Gesund oder nicht? – Quarks testet, wie leicht wir uns beeinflussen lassen

Gesund oder nicht? – Quarks testet, wie leicht wir uns beeinflussen lassen

  • Viele Menschen halten "Frei-von"-Produkte für gesünder – auch wenn sie gar nicht wissen, um welchen Stoff es sich dabei genau handelt
  • "Frei-von"-Produkte sind aber nur für Menschen mit entsprechenden Unverträglichkeiten sinnvoll
  • Für Nichtbetroffene haben sie sogar Nachteile: Sie sind häufig teurer und teilweise kalorienreicher: In vielen glutenfreien Produkten zum Beispiel sind besonders viel Fett und Zucker enthalten

Wenn man sich im Supermarkt umschaut, fällt auf: Es gibt immer mehr Produkte, die bestimmte Inhaltsstoffe explizit nicht enthalten. "Laktosefrei" steht dann zum Beispiel auf der Verpackung oder "ohne Gluten", ein natürliches Klebereiweiß in manchen Getreidesorten. In manchen Geschäften gibt es sogar eigene Regale – nur für diese "Frei-von"-Produkte. Für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten sind sie ein Segen. Doch sie werden auch von Nichtbetroffenen gekauft – und das, obwohl sie meist deutlich teurer sind als ihre natürlichen Gegenstücke. Allein im Jahr 2015 wurden in Deutschland glutenfreie Produkte im Wert von 105 Millionen Euro verkauft – ein Plus von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

"Lecker-Cracker" – gesünder mit oder ohne Gluten?

Zwei Produktverpackungen sind nebeneinander abgebildet – auf der rechten Packung steht zusätzlich: "ohne Gluten"

Welche Kekse sind gesünder? Die, in denen kein Gluten enthalten ist, oder die normalen?

Wir haben unseren Reporter Burkhardt Weiß für ein Experiment in die Kölner Innenstadt geschickt. Wir wollten wissen: Wie entscheiden sich Menschen, welches Produkt gesünder ist, wenn sie nur ein Bild der Verpackung sehen? Zur Auswahl standen von uns erfundene "Lecker-Cracker" – einmal in der normalen Variante und einmal "ohne Gluten". Genau dieser Zusatz "ohne Gluten" war der einzige Unterschied auf den Verpackungsfotos.

Kekse ohne Gluten sind gesünder – glaubt ein Fünftel der Befragten

Insgesamt haben wir 111 Menschen gefragt. Davon hielten 20 Personen die Kekse ohne Gluten für gesünder; immerhin fast ein Fünftel der Befragten. Doch an einer krankhaften Gluten-Unverträglichkeit – der Zöliakie – leidet nur etwa ein Prozent der Menschen in Deutschland. In unserer Stichprobe war niemand dabei, bei dem solch eine Unverträglichkeit festgestellt wurde. Aber nur für solche Menschen wären Produkte ohne Gluten tatsächlich gesünder.

Grafik: Darstellung des Umfrageergebnisses mit weißen Tischtennisbällen

In unserer Umfrage sagten 20 Menschen, dass Kekse ohne Gluten gesünder seien. Immerhin 59 fanden, es gäbe keinen Unterschied und 32 wählten das natürliche Produkt als das gesündere.

"Lecker-Cracker" – gesünder mit oder ohne MUI?

Detailaufnahme einer Keksverpackung mit dem Zusatz: "ohne MUI"

Reicht die Angabe "ohne" auf einer Verpackung bereits aus, damit sie als gesünder eingeschätzt wird?

Gluten ist in aller Munde – die Medien berichten häufig darüber. Vielleicht hatte das Auswirkungen darauf, dass einige Menschen der Meinung waren, dass die Kekse ohne Gluten gesünder seien? Daher haben wir noch etwas genauer hingeschaut und in einem zweiten Schritt erneut gefragt: Welches Produkt ist gesünder? Dieses Mal allerdings mit dem frei erfundenen Inhaltsstoff "MUI". Die beiden Keks-Verpackungen unterschieden sich wieder nur in einem Detail; dieses Mal stand jedoch auf einer der beiden Verpackungen nicht "ohne Gluten", sondern "ohne MUI".

Die Macht von "ohne" und "frei von"

Während viele Menschen mit dem Begriff Gluten irgendwas anfangen konnten, war das bei dem erfundenen "MUI" natürlich nicht der Fall. Und trotzdem hielten immerhin 13,5 Prozent der Befragten die Cracker "ohne MUI" für gesünder. Das zeigt, dass alleine die Nutzung eines "Frei-von"-Labels auf der Verpackung ein Nahrungsmittel bei einigen Konsumenten gesünder erscheinen lässt. Sogar dann, wenn der entsprechende Stoff gar nicht existiert und damit auch keine Informationen zu möglichen Risiken – wie etwa bei Gluten – vorhanden sein können.

Grafik: Darstellung des Umfrageergebnisses mit orangefarbenen Tischtennisbällen

In unserer Umfrage glaubten 15 Menschen, dass Kekse ohne MUI gesünder seien. Und das, obwohl MUI ein frei erfundener Inhaltsstoff ist!

Die Wissenschaft hat festgestellt

Eine Passantin füllt den Fragebogen von Quarks & Co aus

Bei unserer Straßenumfrage war ein knappes Fünftel der Meinung, glutenfreie Kekse seien gesünder; beim erfundenen MUI immerhin jeder Siebte.

Amerikanische Wissenschaftler haben im Jahr 2014 in zwei Supermärkten mit 256 Erwachsenen genau dasselbe Experiment gemacht. Deren Ergebnisse waren sogar etwas deutlicher als bei uns: Als gesünder empfanden die glutenfreien Kekse 25,5 Prozent (bei uns 18 Prozent) und die MUI-freien immerhin 21,9 Prozent (bei uns 13,5 Prozent). Sowohl die Studie in den USA als auch unser Quarks-Test sind natürlich mit vergleichsweise wenigen Menschen gemacht worden. Aber trotzdem lässt sich wohl sagen: Es gibt Menschen, die Frei-von-Produkte als gesünder empfinden, obwohl das objektiv nicht der Fall ist.

Zudem: Glutenfreie Produkte sind oft trocken und krümelig. Bei Backwaren ist es das Gluten, das den Teig zusammenhält und für eine schöne Konsistenz sorgt. Um das auszugleichen, sind in vielen glutenfreien Produkten mehr Zucker und Fett enthalten.

Versteckte Gesundheitsbotschaften auf der Verpackung

Die US-Wissenschaftler stellen fest: "Frei-von"-Label ermöglichten es der Nahrungsmittelindustrie, die Wahrnehmung der Gesundheitsförderlichkeit zu manipulieren. Das heißt, dass alleine durch die Verwendung eines "Frei-von"-Labels implizit auch eine positive Aussage darüber gemacht wird, dass das Produkt "gesund" ist. In der EU ist das eigentlich verboten, denn solche Gesundheitsaussagen müssen wissenschaftlich belegbar sein. So ist es seit 2012 beispielsweise verboten, auf probiotischen Joghurts zu behaupten, sie wirkten sich positiv auf das Immunsystem aus. Es kann also sein, dass die Nahrungsmittelindustrie bewusst "Frei-von"-Label auf den Verpackungen platziert: So kritisiert die Verbraucherzentrale Hamburg, dass beispielsweise Schinken oder Brot in der Regel gar keine Laktose enthalten würden – sehr wohl aber laktosefreier Schinken oder Brot angeboten würden – zu deutlich höheren Preisen!

Text: Axel Bach
Film: Axel Bach, Jakob Kneser