Wie gefährlich sind Textil-Chemikalien

Giftige Kleidung

Wie gefährlich sind Textil-Chemikalien

Neue Kleidung hat oft einen ganz typischen Geruch. Der stammt von einem ganzen Cocktail von chemischen Substanzen. Viele werden eingesetzt, um der Kleidung bestimmte Eigenschaften zu geben, also zum Beispiel um sie zu färben oder knitterfrei zu machen. Andere Chemikalien wiederum sind Rückstände aus dem Herstellungsprozess, wie beispielsweise Waschmittel. Da unsere Nase sehr empfindlich ist, kann sie einige dieser Substanzen bereits in kleinen Mengen wahrnehmen, andere allerdings riechen wir nicht. Der TÜV Rheinland prüft in seinen Laboren Kleidungsstücke auf Substanzen, die für uns schädlich sein können. Nur selten entdecken sie verbotene Chemikalien und müssen die Kleidungsstücke aus dem Verkehr nehmen. "Bei uns in Deutschland brauchen sich die Verbraucher keine Sorgen zu machen", meint daher Dr. Peter Withopf, Chemiker beim TÜV Rheinland. Dennoch solle man auf Nummer sicher gehen, und deshalb empfiehlt er dringend: "Neue Kleidung sollte man immer vor dem ersten Tragen waschen."

Frau mit Kittel im Labor

Beim TÜV Rheinland wird Kleidung auf Giftstoffe überprüft.

Vor dem Tragen in die Waschmaschine

Durch das Waschen vor dem ersten Tragen der Kleidung werden Schadstoffe ausgespült, die nicht fest mit der Faser verbunden sind. Solche Substanzen könnten sich sonst auf andere Weise aus dem Textil lösen und auf die Haut oder in den Körper gelangen: zum Beispiel beim Schwitzen. Auf der Haut können manche Schadstoffe bei empfindlichen Personen zu allergischen Reaktionen führen. Bestimmte Moleküle können auch durch die Haut in den Körper eindringen, wenn sie klein genug sind. Andere Substanzen wiederum gasen aus und können dann eingeatmet werden. Vor allem kleine Kinder stecken Kleidungsstücke auch in den Mund. Auf diese Weise werden ebenfalls Substanzen gelöst und aufgenommen.

Wo liegt wirklich die Gefahr?

Nach dem Waschen könne sich der Verbraucher in Deutschland weitgehend sicher fühlen, so der TÜV-Experte Peter Withopf. Das bestätigt auch Manfred Santen, Chemiker von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation untersucht seit vielen Jahren immer wieder Kleidungsstücke aus verschiedenen Ländern. Doch obwohl bei uns in Deutschland nur noch wenige Schadstoffe ankommen, könne von Entwarnung keine Rede sein, so Manfred Santen. Denn nach wie vor kommen während der Herstellung große Mengen giftiger Chemikalien zum Einsatz – und darunter leiden die Textilarbeiter. Die Kleidungsindustrie ist mit dem größten Teil ihrer Produktion nach Asien gezogen, nach Indien, China und Bangladesch. In den Textilfabriken herrschen zum Teil sehr schlechte Arbeitsbedingungen. Es werden Chemikalien eingesetzt, die bei uns längst verboten sind. Die Arbeiter hantieren mit bedenklichen Substanzen ohne die nötige Schutzkleidung; nur wenige wissen überhaupt, womit sie hier in Kontakt kommen. Viele werden krank. Die westlichen Firmen interessieren sich häufig gar nicht dafür, unter welchen Bedingungen für sie produziert wird, und überlassen alles den Zwischenhändlern.

Strichzeichnung von einem unglücklichen Mädchen in einem pinken Pullover

Die häufigste Reaktion auf schädliche Substanzen in der Kleidung ist eine Allergie.

Vergiftete Flüsse

Die Chemikalien aus der Textilproduktion gelangen in die Umwelt: In China sind bereits Flüsse und Seen vergiftet, selbst im Trinkwasser und in Speisefischen werden die giftigen Substanzen aus der Textilproduktion gefunden. Für die Menschen in den Herstellerländern eine Katastrophe – aber auch bei uns wird die Umwelt belastet. „Wir finden die Schadstoffe auch bei uns in den Gewässern und das liegt daran, dass die Schadstoffe mit den Textilien importiert und dann hier freigesetzt werden“, erklärt Manfred Santen: Beim Waschen werden diese Substanzen aus der Kleidung gelöst und in unsere Umwelt gespült. Zum Beispiel Nonylphenolethoxylate (NPE) – sie werden während des Herstellungsprozesses als Waschmittel eingesetzt und können als Rückstände noch in der fertigen Ware enthalten sein. Solange sich NPE in der Kleidung befinden, sind sie ungefährlich. Aber in der Waschmaschine werden sie herausgelöst und gelangen in die Kläranlagen. Hier werden sie nicht herausgefiltert, sondern umgewandelt in Nonylphenol (NP), das bereits in kleinsten Mengen gefährlich sein kann, weil es das Hormonsystem von Lebewesen stört. Es reichert sich im Gewebe von Fischen und anderen Organismen an und wird kaum abgebaut. In der EU ist sein Einsatz streng geregelt. Auch Phtalate, Weichmacher, die häufig in Plastisol-Aufdrucken verwendet werden, können auf diese Weise in unsere Umwelt gelangen.

T-Shirt aus Pappe, auf dem ein Mensch mit Atemschutzmaske abgebildet ist

Der Einsatz schädlicher Substanzen bei der Textilherstellung ist nicht nur ein Problem der Herstellerländer, sondern auch unseres.

Outdoor-Kleidung besonders belastet

Auch bei der Herstellung von Outdoor-Kleidung kommen gefährliche Substanzen zum Einsatz. Perfluoroctansäure (PFOA) und weitere per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) machen Textilien wind- und wetterfest. Bei der Herstellung und beim Tragen der Kleidung können diese Substanzen in die Umwelt gelangen; dort sind sie biologisch nicht abbaubar und reichern sich in Lebewesen an. Sie wirken störend auf den Hormonhaushalt und das Immunsystem und können sogar krebsfördernd sein. Daher warnen Experten davor, diese Substanzen weiter in der Textilindustrie einzusetzen. Es gibt umweltfreundliche Alternativen, die in vielen Fällen ausreichen würden – ganz ersetzen lassen sich die PFC aber bislang noch nicht. Dennoch haben sich inzwischen einige Marken zu einer giftfreien Textil-Produktion verpflichtet. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 sichere und saubere Produktionsbedingungen zu schaffen. Für den Verbraucher ist es allerdings schwierig, am Kleidungsstück zu erkennen, unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde und welche Chemikalien dabei zum Einsatz kamen. Bestimmte Siegel können jedoch dabei helfen, solche Kleidung zu erkennen. Dazu hat Greenpeace einen Ratgeber verfasst.

Abflussrohr, aus dem lilafarbene Flüssigkeit schießt

Viele der verwendeten Chemikalien werden am Ende aus den fertigen Textilien ausgewaschen und in die anliegenden Flüsse eingeleitet.

Autor: Eva Schultes

Stand: 10.12.2013, 09:30

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