Nicht gesund, schlau, schön? Das wäre doch nicht mehr nötig.

Symbolbild Gen-Schere

Nicht gesund, schlau, schön? Das wäre doch nicht mehr nötig.

Von Wobbeke Klare

Menschen genetisch optimieren – niemals. An unser Erbgut darf keiner ran. Doch dann lernen wir Menschen kennen, die dank der neuen Gentechnik überleben könnten. Und kommen ins Grübeln. Eine Reflexion.

Anfangs schien alles so einfach: Iiih bah, die bösen Chinesen mal wieder. Kaum gibt es ein neues Werkzeug, da machen sie sich gleich ans Allerheiligste ran: an die menschliche Keimbahn, unsere Kinder und Kindeskinder. Kinder, die nicht gefragt werden können. Und wer garantiert überhaupt, dass es nur um die Heilung von Krankheiten gehen soll? Werden gewissenlose Forscher nicht sehr bald auf die Idee kommen, den Menschen zu „optimieren“, das viel gefürchtete „Designerbaby“ zu schaffen? Kommt überhaupt nicht in Frage, haben wir gedacht, spontan empört.

Bei näherem Hinsehen wurde es aber komplizierter: Da ist einmal die Geschichte des kranken Ben. Ben leidet unter einer tödlichen Erbkrankheit, die die Muskelzellen seines Körpers nach und nach verschwinden lässt. Er hofft auf eine somatische Gentherapie – eine Therapie also, bei der gezielt in das Erbgut der Muskelzellen eingegriffen wird. Wann es eine solche Therapie geben wird und ob Ben sie noch erlebt, ist allerdings völlig unklar. Und: Seine Nachkommen würden den Gendefekt nach wie vor in sich tragen.

Behandeln? Lieber vorher aussortieren.

Bens Geschichte hat uns fühlen lassen, was für Schicksale mit Erbkrankheiten verbunden sein können. Bei der so umstrittenen Keimbahntherapie geht es um die Chance, Menschen Leid zu ersparen. Aber viele Experten sagen: Gar kein Problem – wir brauchen keine Keimbahntherapie. Wir haben längst ein wirksames Instrument gegen schwere Erbkrankheiten: die Präimplantationsdiagnostik (PID).

Das bedeutet: Menschen, die eine Krankheit in ihren Genen tragen, können ihre Kinder im Labor zeugen lassen. Und schon bevor ein so entstandener Embryo eingepflanzt wird, können die Eltern dann prüfen lassen, ob der Embryo das krankmachende Gen in sich trägt. Wenn ja, dann sucht man eben einen anderen Embryo aus. Einen, dessen Gene gesund sind. Gar kein Problem? Leider doch. Die PID ist ethisch umstritten. Denn es fühlt sich ungerecht an: Kranke Embryonen werden aussortiert, gesunde dürfen heranwachsen und zur Welt kommen. Viel schöner wäre es doch, wenn man den kranken Embryo einfach heilen könnte, statt ihn auszusortieren.

Wäre nicht jeder gerne resistent gegen HIV?

Wäre ein Eingriff in die Keimbahn also doch vielleicht das geringere Übel? Wir haben uns angeschaut, was die chinesischen Forscher gemacht haben: Sie haben an Embryonen eine schwere Erbkrankheit behandelt. Und dann haben sie einen neuen Versuch gemacht – und haben Embryonen eine Resistenz gegen HIV verliehen. Klingt gut. Jeder wäre doch gerne resistent gegen HIV.

Aber bei genauerem Nachdenken wird es wieder komplizierter: Tatsächlich wurden hier Embryonen behandelt, um sie gegen eine Krankheit zu schützen, die sie noch gar nicht haben. „Heilung“ ist das also nicht – eher schon „Optimierung“. Und wenn wir darüber nachdenken, gesunden Embryonen einen Schutz vor einer Krankheit zu verleihen, könnten wir sie dann nicht auch noch vor anderen Unannehmlichkeiten schützen? Geringe Intelligenz zum Beispiel kann das Leben schwer machen. Jeder wünscht seinem Kind eine mindestens durchschnittliche Intelligenz. Und Schönheit wünscht man seinen Kindern auch.

Wir entschließen uns, darüber mit Menschen auf der Straße zu diskutieren – und tatsächlich bringen es einige unserer Gesprächspartner wunderbar auf den Punkt: „Wenn man da einmal anfängt, dann hakt man das ab wie eine Einkaufsliste“, sagt eine Frau.

Wenn man einmal anfängt – wo stoppen wir?

Natürlich ist das alles Zukunftsmusik: Noch lässt sich nicht ausschließen, dass die Genschere an einer falschen Stelle schneidet und neue Erbkrankheiten schafft, statt Krankheiten zu beseitigen. Es gibt also noch viele technische Hürden. Und Eigenschaften wie Intelligenz oder das Aussehen werden nicht über einzelne, sondern viele verschiedene Gene vererbt und zum Teil auch von der Lebens-Umgebung beeinflusst – so dass heute noch niemand in der Lage wäre, die Menschheit durch einen Keimbahn-Eingriff schöner und intelligenter zu machen. Und trotzdem: Kann man den Prozess hin zur „Optimierung“ des Menschen stoppen, wenn man einmal damit anfängt, in das Erbgut einzugreifen?

Ein behindertes Kind? Das wäre doch gar nicht mehr nötig.

Es ist nicht unsere erste Sendung über das menschliche Erbgut. Besonders stark ist mir unsere Sendung über das Down-Syndrom in Erinnerung geblieben – und dabei eine verstörende Erkenntnis: Eltern von Kindern mit Down-Syndrom berichten, dass man sie zur Rede stellt: „Warum haben Sie so ein Kind? Das wäre doch heutzutage gar nicht nötig.“ Denn tatsächlich werden mittlerweile die meisten Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben, weil man das Syndrom schon während der Schwangerschaft diagnostiziert. Könnte es passieren, dass sich durch die Möglichkeit von Keimbahn-Eingriffen unsere Einstellung gegenüber kranken oder behinderten Kindern ändert? Dass wir Abweichungen von der Norm irgendwann prinzipiell als „nicht nötig“ betrachten? Dass man sich irgendwann dafür rechtfertigen muss, ein normabweichendes Kind zur Welt zu bringen?

Wir haben noch viel zu diskutieren. Unsere Erfahrung beim Quarks-Dreh mit Menschen auf der Straße macht Mut.

Porträt: Wobbeke Klare

Wobbeke Klare ist Redakteurin der Sendung.
Dieses Thema war ihr extrem wichtig, weil es zeigt: Die Wissenschaft darf nicht den Wissenschaftlern überlassen werden – wir müssen uns einmischen und mitreden.