Der Stressinfarkt

Wenn Stress das Herz krank macht

Der Stressinfarkt

Herzinfarkt trotz gesunder Ernährung und täglichem Sport? Ein Grund kann Dauerstress sein. Für Psychokardiologen ist klar: Jahrelanger Stress ist genauso ungesund wie Rauchen und Cholesterin.

Sein Ziel ist ehrgeizig: Eberhard Kroll will am Frankfurter Ironman, einem Triathlon, teilnehmen. Seit Jahren schon läuft er Marathon. Bei einer Routine-Untersuchung will er von Sportarzt Dr. Lothar Böckler hören, dass er trotz seiner über 60 Jahre fit genug ist, die Extrembelastung eines Ironmans zu bestehen: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42 Kilometer Laufen, direkt hintereinander. Beim Belastungs-EKG sieht zunächst alles gut aus. Eberhard Kroll wirkt kerngesund. Doch der Blick auf die Herzkurve macht den Sportarzt stutzig. Die Werte unter höchster Belastung gefallen ihm nicht. Er empfiehlt, das Herz genauer untersuchen zu lassen. Eberhard Kroll reagiert verwundert: Er ist gut im Training, hat den Wettkampf im Blick, was soll da nicht in Ordnung sein?

Ein Läufer auf einem Sportplatz

Eberhard Kroll will am Ironman teilnehmen.

Verstopfte Arterien – trotz Sport

In der Klinik untersuchen die Ärzte Kroll mit einem Herzkatheter; einem dünnen Schlauch, der von der Leiste über die Blutbahnen bis in die Herzkranzgefäße geführt wird. Nur so können die Kardiologen genau sehen, was im Herzen los ist. Mit Hilfe eines Kontrastmittels, das auf dem Röntgenbild sichtbar ist, wird klar: Zwei Arterien sind massiv verstopft, Eberhard Krolls Herz wird nicht richtig durchblutet, er steht kurz vor einem Infarkt. Die Ärzte setzen sofort drei Stents – dünne Röhrchen aus Drahtgeflecht, die die Arterien offen halten sollen. Die Gefahr eines Infarkts ist damit zunächst gebannt. Am Ironman kann Eberhard Kroll nun zwar nicht teilnehmen, aber es geht ihm besser, er macht bald wieder Sport – viel Sport. Jeden Tag drei bis vier Stunden, auch nach der Arbeit. Er glaubt, dass er auf diese Weise gesund lebt. Sport soll ja gut sein fürs Herz.

Angiographie von Herzkranzgefäßen

Zwei Arterien sind verstopft.

Herzinfarkt! Ärzte rätseln über die Ursachen

Doch bald kommt der Schock: Kroll hat eines Abends einen Herzinfarkt, muss wieder in die Klinik – gleich drei Mal innerhalb weniger Monate wiederholt sich der Vorfall. Die Ärzte setzen ihm weitere Stents ein – und rätseln über die Ursachen, denn die üblichen Risikofaktoren scheiden bei Eberhard Kroll aus: Er ernährt sich gesund, seine Blutwerte sind in Ordnung, auch genetisch gibt es keine Vorbelastung. In dieser Zeit beginnt Kroll selbst nachzudenken, wo seine Herzprobleme herkommen könnten. Nach einer weiteren Untersuchung kommt er zufällig an einem Schild vorbei, auf dem "Klinik für Psychokardiologie" steht. Vielleicht kann man ihm dort helfen? In der Klinik trifft er auf Professor Jochen Jordan, einen der ersten Psychologen, der sich auf Herzpatienten spezialisiert und 2006 die europaweit erste Klinik für Psychokardiologie gegründet hat. Er stellt Kroll Fragen, die zuvor niemand hatte – und staunt über dessen Pensum: Kroll ist Geschäftsführer, hat seine Söhne allein großgezogen, macht Leistungssport. Professor Jordan vermutet Stress als Grund für Krolls Herzprobleme.

Notarztwagen auf einer Autobahn

Herzinfarkt! Eberhard Kroll muss ins Krankenhaus.

