Massage als Therapie – wie Berührung heilen kann

Massage als Therapie – wie Berührung heilen kann

Professor Bruno Müller-Oerlinghausen

Professor Müller-Oerlinghausen untersuchte, ob Massagen depressiven Patienten helfen können.

Jeder Mensch braucht Berührung. Das gehört zu seinen Grundbedürfnissen. Experten gehen davon aus, dass ein Mangel an Berührung sogar krank machen kann. Umgekehrt können Berührungen auch zur Therapie eingesetzt werden; zum Beispiel bei der Behandlung depressiver Patienten. Bruno Müller-Oerlinghausen war Professor für klinische Pharmakologie in Berlin. Er beobachtete bei seinen Patienten, dass Therapien mit Medikamenten und Psychotherapie allein nicht gut genug halfen. Daher suchte er nach weiteren Behandlungsmöglichkeiten. Nachdem er selbst eine sehr sanfte Massage kennengelernt hatte, kam er auf die Idee, eine solche Massage als Therapie für seine Patienten anzubieten und begann im Jahr 2000 mit einer Untersuchungsreihe. Über 30 schwer kranke Patienten wurden an mehreren Tagen eine Stunde lang sanft massiert, fast gestreichelt. Dabei sollten nicht Muskulatur oder Bindegewebe massiert werden – wie bei gewöhnlichen Massagen –, sondern die Haut: "Die Haut ist das Organ, an dem unser Selbstbewusstsein, unsere Identität hängt", so Müller-Oerlinghausen.

Verblüffende Ergebnisse

Hand massiert Rücken

Diese besonders sanfte Form der Massage können auch depressive Menschen genießen.

Die Ergebnisse haben ihn verblüfft: "Das Erstaunlichste war für uns, dass die depressive Stimmung sich tatsächlich – zumindest akut – zurückbildet", berichtet er. Auch hätten die Patienten die Massage genossen, obwohl es eigentlich ein Grundcharakter der Depression sei, dass man nichts mehr als schön empfinden könne. Und: Kein Patient habe die Studie abgebrochen. Bruno Müller-Oerlinghausen: "Ein Patient mit Depressionen, der gleichzeitig bei uns auf der Station war und mit Medikamenten behandelt wird, sagt der Masseurin 'bei Ihnen spüre ich zum ersten Mal Kompetenz'. Das ist schon erstaunlich. Oder eine Patientin sagt, ich steckte immer in einer Art Gummihaut und die ist weg. Was hier eine Rolle spielt, ist sicher auch das Körpergedächtnis. Das heißt, dass wir durch die Berührung unter Umständen Erinnerungen wecken an frühere Berührungen. Die Körperzellen speichern die Erfahrung von Berührung." Müller-Oerlinghausen hat Patienten erlebt, die im Verlauf einer Massage emotionale Erschütterungen durchmachten. Dass sie anfingen zu weinen, aber gar nicht sagen konnten, warum. "Da passieren zum Teil erstaunliche Dinge".

Massagen können auch bei anderen Erkrankungen hilfreich sein

Masseurin hält eine Hand und massiert die Finger

Wie eine Massage wirkt, hängt von der Art der Massage und der Masseurin ab.

Die positive Wirkung von Massagen beschränkt sich nicht nur auf depressive Patienten. "Sie finden bei vielen psychiatrischen Störungen in der Vergangenheit entweder negative Körpererfahrungen, wie Traumata, Schläge oder Folter, oder einen Mangel an empathischer Berührung", erklärt Professor Müller-Oerlinghausen. Für ihn ist daher ein naheliegender Gedanke: "Wenn Berührung fehlt, dann gebe ich ihnen Berührung und schaue, was das bringt." Untersuchungen zeigen, dass sich während einer Massage die Konzentration des Stresshormons Cortisol verringert. Dagegen steigt die Konzentration des sogenannten Kuschelhormons Oxytocin an, und zwar vor allem unter langsamer, rhythmischer Stimulation. "Wir wissen, dass depressive Patienten eher einen erniedrigten Level von Oxytocin haben", so Müller-Oerlinghausen. Das könnte eine mögliche Erklärung für die positive Wirkung dieser sanften Form der Massage sein. Doch auch andere Formen von Massage können heilsam sein. Und Studien zeigen, dass auch Menschen mit chronischen Schmerzen, Faser-Muskel-Schmerzen (Fibromyalgie) oder Krebserkrankungen von Massagen profitieren können – die Patienten haben weniger Ängste, weniger Stress und insgesamt sind sie besserer Stimmung. Außerdem brauchen sie weniger Schmerz- und Beruhigungsmittel.

Doch trotzdem ersetzen Krankenkassen die Kosten für Massagen bei Depressionen sowie anderen psychiatrischen Erkrankungen in der Regel nicht.

Autorin: Eva Schultes

Stand: 05.04.2016, 12:00