Reizdarm - was hilft wirklich?

Ein Bauch wird mit beiden Händen festgehalten.

Reizdarm - was hilft wirklich?

Der Gang zum Arzt könnte so leicht sein: Der Patient erklärt seine Symptome und marschiert mit Diagnose und Therapieempfehlung nach Hause. Anders beim Reizdarm-Syndrom: Die Diagnosestellung ist genauso schwierig wie die Wahl der richtigen Therapie. Denn der Reizdarm ist ein Sammelbegriff für viele Beschwerden, und jeder Patient leidet unter anderen Symptomen. Sie reichen von Durchfall über Blähungen und Krämpfe bis Verstopfung und überschneiden sich mit den Anzeichen anderer Erkrankungen. Arzt und Patient müssen deshalb gemeinsam und mit Geduld herausfinden, welche Therapie die richtige ist.

Auch die Forschung liefert keine pauschale Antwort. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien lassen sich nur selten verallgemeinern, denn die untersuchten Patienten pflegen unterschiedliche Lebensstile und Ernährungsweisen. Die Folge: Was dem einen hilft, wirkt beim anderen überhaupt nicht. So liegt beispielsweise die Verbesserungsrate für Reizdarmsymptome beim Einsatz von Probiotika in Studien zwischen 0-88%. Dennoch gibt es Tipps und Empfehlungen, die vielen Reizdarmpatienten helfen können.

Empfehlungen für den Alltag

  • Bewegung: Wer sich viel bewegt, tut seinem Körper generell Gutes – und das gilt besonders für den Reizdarm. Sport hilft, den Kopf frei zu bekommen und Stress abzubauen. Außerdem fördert Bewegung die Verdauung. Joggen, Schwimmen, Yoga sind gleichermaßen wirksam.
  • Ernährung: Viele Reizdarmpatienten reagieren empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel. Es empfiehlt sich daher, eine Art Ernährungstagebuch zu führen und sich zu notieren, wann man welche Lebensmittel zu sich genommen hat. Beim Gespräch mit dem Arzt können dann mögliche Unverträglichkeiten identifiziert werden. Obwohl es keine allgemeingültigen Ernährungsvorgaben für Reizdarmpatienten gibt, wird aktuell die FODMAP-Ernährung häufig empfohlen. Dabei wird auf viele Lebensmittel verzichtet, die Einfach- bis Mehrfachzucker oder Zuckeralkohole enthalten. Diese werden im Körper vergärt, was bei Reizdarmpatienten zu Problemen führt. Die FODMAP-Ernährung schließt allerdings sehr viele Lebensmittel aus, darunter Gemüse wie Blumenkohl oder Zwiebeln, aber auch Milchsorten, Getreide wie Weizen oder Roggen, Süßstoffe wie Honig und zahlreiche Früchte, etwa Äpfel, Birnen und Nektarinen. Warum der umfangreiche Verzicht oftmals wirkt, ist wissenschaftlich noch nicht endgültig belegt.
Gemüse im Supermarkt
  • Verzicht: Sobald Reizdarmsymptome auftreten oder die Diagnose bereits steht, sollte der Patient auf Alkohol, Koffein und Nikotin verzichten. Alle diese Stoffe greifen die durch die Krankheit bereits gereizte Magen- oder Darmschleimhaut an.

Präparate für jeden Reizdarm-Typ

Der Reizdarm ist eine hartnäckige Erkrankung und bis heute nicht heilbar. Mit Medikamenten können die Ärzte die Beschwerden je nach Reizdarm-Typ jedoch schnell lindern und kontrollieren. Ob das Mittel hilft, darüber sagt bisher eine Wahrscheinlichkeit aus. Garantien gibt es nicht, da Reizdarmpatienten individuell auf die Wirkstoffe ansprechen.

  • Reizdarmpatienten mit Durchfall (RDS-D) bekommen Antidiarrhoika verschrieben, ebenso können Spasmolytika (Schmerzmittel), medizinische Probiotika und Ballaststoffe die Symptome lindern. Auch einige pflanzliche Wirkstoffe können die Darmbewegung positiv beeinflussen und entzündliche Reaktionen hemmen. Reine Schmerzmittel, so genannte Analgetika, sollten jedoch auch bei akutem Durchfall vermieden werden. Treten auch psychische Probleme auf, können auch trizyklische Antidepressiva (in geringerer Dosis) helfen.
  • Tritt vermehrt Verstopfung auf (RDS-O), helfen die üblichen Durchfallmittel, also Laxanzien. Wasserlösliche Ballaststoffe wie Flohsamen können die Verdauung auf natürliche Weise unterstützen. Wechseln sich Verstopfung und Durchfall ab, verordnet der Arzt die oben genannten Medikamente je nach Phase der Erkrankung. Trizyklische Antidepressive sind dann zu vermeiden.
  • Häufig leiden Patienten auch unter Blähungen, die nicht selten schmerzhaft sind. Dagegen helfen Schmerzmittel und medizinische Probiotika. Manche Antibiotika haben erste, positive Hinweise gezeigt.

Den Kopf nicht vernachlässigen

Der Reizdarm verursacht nicht nur ein ungutes Gefühl im Körper, sondern belastet häufig auch das psychische Wohlbefinden des Patienten. Ärzte und Wissenschaftler sprechen von der so genannten Hirn-Darm-Achse.

Das Darmhirn grafisch dargestellt.

Das dichtverwobene Netzwerk aus Nerven bedeutet: Gesundheit und Psyche hängen eng miteinander zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Oftmals entsteht daraus ein Kreislauf, indem Verunsicherung und Ängste die Symptome verstärken und hervorrufen, weil Patienten sich aufgrund ihrer Erkrankung zum Beispiel weniger unter Leute trauen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, muss die Behandlung sowohl Körper als auch Psyche des Patienten einbeziehen. Einer Metastudie zufolge hat eine Psychotherapie bei Reizdarmpatienten eine mittlere bis starke Wirkung. Wer mit professioneller Hilfe soziale Ängste, Traumata oder Depressionen angeht, kann psychische Trigger vermeiden und den Kreislauf durchbrechen. Antidepressiva können laut bisherigen Studien zumindest bei Durchfallpatienten die Therapie unterstützen. Außerdem können Entspannungsübungen wie autogenes Training den Patienten stärken.

Autor: Matthias Tertilt

Stand: 07.02.2017, 08:30