Drei Wochen Psychotherapie fürs Herz

Drei Wochen lang bleibt Kroll in der Klinik für Psychokardiologie. Teil seiner Behandlung sind tägliche Gespräche, Entspannungsübungen und eine Traumatherapie. Dabei übt Professor Jordan kurzen Druck auf seine Hände aus, immer abwechselnd, in Abständen je etwa eine Minute lang. Der wechselseitige Impuls regt das Gehirn an, Gefühle abzurufen, die sonst verborgen sind und Hinweis geben auf tiefe seelische Erschütterungen – eine Technik, die auch bei Soldaten nach Kriegseinsätzen angewandt wird. Schon bald kommt bei Eberhard Kroll hoch, was er längst für verarbeitet hielt: der plötzliche Tod seiner ersten Frau. In der Rückschau entpuppt er sich als Auslöser für seinen Stress – damals geriet Kroll in eine "Pflichterfüllungs-Schiene", wie er es selbst nennt. Er sorgte für seine zwei Kinder, das Leben sollte weitergehen, und dachte nicht darüber nach, wie es ihm selbst ging. Später wurden aus Arbeit und Sport weitere Hamsterräder, in die er sich begab – ohne den Stress zu bemerken.

Professor Jochen Jordan

Professor Jochen Jordan ist Psychokardiologe.

Jahrelanger Stress ist so ungesund wie Rauchen und Cholesterin

Professor Jordan erklärt Eberhard Kroll, was passiert, wenn man jahrelang unter Strom steht: Bei Stress fluten die Hormone Adrenalin und Cortisol das Blut. Sie steigern zwar kurzfristig Konzentration und Leistungsfähigkeit. Auf Dauer aber verengen sich die Blutbahnen, der Blutdruck steigt. Die Arterien können sich entzünden, verstopfen mit Fetten und Kalk: Arteriosklerose. Anhaltender Stress ist also genau so ungesund wie Rauchen oder zu viel Cholesterin. Professor Jordan empfiehlt daher all seinen Patienten täglich eine halbe Stunde Ausdauerbewegung und eine halbe Stunde Entspannung. Studien zeigen, dass auf diese Weise die Arteriosklerose im Körper nicht nur gestoppt, sondern sogar rückgängig gemacht werden kann.

Grafik: Darstellung einer Verstopfung eines Blutgefäßes; im Hintergrund unscharf: zwei Menschen sitzen an einem Tisch

Arteriosklerose durch jahrelangen Stress.

Kroll ändert sein Leben – und wird gesund

In der Klinik lernt Kroll, wie er Stress abbaut – und dass er sein Herz über die Atmung entlasten kann. Angeschlossen an einen Herzfrequenz-Scanner kann er zusehen, wie oft sein Herz beim Atmen schlägt. Zu Anfang fällt ihm das für die Untersuchung nötige ruhige Atmen schwer. Er erfährt, dass das Herz bei der Ausatmung weniger pumpen muss und sich erholen kann. Die Ausatmung entspannt den ganzen Körper, regt den Parasympathikus an – der für die Erholung zuständige Teil des Nervensystems. In den letzten Jahren hat Eberhard Kroll sein Leben nach und nach umgekrempelt. Er macht zwar immer noch Sport, aber weitaus weniger als zuvor. An Marathons nimmt er nicht mehr teil, achtet stattdessen darauf, dass sein Puls nicht über 130 kommt – bei diesem Wert ist Sport tatsächlich gut für sein Herz, denn die Stresshormone werden ausgeschwemmt und der Kreislauf gestärkt. Kroll läuft seinem Leben nicht mehr davon. Er arbeitet weniger, genießt erstmals seine Freizeit. Und die Ärzte bestätigen: Sein Herz ist endlich wieder gesund.

Ein Mann und eine Frau im Freien

Eberhard Krolls Herz ist wieder gesund.

Filmautorin: Sarah Zierul

Stand: 31.07.2017, 12:00