Waisenkinder fliehen aus dem Irak nach Essen Der lange Weg in den normalen Alltag

Von Katja Goebel

Für sieben elternlose Kinder endete eine abenteuerliche Flucht aus dem Irak in Essen. Ein halbes Jahr ist das her. Seither lernen sie mühsam Deutsch und gehen sogar zur Schule. Im Frieden angekommen sind sie aber noch lange nicht.


Familie Hanah im Essener Garten
Bild 1 vergrößern +

Familie Hanah im Essener Garten

"Wie geht's", sagt Naseem heute, wenn deutscher Besuch die Wohnung betritt. Mehr sagt er nicht in dieser fremden Sprache. Hört lieber zu und nickt manchmal, als habe er etwas verstanden. Naseem ist mittlerweile 16 und geht zum ersten Mal in seinem Leben regelmäßig zur Schule. Dort gefalle es ihm, sagt er. Dort kann er lernen und vergessen. Heimweh habe er nicht, nur seinen Vater, den vermisse er sehr.

Mutter ermordet, Vater verschleppt

Schreckliches erlebten Naseem und seine sechs Geschwister, bevor sie bei den Großeltern in Essen eingezogen sind. Die Kinder lebten mit ihren christlichen Eltern in dem irakischen Dorf Samarah, südlich von Mossul. Eines Nachmittags stürmen vermummte Männer das Haus und töten die Mutter mit Schüssen in Brust und Bauch. Den Tod ihrer Mutter müssen die Kinder mit ansehen. Und auch ihr Vater wird an diesem Tag nicht heim kommen. Er wird verschleppt und bleibt bis heute verschwunden. Wahrscheinlich ist er eines von vielen christlichen Opfern, das fanatischen Islamisten in die Hände fiel, so vermutet die Familie.

Flucht nach Damaskus

Die Kinder verbringen die Nacht an der Seite ihrer toten Mutter. Wenig später machen sie sich allein auf einen gefährlichen Weg. Erst zu Verwandten, später dann, mit Hilfe einer christlichen Gemeinde, über die syrische Grenze bis nach Damaskus. Dort wollen sie ihre Großmutter Fiktoria Hanah treffen, die schon vor Jahren mit ihrem Mann aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet ist. Sieben Monate hausen sie hier in zwei kleinen Zimmern, bis sie endlich ausreisen dürfen. Da ist längst die Deutsche Botschaft eingeschaltet. Kurz nach Ostern kommen sie in Essen an. In das Glück, überlebt zu haben, mischen sich Trauer und die bange Frage: Wie soll es jetzt weiter gehen?

"Das größte Problem ist die Sprache"

Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. Die älteren Kinder gehen mittlerweile in Essen zur Schule. Doch sie ist schwer, die neue Sprache. Und ohne die geht es nicht. Das weiß auch Shairzid Thomas, der im Auftrag des Jugendamtes die Betreuung der Familie übernommen hat. Er selbst kommt aus Erbil im nördlichen Irak, hat in Bagdad Journalismus studiert, bevor er nach Deutschland floh. "Sprache und Kontakt nach außen sind die wichtigsten Voraussetzungen, um hier wirklich Fuß zu fassen."

Jeden Tag ist Shairzid Thomas nun als Begleiter und Dolmetscher bei der Familie, erledigt Behördengänge, kümmert sich um Krankenkassen, Rechnungen, Bankangelegenheiten und die Post. Manchmal muss er auch einschreiten, wenn die ahnungslose Familie statt eines Behördenbriefes aus Unkenntnis einen Handyvertrag unterschrieben hat. Oft, wenn seine vereinbarte Stundenzahl längst abgelaufen ist, sitzt Shairzid Thomas einfach nur mit der Familie zusammen, hört zu, vermittelt, gibt gute Ratschläge - ehrenamtlich natürlich.

Schulverbot und Drohungen

Die 14-jährige Nasmah muss Hausaufgaben machen. Das Schulheft sieht aus wie das eines Zweitklässlers. Zuhause, so erzählt Shairzid Thomas, sind die Kinder nie regelmäßig zur Schule gegangen. "Das war viel zu gefährlich. Sie waren die einzigen Christen in ihrem Dorf." Todesdrohungen waren an der Tagesordnung. Das Erlebte haben die Kinder noch lange nicht verarbeitet. "Gestern hat die Rita, die zweitjüngste der Geschwister, von ihrer Mutter geträumt", erzählt Fiktoria Hanah. Als sie aufwachte, habe sie mit ihren Fingern eine Pistole geformt und Schussgeräusche nachgeahmt. Rita war zwei, als die Mutter starb.

Ärger mit den Nachbarn

Oft ist Fiktoria Hanah mit den sieben Kindern überfordert. Dann kommt eine Freundin und hilft. "Doch besser, sie sind alle zusammen hier, als auseinandergerissen im Heim", sagt Rudi Löffelsend von der Essener Caritas, der ebenfalls die Probleme in der neuen Großfamilie kennt. Oft geht es laut zu. Sieben Kinder spielen in einer Wohnung, rennen durch den Hausflur oder fahren Rad im Hof. Dann beschweren sich die Nachbarn oder rufen gleich die Polizei. Jetzt wollen die Hanahs ein Hausfest organisieren. Damit man sich besser kennenlernt - und versteht.

Irgendwann, wenn sich bei den Kindern so etwas wie Normalität und Alltag eingestellt hat, wolle man auch über eine therapeutische Hilfe nachdenken, um das Trauma aufzuarbeiten, sagt Rudi Löffelsend. "Jetzt ist es noch zu früh. Die Kinder sind noch nicht wirklich angekommen."


Stand: 22.09.2008, 23.59 Uhr