Nur gefühlte Sicherheit? LKW-Beton-Sperren in NRW

Betonpoller mit farbigem Schriftzug "Mehr Farbe weniger Angst"

Nur gefühlte Sicherheit? LKW-Beton-Sperren in NRW

Nachdem Terroristen LKW und Kleinlaster als Waffe entdeckt haben, sichern viele Städte weltweit Versammlungs- und Marktplätze zusätzlich mit Betonklötzen ab. Auch in NRW. Doch welches Konzept ist effektiv und hilft die Technik wirklich gegen Terror?

Düsseldorf setzt auf mit Kies gefüllte Container als LKW-Blockade, andere auf schwere Wassertanks, Münster verbaut im Boden verankerte Stahlpfeiler und beim CHIO Reitturnier in Aachen hat der Veranstalter den Publikumsbereich mit bepflanzten Betonbarrieren geschützt. Das sind zweieinhalb bis drei Tonnen schwere Betonklötze. Die Prüfgesellschaft Dekra testete - und ließ einen typischen LKW, wie er in Städten genutzt wird, mit 55 km/h auf eine Sperre mit solchen XXL-Beton-Klötzen prallen. Marcus Gärtner, Versuchsingenieur bei der Dekra: "Wir haben da 2,4 Tonnen pro Element, die sie dem Zehn-Tonnen-LKW entgegensetzen. Der Energieerhaltungssatz lässt uns da eindeutige Schlüsse ziehen, dass das nicht gut gehen kann."

Liefern Beton-Sperren Sicherheit oder gefühlte Sicherheit?

WDR 5 Leonardo Top Themen | 13.09.2017 | 07:46 Min.

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Die Klötze wurden durch die Gegend geschleudert

Sicherheitssperren in Hamburg

Sicherheitssperren in deutschen Großstädten

Die XXL-Klötze sind also mehr sicherer Schein als tatsächliche Sicherheit. Bei dem Dekra-Test waren auch einige Unternehmen anwesend, die die Betonbarrieren vermarkten. Sie konnten sich selbst überzeugen, wie die tonnenschweren Klötze durch die Gegend geschleudert wurden. Somit hatten die Betonbarrieren nicht nur versagt, sondern wurden zusätzlich zu einer großen Gefahr. Auch Kai Plückhain von Neuland-Beton aus Hamburg war bei dem Versuch vor Ort. Die Beton-Steine hätten "sich um die eigene Achse gedreht, als das Fahrzeug mittig aufgeprallt ist und sind einfach nur weggeschleudert worden. Und dann ist der LKW noch nach 25 Metern gegen eine Schutzwand von der Dekra geprallt. Wenn die nicht gewesen wäre, wäre er bestimmt noch mindestens 50 Meter weiter gerollt."

Blöcke sollen verbunden werden

Damit die Betonklötze oder Cubes, wie sie bei Neuland-Beton heißen, tatsächlich als LKW-Barrieren funktionieren, entwickelt die Firma zusammen mit der Uni Leipzig gerade ein verbessertes Modell. Die Cubes sollen miteinander verbunden werden können und technisch so ausgereift sein, dass sie dem Aufprall eines Zehntonners standhalten. Einen großen Sattelzug würde das zwar nicht stoppen, aber die meisten anderen LKW. Der Prototyp sei bald fertig und Tests sollen zeigen, ob die Blöcke als LKW-Sperren geeignet sind. Bis dahin werden die Betonklötze auch nicht als Beton-Sperren, sondern nur als Betonklötze vertrieben, sagt Kai Plückhain. Anfragen von Kommunen und Städte aus dem In- und Ausland gäbe es trotzdem viele.

Aachen sicherte mit Müllfahrzeugen

Trotz der Nachbesserungen und der Möglichkeit, die Betonklötze zu verankern und miteinander zu verbinden, entscheiden sich viele Städte gegen Betonbarrieren. In Aachen wurden zum Beispiel wichtige Veranstaltungen wie die Verleihung des Internationalen Karlspreises mit Müllfahrzeugen gesichert. Das sieht vielleicht nicht schön aus, aber dafür sei man flexibler, heißt es beim Bereich Sondernutzung der Stadt Aachen. Außerdem braucht man für die schweren Betonklötze wiederum große Fahrzeuge für den Transport. Und der ist teuer. Deshalb wurden in Aachen schon zu den Karnevalsumzügen an großen Kreuzungen jeweils zwei Müllwagen versetzt und quer zur Fahrbahn aufgestellt. Polizisten mit Maschinenpistolen sollten zusätzlich für Sicherheit sorgen.

Fest installierte Metall-Pfeiler

Poller für Sicherheit auf einem Platz

Versenkbare Poller statt Betonklötze

Eine weitere Möglichkeit, heranrasende Fahrzeuge, vor allem aber auch LKW aufzuhalten, sind fest installierte Barrieren. Die werden beispielsweise schon in Münster eingesetzt. Auch in Aachen wird über den Einsatz von Stahlpylonen an bestimmten Zufahrten wie zum Rathaus und Markt nachgedacht. Das sind dicke Metall-Stifte, die tief im Boden verankert sind und bei Bedarf aus und eingefahren werden können. Typisch auch vor vielen Botschaften, zum Beispiel in Berlin.

London plant einen regelrechten Ring aus Stahl, um Teile der Stadt zu schützen. Ein britischer Hersteller hat bereits ähnliche Pfeiler getestet: Mit rund 60 km/h rast ein sieben Tonnen schwerer LKW gegen einen der Poller. Das Ergebnis: Die komplette Front des LKW wird von dem Poller aufgerissen, die Fahrerkabine vollkommen zerfetzt. Die Angebote für solche Festinstallationen liegen zwischen 20.000 und 45.000 Euro, heißt es bei der Stadt Aachen.

Autor des Radiobeitrags: Melih Serter

Stand: 07.09.2017, 14:28