Was bei der Reaktorkatastrophe und in den vier darauffolgenden Jahren geschah

Die Fukushima-Chronik

Was bei der Reaktorkatastrophe und in den vier darauffolgenden Jahren geschah

11. März 2011 - 14:46
Ein Erdbeben erschüttert Japan. Es gibt zwar eine kurze Vorwarnzeit, trotzdem kommt es für viele überraschend. Mit einer Stärke von 9,0 ist das Tohoku-Erdbeben das stärkste in der japanischen Geschichte.

14:48
Aufgrund des Erdbebens fahren die Reaktoren 1, 2 und 3 im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi automatisch die Steuerstäbe ein und brechen die Kettenreaktion ab. Trotzdem produzieren die Reaktoren von da an noch sehr viel Wärme - jeder Reaktor so viel wie 10.000 Tauchsieder.

ab 15:27
Mehrere Tsunamiwellen treffen das Gelände von Fukushima Daiichi. Sie sind bis zu 15 Meter hoch und richten erheblichen Schaden an, allerdings nicht an den Reaktoren selbst. Vor allem verheerend, wie sich später zeigen wird: Die Tsunamiwellen zerstören die Notstromaggregate.

21:23
Um das Atomkraftwerk herum legt die japanische Regierung einen Evakuierungsradius von drei Kilometern fest. Später wird er schrittweise auf 20 Kilometer erweitert werden.

12. März 2011 - 15:30
Weil die Stromversorgung ausgefallen ist, können die Reaktoren nicht mehr gekühlt werden und heizen sich zunehmend auf. Dadurch werden die radioaktiven Substanzen Jod, Strontium und Cäsium freigesetzt, aber auch hoch explosiver Wasserstoff. Als die Dichtungen nachgeben, strömt diese Mischung in das Reaktorgebäude von Block 1. Der Druck im Reaktor steigt jetzt so stark an, dass die Arbeiter ein Ventil öffnen, damit der Druck entweichen kann. Dadurch strömen jetzt noch mehr Radioaktivität und noch mehr Wasserstoff in die Umgebung. Plötzlich zerreißt eine Wasserstoffexplosion das Reaktorgebäude von Block 1. Damit verbreitet sich viel radioaktives Material in die Umwelt.

13. März 2011 – 11.00
Eine weitere Wasserstoffexplosion zerreißt das Reaktorgebäude von Block 3. Das Kraftwerk ist außer Kontrolle. Nach und nach schmelzen die Kerne der Reaktorblöcke 1, 2 und 3. Das flüssige radioaktive Material frisst sich bis in die Fundamente der Reaktorgebäude. Der Betreiber TEPCO wird das zwei Monate lang leugnen.

4. April 2011
Der Kühlkreislauf des Atomkraftwerks ist zerstört. Deshalb muss immer wieder kaltes Wasser in die zerstörten Reaktoren geleitet werden. Durch dieses behelfsmäßige Kühlen sammeln sich in den ersten drei Wochen nach dem Unglück in den Untergeschossen der Turbinengebäude der Blöcke 1 bis 4 etwa 60 Millionen Liter radioaktives Wasser an. Es fließt in die Umgebung, bis in die Kellerräume der ein Kilometer entfernten Blöcke 5 und 6. Der Betreiber TEPCO beginnt mit den ersten Abpumpmaßnahmen.

13. Mai 2011
TEPCO bereitet die Überbauung von Reaktorgebäude 1 vor. Damit will der Betreiber verhindern, dass weiter Radioaktivität in die Umgebung entweicht. Für den Bau sind über 1.000 Arbeiter auf dem Gelände aktiv.

27. Mai 2011
Die Arbeiter besprühen die Gebäude der Reaktorblöcke 1 bis 4 mit Kunstharz. So wollen sie den radioaktiven Staub festhalten.

6. Juni 2011
Die erste neue Wasserdekontaminierungsanlage geht in den Testbetrieb. Um so große Mengen an radioaktivem Wasser zu reinigen, gibt es keine fertige Lösung. Die Japaner müssen auf dem radioaktiv hoch belasteten Gelände ganz neue Anlagen errichten. Dabei wollen sie zuerst das häufigste der radioaktiven Elemente herausfiltern: Cäsium. Für die übrigen radioaktiven Substanzen müssen sie noch mehr Aufwand betreiben, so dass diese Filteranlagen erst 2014 in den Testbetrieb gehen können.

6. September 2011
TEPCO plant eine 800 Meter lange Stahlwand zu bauen, die das Meer vor dem Eindringen des radioaktiven Wassers schützen soll.

19. Januar 2012
Mit einer Glasfaser-Endoskop-Optik versuchen Techniker ferngesteuert, die Lecks im geschmolzenen Reaktor 2 zu untersuchen. Sie bekommen aufgrund der enormen Strahlung aber keine klaren Bilder. Nicht nur Menschen, auch Computerchips sind empfindlich gegenüber Strahlung.

5. Mai 2012
Japans Regierung zieht Konsequenzen aus der Katastrophe und lässt auch das letzte AKW abschalten und durch fossile Kraftwerke ersetzen. Das Land hat inzwischen jedoch verkündet, 2015 wieder Atomkraftwerke in Betrieb nehmen zu wollen.

18. November 2013
TEPCO beginnt damit, Brennelemente aus dem Abklingbecken von Block 4 zu räumen. Die Arbeiter brauchen dafür einen Kran, aber das marode Gebäude kann ihn nicht tragen. Deshalb bauen sie extra für diese Aufräumarbeiten einen Überhang. Bis alle Brennelemente aus dem Abklingbecken entfernt sind, vergeht ein ganzes Jahr.

3. Juni 2014
TEPCO startet erste Vorbereitungen für eine sogenannte „Icewall“. Der Plan: Sie wollen auf einem Streifen rund um die vier zerstörten Reaktoren den Boden permanent gefrieren lassen, so dass Wasser weder ein- noch austreten kann. Dafür bohren die Arbeiter 30 Meter tiefe Löcher in den Boden. Dort soll später das Kühlmittel fließen. Die Barriere erstreckt sich über eine Strecke von insgesamt 1,4 Kilometern.

Januar 2015
Die Menge an hoch belastetem Wasser, das gelagert werden muss, hat sich immer weiter vergrößert – auf mittlerweile 350 Millionen Liter. Die Ingenieure hoffen in den nächsten Monaten auf eine Trendwende. Dann sollen die Filteranlagen mehr Leistung bringen und das gelagerte Wasser so allmählich dekontaminiert werden.

Autor: Reinhart Brüning

Stand: 03.03.2015, 14:00

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