Wie das Frühstücksei zum Feind wurde

Wie das Frühstücksei zum Feind wurde

Seit Jahrzehnten kommt ein Ei kaum noch ohne schlechtes Gewissen auf den Tisch. Grund dafür war der amerikanische Ernährungsspezialist Ancel Keys, der in den 1950er-Jahren den dramatischen Anstieg der Herzinfarkte bekämpfen wollte und dafür einen hohen Cholesterinspiegel im Blut verantwortlich gemacht hatte. Keys war der Meinung, dass gesättigte Fette und das Cholesterin der Nahrung den Cholesterinspiegel im Blut steigen lassen und zu Arteriosklerose führen. Auf der Suche nach dem Schuldigen kam man sehr schnell auf das Frühstücksei. Denn ein Ei-Dotter enthält rund 230 Milligramm Cholesterin.

Die Pharmaindustrie entwickelte immer neue Cholesterinsenker

Für die Pharmaindustrie tat sich ein lukrativer Markt auf: Cholesterinsenker waren gefragt. In den 1990er-Jahren erlebten schließlich hochwirksame Statine den Durchbruch. Außerdem wurden die empfohlenen Grenzwerte immer weiter herabgesetzt: In den USA von 310 Milligramm pro Deziliter auf 200; ganz ähnlich in Deutschland von 280 auf 200. Nach diesen Werten hätte die Hälfte aller Menschen in Deutschland ein Cholesterinproblem. Das freut die Pharmaindustrie: Etwa jedes zweite weltweit verschriebene Statin kommt vom amerikanischen Pharmakonzern Pfizer. Lipitor oder – wie es in Deutschland heißt – Sortis überschreitet 1997 als erstes Medikament die Umsatzgrenze von 10 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Als 2011 Pfizers Patentrechte abliefen, brachen auch die Umsätze ein: Billigere Ersatzpräparate kamen auf den Markt. Interessanterweise strichen die USA kurz darauf die Grenzwerte für Cholesterin aus ihren Leitlinien.

Der Körper regelt den Cholesterinspiegel selber

Inzwischen haben zahlreiche Studien gezeigt: Cholesterin aus der Nahrung hat kaum Einfluss auf die Blutwerte. Wird mehr Cholesterin über Eier oder fettes Essen aufgenommen, drosselt der Körper die Produktion und reguliert so seinen Cholesterin-Spiegel selbst.

Filmautor: Hans Josef Schöneberger, Bearbeitung: Denis Nasser

Lesetipp:

Mythos Cholesterin: Die größten Irrtümer
Autor: Uffe Ravnskov
Verlagsangaben: S. Hirzel Verlag, Stuttgart
ISBN 978-3-7776-2123-4
Sonstiges: 320 Seiten, 26,80 Euro

Der Titel lässt es bereits vermuten: Buchautor Uffe Ravnskov geht kritisch mit der gängigen Lehrmeinung der Medizin zum Thema Cholesterin um. Cholesterin wird seiner Ansicht nach ohne fundierte Beweise für viele Krankheiten verantwortlich gemacht. Deshalb möchte der Autor zwölf Irrtümer richtigstellen. Er zeigt auf, wo Fehlinterpretationen und -informationen zur heutigen Lehrmeinung geführt haben könnten. Genau das ist das Spannende an seinem Buch: Neben der eigentlichen Cholesterin-Thematik, zeigt es ganz nebenbei, wie Wissenschaft funktioniert. Auch Fakten bedürfen einer Interpretation und die muss ständig überprüft werden.

Stand: 03.03.2016, 12:00