Reitturnier CHIO: "Gewalt gegen das Pferd"?

Pferd auf dem Abreiteplatz beim CHIO

Reitturnier CHIO: "Gewalt gegen das Pferd"?

Von Katharina Adick

Die Kontrollen zum Schutz der Pferde auf Deutschlands größtem Reitturnier sind offenbar mangelhaft. Das zeigt jetzt die Auswertung von umfangreichem Drehmaterial vom Dressur-Trainingsplatz des CHIO-Turniers in Aachen.

Der CHIO ist eines der größten Pferdesportturniere weltweit. Hier messen sich Reiter aus aller Welt in verschiedenen Disziplinen des Reitsports. Immer wieder aber überschatten Skandale das Turnier, auch der WDR hat dazu schon berichtet.  

In diesem Jahr (2018) sorgte der Facebook-Post einer Ausstellerin für einen Shitstorm: Bilder von Pferden in zu enger Kopf-Hals-Haltung mit aufgesperrten Mäulern wurden innerhalb kurzer Zeit über 18.000 Mal geteilt. Viele Reiter sind über die abgebildeten Szenen vom Trainingsplatz des Turniers entsetzt und sprechen von Tierquälerei.

Die Quarks-Redaktion wollte wissen, wie die Situation für die Dressurpferde dort wirklich ist. Für eine fundierte Beurteilung der Frage, ob ein Pferd während des Trainings leidet oder Schmerzen hat, setzen Fachleute auf längere, aussagekräftige Videosequenzen. Deshalb waren wir selbst mit zwei Kamera-Teams vor Ort, am Trainingsplatz für die Dressurprüfungen. Unser umfangreiches Drehmaterial haben wir Wissenschaftlern, Tierärzten und weiteren Sachkundigen vorgelegt.

Ergebnis: Reitweise laut Experten häufig nicht tiergerecht

In den vergangenen Wochen seit dem Turnier haben die Fachleute das Videomaterial für den WDR ausgewertet. Ihr Ergebnis: In vielen Fällen zeigten die Sportler eine Reitweise, die den Pferden Schmerzen zufügen kann, auf Dauer gesundheitsschädlich sein kann und die ein Einschreiten der Aufsichtspersonen erforderlich gemacht hätte. So wurden viele Pferde in einer sehr engen Kopf-Hals-Haltung geritten. Darüber hinaus ließ sich eine hohe Anzahl grober Einwirkungen der Reiter auf die Pferde feststellen. Etwa indem die Kandare eingesetzt wurde, um das Pferd zu bestrafen oder durch übermäßigen Einsatz der Sporen.

Pferde überwiegend in zu enger Kopf-Hals-Haltung

25 von 28 Pferden, die auf den Aufnahmen zu sehen sind, wurden in einer zu engen Kopf-Hals-Haltung geritten. Bei dieser Reitweise weist die Nasenlinie des Pferdes nicht senkrecht auf den Boden, sondern wird zum Teil stark zurückgezogen. Im Extrem wird diese Haltung "Rollkur" genannt. Dabei hat das Pferdemaul mitunter sogar Kontakt mit der Brust. Die gesundheitlichen Probleme für Pferde können allerdings schon bei einer deutlich weniger extremen Ausprägung anfangen.

Mangelhafte Kontrollen beim Reitturnier CHIO?

WDR 5 Quarks - Topthemen aus der Wissenschaft | 11.10.2018 | 08:27 Min.

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Dressurpferd beim Aachener CHIO

Dieses Pferd wird in sehr enger Kopf-Haltung geritten

Inzwischen haben zahlreiche Studien gezeigt, dass eine Haltung, in der die Stirnlinie hinter die Senkrechte weist, für die Pferde gesundheitsschädlich ist. Negative Folgen sind die Behinderung der oberen Atemwege des Pferdes, eine krankhafte Veränderung der Halsstruktur sowie physischer und psychischer Stress, hervorgerufen durch die Haltung selbst – insbesondere aber auch durch den Reiter, der diese erzwingt.

