Spuren im Erbgut

Alte Weltkarte in braun, beige

DNA-Faden in die Geschichte

Spuren im Erbgut

Von Volkart Wildermuth

Geschichtskundler nutzen ungewöhnliche Wege in die Vergangenheit. Ein britisch-deutsches Forscherteam untersuchte das Erbgut von knapp 1500 Menschen weltweit. In den Genen finden sich Hinweise auf Völkerwanderungen und Kriege.

Wenn Mann und Frau ein Kind bekommen, dann ist dessen Erbgut eine Mischung aus dem der Elternteile. Diese Regel gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für ganze Bevölkerungsgruppen. Forscher aus London, Oxford und Leipzig haben einen neuen Ansatz gewählt, um diese Vermischungen nachzuzeichnen. Dazu haben sie zunächst das Erbgut von 1490 Einzelpersonen aus 95 Gruppen rund um den Globus auf genetische Varianten untersucht. So konnten sie jeden Abschnitt eines Chromosoms einer geographischen Ursprungsregion zuordnen. Das Ergebnis: Die DNA ist ein komplexes Mosaik aus unterschiedlichen Bruchstücken. Der Vergleich dieser Mosaike erlaubt es, die Herkunft von heute lebenden Bevölkerungen nachzuvollziehen.

Alexander der Große im Hindukusch

Das Volk der Kalash lebt zurückgezogen in den Bergen des Hindukusch. Stolz führen sie ihren Ursprung auf die Armee Alexander des Großen zurück. Das behaupten viele Völker, aber tatsächlich: Im Erbgut der Kalash konnten die Forscher Spuren finden, die auf europäische Ahnen hindeuten.

Die DNA-Uhr

Die Forscher können auch zeitlich eingrenzen, wann sich Bevölkerungsgruppen vermischt haben. Wenn sich die Gruppen begegnen, dann findet man in der ersten Generation noch komplette Chromosomen der beiden Elterngruppen. Nach und nach vermischt sich die DNA aber immer weiter, die Bruchstücke werden immer kürzer, bis sie am Ende völlig vermischt sind. Das dauert etwa 4.000 Jahre. Je länger die Stücke also sind, desto weniger Zeit ist seit der Vermischung vergangen. Im Fall der Kalash liegt der Kontakt zwischen asiatischen und europäischen Ahnen rund 2.300 Jahre zurück. Das passt zur Zeit Alexanders. Eindeutig bestätigen lässt sich der Ursprungsmythos der Kalash aber auch mit Hilfe der DNA-Analyse nicht.

Sklavenhandel hinterlässt Spuren

Jüngere Ereignisse lassen sich hingegen genauer bestimmen. In Mittelamerika finden die Forscher einen Mix aus amerikanischen, europäischen und afrikanischen Wurzeln. Eine Folge der Kolonisation und des Sklavenhandels. Auch am südlichen Mittelmeer finden sich in der DNA der Menschen bis heute Spuren des Sklavenhandels, zunächst aus Westafrika und dann später auch aus Ostafrika. Eine Ausnahme bilden die Drusen im Libanon. Auch sie sind mit Afrikanern in Kontakt gekommen, aber dieser Einfluss endet um das Jahr 1.000. Damals etablierte sich ihre Religion, die Sklavenhandel verbot.

Komplexe Geschichte

Die Forscher konnten viele Kontakte zwischen Volksgruppen nachzeichnen. Die erste allgemeine Erkenntnis lautet: Die heutigen Bevölkerungsgruppen sind nirgends auf dem Globus rein, wir alle sind das Ergebnis von Migration und Kontakt. Zweitens sind diese Wanderbewegungen und Kontakte sehr komplex. Gruppen vermischen sich nicht einfach an den Grenzen mit ihren direkten Nachbarn. Meistens sind es konkrete historische Ereignisse wie Kriege oder Feldzüge, die zu solchen Vermischungen führen. Deshalb fanden Kontakte in der Geschichte oft nicht zwischen Nachbarn statt, sondern häufig zwischen Gruppen, die ursprünglich Tausende von Kilometern getrennt gelebt hatten.

Redaktion:
Maike Westphal

Stand: 14.02.2014, 16:05