiagnose und -therapie erhalten, obwohl der Krebs sie in ihrem Leben kaum beeinträchtigt hätte. Experten sprechen in diesen Fällen von Überdiagnose beziehungsweise Übertherapie.

Die Cochrane Collaboration hat die Ergebnisse der wichtigsten Studien zum Thema Überdiagnose bei der Prostatakrebsfrüherkennung bewertet (vgl. Link unten): Eine einzige der Studien hat zwar einen Rückgang der Sterberate festgestellt, aber dafür müssen über 1000 Männer regelmäßig zum Screening gehen, um einen Mann zusätzlich vor dem Prostatakrebstod zu bewahren. Andererseits führte das Screening zu einem hohen Anteil an Überdiagnosen. Die an dieser Screening-Studie beteiligten Forscher schätzen, dass bis zu 50 Prozent der Diagnosen Überdiagnosen sind. Bei der Betrachtung aller Studien kommt das Cochrane-Autorenteam sogar zu dem Ergebnis, dass es bis heute keinen Beweis dafür gibt, dass die PSA-Früherkennung Leben rettet.

Aus all diesen Gründen ist der PSA-Test im Rahmen der Prostatakrebs-Früherkennung umstritten und wird von den Krankenkassen nicht erstattet. Auch die Haltung der amerikanischen Behörde für Präventivmedizin (U.S. Preventive Services Task Force) ist eindeutig: Sie empfiehlt kein PSA-Screening für gesunde Männer.

Die Lösung des Problems?
Einig sind sich alle Experten darin, dass Diagnose und Therapie nur bei solchen Krebsformen zum Einsatz kommen sollten, die tatsächlich lebensgefährlich sind und Übertherapien verhindert werden sollen. Um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen, startet 2014 eine großangelegte Studie, die herausfinden soll, wie und bei wem der Einsatz eines PSA-Tests sinnvoll ist (vgl. Link zu probase.de). Die Studie wird untersuchen, ob eine sogenannte risikoadaptierte Früherkennung von Prostatakrebs möglich ist. Das bedeutet: Der PSA-Test wird in Zukunft möglicherweise nicht mehr pauschal angeboten, sondern nur Männern mit einem höheren Risiko. Die Ergebnisse sollen 2029 vorliegen.

Welche Therapie ist die beste?
Jeder Mann muss selbst entscheiden, ob er eine regelmäßige Prostatakrebs-Früherkennungsuntersuchung mit allen möglichen Folgen durchführen lassen will oder nicht. Wer sich für die Früherkennung entscheidet, sollte noch Folgendes wissen: Mittlerweile gibt es eine mögliche Alternative zu Operation und Bestrahlung. Durch regelmäßige Kontrollen kann man den Krebs beobachten und ihn nur dann behandeln, wenn er sich verändert. Die Fachbegriffe hierfür sind "watchful waiting" oder "active surveillance". Eine amerikanische Studie (vgl. Link "Studie zu den unterschiedlichen Krebstherapien") zeigt, dass bei lokal begrenztem Prostatakrebs eine Operation die Sterberate der Krebspatienten gegenüber der Active-surveillance-Methode nicht signifikant senkte, was also für diese Kontroll-Methode spricht. Eine weitere große Studie zur Abwägung der einzelnen Therapiemethoden läuft zurzeit in Deutschland an. (vgl. Link zu prefere.de)

Autorin: Ilka aus der Mark

Lesetipp

Der Paule ist nicht mehr ganz dicht – Erlebnisse und Erfahrungen mit Inkontinenz nach einer Prostataoperation
Autor: Paul Boos
Verlagsangaben: Pro Business, Berlin 2010
ISBN: 978-3-86805-602-0 Sonstiges: 295 Seiten, 12,50 Euro
Paul Boss ist selbst Betroffener. Er hat sich nach einer Krebsdiagnose die Prostata entfernen lassen und lebt seitdem mit seiner Inkontinenz. Auf unterhaltsame, selbstironische Weise schildert er sein Leben mit der Inkontinenz, gibt viele praktische Ratschläge für andere Betroffene und macht ihnen Mut. Auch für Männer, die noch vor der Entscheidung stehen, eine Krebstherapie zu beginnen oder nicht, hat Paul Boos Ratschläge. Er ist Leiter einer Selbsthilfegruppe und sammelte in vielen Gesprächen Erlebnisberichte auch von anderen Betroffenen.

Stand: 25.03.2014, 15:21

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