CRISPR – Was man wissen muss

Handschriftlich geschriebenes "CRISPR-Cas"

Eine umstrittene Technik

CRISPR – Was man wissen muss

Von Dr. Georg Wieghaus

Erbkrankheiten verhindern oder immun machen gegen HIV. Die neuen Möglichkeiten durch CRISPR werfen ethische Fragen auf: Wie weit dürfen wir gehen? Wo schon jetzt Tabus gebrochen werden – und was bei uns erlaubt ist. Die Hintergründe.

Der Tabubruch

Sie haben es getan. Chinesische Forscher haben mit der neuen Genschere CRISPR-Cas das Erbgut menschlicher Embryonen verändert. Ein großer Schritt: Wächst so ein Embryo heran, wirken sich die Änderungen auf alle Zellen und Gewebe aus – auch auf die Ei- und Samenzellen. Und werden so auch an alle Nachkommen weitergegeben.

Konkret ging es in den Versuchen um zweierlei Ziele:
• 2015 meldete eine Forschergruppe aus Guangzhou, sie habe versucht bei befruchteten Eizellen ein defektes Gen auszuschneiden und zu ersetzen – um eine erbliche Blutkrankheit zu verhindern: Thalassämie.
• 2016 versuchte ein zweites Team, Embryonen immun gegen HIV zu machen – indem sie Embryonen mit der Genschere ein Resistenzgen gegen HIV eingepflanzt hat.
Bei beiden Experimenten wurden nicht lebensfähige Embryonen verwendet. Und in beiden Fällen zeigten sich viele technische Schwierigkeiten – die Erfolgsquote war sehr gering. An der Behebung dieser Schwierigkeiten wird in China intensiv gearbeitet, weil sogenannte Off-Target-Effekte (ungeplante und schädliche Veränderungen an diversen Stellen des Erbguts) beim Einsatz von CRISPR noch sehr häufig auftreten.

Was das Gesetz erlaubt

In Deutschland gilt das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1990.
• Im Paragraf 5 heißt es: „Wer die Erbinformation einer menschlichen Keimbahnzelle künstlich verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
• Und Paragraf 2 legt fest: „Wer einen extrakorporal (also außerhalb des Körpers) erzeugten oder einer Frau vor Abschluss seiner Einnistung in der Gebärmutter entnommenen menschlichen Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck abgibt, erwirbt oder verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
Damit sind wissenschaftliche Experimente an „überzähligen“ menschlichen Embryonen bei uns verboten – wie sie bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) anfallen. Allerdings formuliert das Gesetz einige Ausnahmen (z.B. zur Forschung an Ei- und Samenzellen, die nicht zur Befruchtung verwendet werden), wohl um die Freiheit der Forschung nicht zu sehr zu beschränken.

Forscher fordern jetzt: Embryos auch für die Forschung!

Ein Expertenteam der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert jetzt in einem Diskussionspapier: Das Embryonenschutzgesetzes muss an die aktuelle Forschungslandschaft angepasst werden. „Auch in Deutschland sollten Embryonen für medizinische Forschungszwecke verwendet werden dürfen.“ Nur die Forschung am frühen menschlichen Leben, etwa mit der neuen Genschere, könne zeigen, welche Risiken und Chancen eine Keimbahntherapie habe.

Der Mannheimer Medizinethiker und Jura-Professor Jochen Taupitz, einer der Autoren des Diskussionspapiers, ist der Ansicht: Der Gesetzgeber habe den Eingriff in die menschliche Keimbahn 1990 nur deshalb verboten, weil damals die Risiken zu groß gewesen seien – er habe unverantwortliche Menschenversuche verhindern wollen. „Mit CRISPR-Cas und ähnlichen Methoden des Genome Editing rückt jedoch ein kontrollierbarer und sicherer Eingriff in das Genom eines Menschen immer näher.“

Dr. Georg Wieghaus

Dr. Georg Wieghaus ist einer der Autoren der Sendung. Besonders nachdenklich gemacht hat ihn die Macht, die die neuen Genomwerkzeuge uns Menschen geben.