Mit „epigenetischen“ Medikamenten gegen Krebs – statt Chemotherapie

Mit „epigenetischen“ Medikamenten gegen Krebs – statt Chemotherapie

Mikroskopisches Bild von Knochenmarkbiopsie mit Krebszellen. Finger zeigt auf eine Krebszelle.

Fast die Hälfte von Romys Blutkörperchen war verändert. Diagnose: Leukämie.

Romy Hummel litt bereits wochenlang unter Schwindel und einem verschwommenen Blick. Eines Tages waren ihre Hände und Arme plötzlich schneeweiß. Nach der Untersuchung ihres Blutes kam die niederschmetternde Diagnose: Akute myeloische Leukämie. Im Alter von 76 Jahren bedeutete diese Diagnose, dass ihre Lebenserwartung auf eine paar Monate, allerhöchstens wenige Jahre, schrumpfte. Aber Romy überlebte. Ihr Zustand verbesserte sich sogar schlagartig. Nach zwei Monaten hatte sie kaum noch Krebszellen im Blut. Mediziner sprechen in diesen äußerst seltenen Fällen von einer „Spontanremission“. Aber das unverhoffte Glück dauerte nur eineinhalb Jahre. Dann hatte Romy einen Rückfall. Mit fast doppelt so vielen Krebszellen wie bei der ersten Diagnose.

Vielversprechende Kombination: epigenetische Therapie und Blutstammzell-Transplantation

Die Ärzte dachten jetzt an eine Blutstammzell-Transplantation als Therapie. Die hat bei Akuter myeloischer Leukämie in diesem hohen Alter die beste Heilungsrate. Die Ärzte bereiten diese Transplantation neuerdings mit einer „epigenetischen“ Therapie vor. Diese Kombination ist eine neuartige Krebstherapie, die bei vielen Patienten weniger Nebenwirkungen auslöst als eine Chemotherapie. Doch die Ärzte fanden keinen passenden Spender. Sie schlugen Romy vor, bei einer klinischen Studie einzusteigen.

Romy Hummel im Krankenhausbett im Gespräch mit zwei Ärzten.

Die Ärzte empfahlen Romy, bei einer klinischen Studie mitzumachen – die Hälfte der Patienten bekam Chemotherapie, die andere Hälfte eine neuartige „epigenetische“ Therapie.

Die eine Hälfte der Patienten bekommt dabei eine einleitende, konventionelle Chemotherapie, die andere Hälfte die neue epigenetische Therapie. Auf diese Weise können beide Therapien in ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit verglichen werden. Im Anschluss wird dann bei allen Patienten die Blutstammzell-Transplantation durchgeführt - falls ein Spender vorhanden ist. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen – sie läuft bis 2019.

Per Los zur epigenetischen Therapie

Romy kam per Losverfahren in die Gruppe mit dem epigenetischen Medikament – und bekam jeden Monat fünf Tage lang eine Infusion mit dem Wirkstoff Decitabin. Da es für sie immer noch keinen passenden Spender für die nachfolgende Blutstammzell-Transplantation gab, bekam sie weiterhin nur die epigenetische Therapie.

So wirken epigenetische Medikamente

Das Medikament wirkte bei Romy so gut, dass bereits nach den ersten Infusionen die Anzahl der Krebszellen stark zurückging. Das hatten die Ärzte nicht erwartet, denn bei den wenigsten Patienten ist die Wirkung auf Anhieb so positiv. Es gibt auch Menschen, bei denen die epigenetische Therapie gar nicht hilft. Mediziner glauben dennoch an das große Potenzial ihrer Wirkungsweise. Im Gegensatz zur Chemotherapie zerstört der epigenetische Wirkstoff Decitabin die Krebszelle nicht einfach. Stattdessen reaktiviert er Tumorsuppressor-Gene. Diese Gene sind eigentlich dazu da, eine potenzielle Krebszelle in Schach zu halten. In Romy Hummels Fall aber hatten sich bereits Krebszellen entwickelt, die diese Gene zuvor deaktiviert hatten, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Das epigenetische Medikament erweckt das stillgelegte, gesundheitsfördernde Programm der Zelle wieder zum Leben. Oder anders ausgedrückt: Das Medikament macht die „Störung“ wieder rückgängig.

Keine endgültige Heilung

Infusionsflüssigkeit tropft in Röhrchen

Romy bekommt alle vier Wochen fünf Tage lang eine Infusion mit einem epigenetischen Wirkstoff.