Enge Kopfhaltung kann zu Hilflosigkeit und Gesundheitsschäden führen

"Durch die enge Kopf-Hals–Haltung wird das Pferd gezwungen, auf den Boden zu schauen", erklärt die Pferdeethologin Dr. Margit Zeitler-Feicht von der TU München. "Das heißt, das Gesichtsfeld ist eingegrenzt und damit kommt ein evolutionäres Fluchttier, das seine Umgebung ja beobachten will, in eine Situation der Hilflosigkeit und der vollkommenen Unterlegenheit. Es muss das tun, was der Reiter von ihm fordert".

Die Wissenschaftlerin hat bei einzelnen Pferden, die in dieser Position auf dem CHIO-Trainingsplatz geritten wurden, pferdetypische Abwehrreaktionen identifiziert: Die Pferde schlagen häufig mit dem Schweif, das Maul ist immer wieder längere Zeit geöffnet und die Zähne sind sichtbar. "Wenn eine solche Reitweise wiederholt und länger andauernd durchgeführt wird, dann führt das zu einer psychischen und physischen ständigen Belastung und Stresssituation für das Pferd und ist für mich nicht in Einklang zu bringen mit einer tiergerechten Reitweise."

Bei internationalen Turnieren ist Reitweise erlaubt

In der Dressurprüfung selbst ist diese Kopfhaltung nicht erwünscht – auf dem Abreiteplatz ist sie bei internationalen Turnieren wie dem CHIO aber für bis zu zehn Minuten erlaubt.

Vergleich der Kopfhaltungen beim Pferd

Zum Vergleich: Links die natürliche Haltung des Pferdes

Für den Tierarzt Ulf Stumpe, der selbst als Turnierarzt tätig war und Untersuchungen zu Auswirkungen dieser engen Reitweise auf den Kehlkopf des Pferdes durchgeführt hat, ist das nicht nachvollziehbar: "Zehn Minuten ist eine absolute Tierquälerei. Aus Tierschutzgesichtspunkten muss ich immer vom negativsten Fall ausgehen. Das bedeutet: Ist eine Trainingsmethode geeignet, Leiden und Qualen zu verursachen? Und da sage ich ganz eindeutig ja!" Verständnis fehlt dem Tierarzt auch dafür, dass  - nach all den Erkenntnissen, die zu den negativen Folgen für das Pferd vorliegen – noch so häufig in dieser Haltung auf Turnier-Trainingsplätzen geritten wird.   

Fehlhaltung ist von weitem sichtbar

Bei vielen Pferden auf dem CHIO, die überwiegend mit der Stirnlinie hinter der Senkrechten geritten wurden, war zudem der sogenannte „falsche Knick“ erkennbar, bei dem nicht das Genick der höchste Punkt des Pferdes ist, sondern der dritte Halswirbel. Diese falschen Positionen haben Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat der Pferde. Auf lange Sicht, so die von uns befragten Tierärzte, sind körperliche Schäden dabei unvermeidlich.

Beispielhaft dafür war ein Reiter, der den Kopf des Pferdes immer wieder zu sich heranzog und über wechselseitigen Zug den Pferdekopf hin und her schleuderte, woraufhin das Pferd aus dem Gleichgewicht geriet. Die Tierärztin Kareen Heineking-Schütte ist auf Pferde spezialisiert und reitet selbst. Auch ihr haben wir die Aufnahmen des Reiters gezeigt: "Die Mimik weist deutliche Anzeichen von Schmerz und chronischem Stress auf." Darüber hinaus wiesen auch das fortgesetzte Lippenschlagen und nach seitlich hinten gerichtete Ohren darauf hin.

Pferde zeigen Abwehrverhalten gegen schmerzhafte Reitweise

Dass diese Reitweise den Pferden auf dem Abreiteplatz Schmerzen zufügen kann, bestätigt auch Dr. Kathrin Kienapfel, Biologin an der Universität Bochum. In einer Studie konnte die Wissenschaftlerin zeigen, dass Pferde, die mit der Stirnlinie hinter der Senkrechten geritten werden, deutlich mehr Verhaltensauffälligkeiten zeigen als Pferde, deren Stirnlinie vor der Senkrechten liegt. Außerdem konnte sie nachweisen, dass es bei dieser Trainingsmethode durch die Daueraktivierung des unteren Halsmuskels zu schmerzhaften Halskrämpfen kommen kann.

Dressurpferd mit geöffnetem Maul

Das aufgerissene Maul zeigt aus Sicht von Wissenschaftlern eine Abwehrreaktion

Kathrin Kienapfel hat das Quarks-Drehmaterial vom Abreiteplatz mit ihrem Team im Rahmen einer Pilotstudie an der Uni Bochum ausgewertet. Gezählt wurde unter anderem, wie oft einzelne Pferde innerhalb eines bestimmten Zeitraums Abwehrreaktionen zeigten. Dazu gehörten das Schlagen mit dem Schweif, aber auch das Öffnen des Mauls oder das Lippenschlagen. "Es war ein erschreckendes Ergebnis, dass etwa ein Viertel der Pferde mehr als 150 Unmutsäußerungen gezeigt haben, in drei Minuten", so die Verhaltensbiologin.

Auffällig viele grobe Einwirkungen

Abwehrreaktionen zeigten mehrere Pferde auf dem Abreiteplatz des CHIO allerdings nicht nur wegen der engen Kopf-Hals-Haltung, sondern auch aufgrund zahlreicher manueller Einwirkungen der Reiter auf die Pferde.

Dressurpferd mit herangezogenem Kopf

Der Kopf des Pferdes wird stark an den Körper herangezogen

In einem konkreten Fall wurde der Zusammenhang dieser Abwehrreaktionen mit Aktionen des Reiters immer wieder besonders deutlich: Die Reiterin zog den Pferdekopf mit deutlichen Armbewegungen heran. "Das Pferd wird zeitweilig zur Korrekturmaßnahme immer wieder extrem stark mithilfe der Kandare Richtung Brust gezogen. Zu sehen ist das geöffnete Maul, das auf Schmerzen hinweist", so Pferdeethologin Margit Zeitler-Feicht von der TU München. "Die Ohrmuschel weist nach unten – Ohrenstellung seitlich. Also auch dieses Pferd hat meines Erachtens Angst und signalisiert seine Unterlegenheit, nach dem Motto: Ich tu alles was du möchtest, aber hör‘ bitte wieder auf."

Zug auf Kandare als Zwangsmaßnahme

„Ich finde das, was ich hier sehe, scheußlich. Und ich würde einschreiten", sagt Holger Preuschoft, emeritierter Professor für funktionelle Morphologie an der Universität Bochum, zu einzelnen Aufnahmen vom CHIO-Abreiteplatz. Preuschoft hat bereits in den 1990er Jahren in biomechanischen Studien untersucht, wie das Gebiss die Kräfte, die der Reiter über die Zügel auf das Pferdemaul ausübt, verstärkt. So können etwa Kandaren die Kraft des Reiters im Pferdemaul bis um den Faktor acht erhöhen.

Auf den Aufnahmen vom Abreiteplatz ist zu sehen, wie ein Reiter den Kopf seines Pferdes über mehrere Minuten extrem nah an die Brust zieht. Dabei wackelt der Kopf hin und her, der Reiter "riegelt" - das heißt, er zieht rechts und links abwechselnd im Pferdemaul, woraufhin der Kopf des Pferdes nachgibt. Für diese grobe Reitweise müsse der Reiter besonders stark ziehen, so Preuschoft. "Ich kann mir gut vorstellen, dass man abstumpft, wenn man so etwas den ganzen Tag sieht. Das ist Gewalt gegen das Pferd ausgeübt."