Ein großer Vorteil der epigenetischen Medikamente: Sie haben im Gegensatz zur Chemotherapie in der Regel deutlich weniger Nebenwirkungen. Bei Romy haben zwar Geruchs- und Geschmackssinn stark nachgelassen. Aber im Vergleich zu ihrer wieder gewonnenen Lebensqualität sind das nur kleine Beeinträchtigungen. Trotzdem gilt Romy nicht als geheilt, weil bei ihr die Blutstammzell-Transplantation nicht möglich war. Die Krebszellen können jederzeit wiederkommen. Um die Wahrscheinlichkeit möglichst gering zu halten, muss Romy die epigenetische Therapie jetzt bis an ihr Lebensende fortführen.

Noch kein Durchbruch für epigenetische Therapie bei anderen Krebsarten

Ehepaar Hummel spaziert durch Park

Nicht bei allen Patienten schlägt der epigenetische Wirkstoff so gut an wie bei Romy.

Leukämie ist die Krebsart, die bisher im Zusammenhang mit epigenetischer Therapie am besten erforscht ist - weil die Krankheit an sich bereits sehr gut erforscht ist und man die Krebszellen gut erreichen kann. Darüber hinaus sind einige epigenetische Medikamente bei bestimmten Untergruppen von Lymphdrüsenkrebs zugelassen. Forscher arbeiten auch an Therapien für andere Krebsarten wie Lungen, Brust- oder Prostatakrebs. Aber die epigenetische Forschung zu diesen Krebsarten steht noch ganz am Anfang und ist nicht vergleichbar mit den Erfolgen bei der Behandlung der Akuten myeloischen Leukämie. Dennoch ist die Hoffnung der Forscher groß, dass eines Tages weitere Krebsarten epigenetisch therapierbar und vielleicht sogar heilbar sein werden. Wahrscheinlich wird auch hier eine Kombination von epigenetischer Therapie und anderen Therapie-Formen die beste Lösung sein. Die würde den Patienten in jedem Fall eines ersparen: eine langwierige Chemotherapie.

Autorin: Ilka aus der Mark

Akute myeloische Leukämie (AML)

AML ist eine bösartige Erkrankung von Vorläuferzellen des blutbildenden Knochenmarks. Diese Form der Leukämie kommt vor allem bei Menschen über 60 Jahren vor. Doch nur ein kleiner Teil dieser Patienten überlebt die Diagnose ohne wirksame Therapie mehr als fünf Jahre.

Blutstammzell-Transplantation

Unter einer Stammzell-Transplantation versteht man die Übertragung von Stammzellen von einem Spender an einen Empfänger. In der klinischen Praxis werden fast ausschließlich Blutstammzellen transplantiert. Oftmals ist eine Transplantation für den AML-Patienten die einzige Möglichkeit für eine vollständige Heilung.

Decitabin

Decitabin ist ein zugelassener epigenetischer Wirkstoff und wird vor allem bei der Akuten myeloische Leukämie eingesetzt. Der wesentliche pharmakologische Effekt ist, dass die krebsunterdrückenden Gene (Tumorsuppressor-Gene) wieder aktiviert werden, die zuvor von der Krebszelle ausgeschaltet worden waren. Ein weiterer zugelassener epigenetischer Wirkstoff, der bei Leukämie angewendet wird, ist Azacitidin.

Tumorsuppressor-Gene

Diese Gene könnte man auch als „gute“ Gene oder „Schutzgene“ bezeichnen: Sie haben die Aufgabe, die normalen Zellen so zu kontrollieren, dass sie nicht zu einer Krebszelle werden. Sie überwachen beispielsweise die Zellteilung, so dass eine Zelle sich nicht unkontrolliert teilen und damit wuchern kann oder sie schicken eine bereits entartete Krebszelle in den Zelltod. Manchmal geht etwas schief und es entsteht trotz aller Reparatur- und Kontrollmechanismen eine Krebszelle. Und die kann zum Beispiel solche Tumorsuppressor-Gene durch chemische Veränderungen deaktivieren. Ein Weg, um den Krebs zu bekämpfen, ist diese Deaktivierung wieder aufzuheben. Das leisten epigenetische Medikamente zum Beispiel mit sogenannten DNA-demetyhlierenden Substanzen. Danach können die krebsunterdrückenden Gene ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Stand: 24.04.2017, 08:00