Uta König von Borstel, Professorin für Tierhaltung und Haltungsbiologie an der Universität Gießen, forscht ebenfalls seit Jahren zum Pferdeverhalten. Auch sie kritisiert die Reitweise, die auf vielen der Aufnahmen vom Trainingsplatz zu sehen ist: "Es fällt auf, dass schon sehr häufig mit harter Handeinwirkung geritten wird. Offenbar wurden die Zügel oft auch strafend eingesetzt. Schweifschlagen sowie Taktfehler waren ebenfalls häufiger zu sehen."  

Wissenschaftlerin: „Stewards hätten eingreifen müssen“

"Wir haben gesehen, dass fünf von 28 Reitern auf den aufgezeichneten Videos mehrfach Szenen grober Einwirkungen gezeigt haben", erklärt Dr. Kathrin Kienapfel, die die Aufzeichnungen des WDR gemeinsam mit ihrem Team an der Universität Bochum ausgewertet hat. "Hier hätten die Stewards eingreifen müssen."

Dressurpferd mit geöffnetem Maul

Die Kandare verstärkt die Kraft des Reiters auf das Pferdemaul erheblich

Das WDR-Team hatte insgesamt sechs Stunden am Abreiteplatz in Aachen gedreht. In dieser Zeit wurden keinerlei Interventionen durch das Aufsichtspersonal beobachtet. Keiner der Reiter wurde angesprochen. Außerdem wurde während des Drehtags keine gelbe Karte vergeben, mit der die Stewards insbesondere grobes und aggressives Reiten sanktionieren könnten.

Reaktion der internationalen reiterlichen Vereinigung

Aggressives Reiten und Zwangshaltungen, die durch Krafteinwirkung hervorgerufen werden, sind weder nach nationalem noch nach internationalem Reglement bei Reitturnieren akzeptiert. Warum also wurde an unserem Drehtag beim CHIO in mehreren Fällen nichts unternommen? Der WDR hat die Aufnahmen vom Abreiteplatz auch der Internationalen reiterliche Vereinigung (FEI) vorgelegt, die den CHIO veranstaltet hat. Auf die konkreten Szenen geht die FEI allerdings nicht ein:

"Unsere Rolle ist es, das Pferdewohl hochzuhalten und zu fördern und wir gehen das mit einer langfristigen Sichtweise an. (...) Jede Trainingsmethode, die falsch angewendet wird, ist nicht akzeptabel und aggressives Reiten muss verhindert werden. Das ist ein anhaltender Erziehungsprozess. Dazu entwickeln wir momentan neue Richtlinien und Videohilfsmittel."

Die deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) betont, dass bei deutschen Turnieren insbesondere im Hinblick auf die Kopf-Hals-Haltung bereits schärfere Regeln gelten. Der WDR hat auch der FN das Material vorgelegt. Sie sieht in den gewählten Ausschnitten mehrfach Handlungsbedarf zum Schutz der Pferde vor der reiterlichen Einwirkung.

Fazit: Fehler im System statt bedauerlicher Einzelfälle

"Die Aufnahmen vom Abreiteplatz vom CHIO in Aachen sind erschreckend und zeigen, dass sich seit der ausgiebigen Diskussion um die Rollkur in der Reiterei nicht viel geändert hat", sagt Anja Beran. Sie ist selbst Dressurreiterin und Ausbilderin und setzt sich für eine Rückbesinnung auf die klassische Reitkunst ein. "Die Videos veranschaulichen einmal mehr, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Das Vorgehen ist der heutigen Pferdeausbildungsweise geschuldet. Es macht keinen Sinn schwarze Schafe zu deklarieren. Ein generelles Umdenken ist dringend notwendig."

Damit ein Pferd unter seinem Reiter gesund bleibt, muss es gezielt gymnastiziert werden. Die Dressur diente einmal genau dazu - Muskeln und Bewegungsapparat so zu trainieren, dass ein gerittenes Pferd lange gesund bleiben kann. Von diesem Ursprung aber ist die Reitweise auf einem der renommiertesten Turniere der Welt mitunter weit entfernt.  

Stand: 11.10.2018, 09:14