Der Kampf mit den Buchstaben

Bunte Plastikbuchstaben bilden das Wort "Schule"

Legasthenie-Forschung

Der Kampf mit den Buchstaben

Sie lesen stockend, verdrehen Silben, schreiben viele Wörter falsch: Etwa fünf Prozent der Deutschen sind Legastheniker. Mit speziellen Trainingsmethoden können sie lernen, mit ihrer Schwäche umzugehen. Doch längst nicht jede Therapie hilft.

"Das ist, als wenn man auf einen Text drauf guckt, wo unendliche Buchstaben stehen, die man dann alle in einer Schulstunde lesen muss", sagt die zehnjährige Lena. "Mein Kopf kann nur ein Wort mit sechs Buchstaben, mehr kann mein Kopf nicht. Wenn ich zehn oder acht Buchstaben schreiben soll, das wär schon ziemlich schwer."

Lena ist klug. Das merkt man sofort, wenn man mit ihr spricht. Ein Test hat ergeben, dass sie für ihr Alter einen überdurchschnittlich hohen IQ hat. Trotzdem hat Lena die 1. Klasse ihrer Grundschule in Gelsenkirchen wiederholt – und auch heute, in der 3. Klasse, haben ihre Mitschüler meist bessere Noten als sie. Lena ist Legasthenikerin: Schreiben und Lesen fallen ihr schwer. "So, als wenn man etwas machen soll, was man gar nicht kann."

Eines von 20 Kindern ist betroffen

Schüler schreiben eine Klassenarbeit

Angst vor der Klassenarbeit

So ähnlich wie Lena ergeht es vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Etwa fünf Prozent haben eine Legasthenie, eine Lese-Rechtschreib-Störung. Hinzu kommen etliche Kinder und Jugendliche mit einer reinen Lese- oder einer reinen Schreibstörung. Legastheniker brauchen beim Lesen besonders lange, um den Buchstaben die richtigen Laute zuzuordnen – und beim Schreiben, um für die Laute die passenden Buchstaben zu finden.

Schlaue Legastheniker werden oft übersehen

Wichtig ist dabei die Feststellung, dass Legasthenie nichts mit einem Intelligenz-Defizit oder mit Dummheit zu tun hat. Das betont auch Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni-Klinik in München. Bei Kindern mit sehr hoher Intelligenz sei die Legasthenie allerdings besonders schwierig zu diagnostizieren. "Sie wird häufig übersehen, weil letztendlich die Kinder mit der hohen Intelligenz auch gut kompensieren können. Aber im Verhältnis zu ihren anderen Schulleistungsfächern sind sie gerade dann auch im Lesen und Schreiben besonders schlecht", sagt Schulte-Körne.

Ursachensuche in der Familie

Welche Ursachen hinter einer Legasthenie stecken – dazu gibt es bislang noch keine gesicherten Erkenntnisse. Die Forscher vermuten hinter der Störung vor allem genetische Veranlagungen: Wenn etwa der Vater oder die Mutter eine Lese-Rechtschreib-Störung - kurz LRS - haben, erhöht dies das Risiko für die Kinder, ebenfalls eine Legasthenie zu bekommen.

Problematisches Schreiben nach Gehör

Bei Kindern, die vor allem Probleme mit dem richtigen Schreiben haben, könnten zum Teil aber auch ganz andere Gründe dahinter stecken. Rainer Schmidt, Leiter der privaten Fördereinrichtung "elzet" in Gladbeck, ist überzeugt: Viele Kinder, die zu ihm kommen, haben die deutsche Rechtschreibung einfach nie richtig gelernt - gerade wenn die Kinder nach Gehör schreiben sollen: "Wir haben mittlerweile eine ganze Reihe von Studien, die klar sagen, dass die Kinder sehr wohl daraus Pseudo-Regeln bilden und dann auch sich falsche Rechtschreibmethoden einprägen." Spätestens ab der 3. Klasse, wenn es Noten gibt, würden die Schüler in ein großes Loch fallen, denn sie müssen dann umdenken.

Regeln sollen sich automatisieren

Die Schulleiterin unterstützt zwei Kinder beim Schreiben

Lernen in kleinen Schritten

Bei Lena wurde die Legasthenie vor eineinhalb Jahren diagnostiziert. Erst nach langer Suche, haben ihre Eltern einen Therapie-Platz im Gladbecker Förderzentrum gefunden. Dort kommen sogenannte regelgeleitete Therapien zum Einsatz: In kleinen Schritten werden den Kindern Strategien vermittelt, mit denen sie sich Rechtschreib- oder Grammatikregeln merken können. Diese Regeln sollen sich dann automatisieren. "Sie würden sich ja auch nicht hinsetzen und irgendetwas schreiben und bei jedem Wort überlegen: Ach, wie schreibt man das denn jetzt?", sagt Rainer Schmidt, der Leiter des Förderzentrums.

Viele Therapien, wenig Erfolg

Welche Therapien bei Legasthenie helfen und welche nicht – das haben Prof. Schulte-Körne und andere Wissenschaftler der Uniklinik München untersucht. Dazu haben sie die Ergebnisse mehrerer Legasthenie-Studien aus dem In- und Ausland zusammengefügt. Der Befund: Es gibt über 20 verschiedene Therapie-Ansätze, doch nur wenige helfen den Betroffenen, besser zu lesen oder zu schreiben.

Geeignete Therapien trainieren mit Wörtern

Laut den Untersuchungen kommt es etwa darauf an, die Zuordnung von Buchstaben zu Lauten und umgekehrt zu trainieren: Wann wird ein "S" scharf ausgesprochen wie in "Sex", wann weich wie in "Sonne" und wann wie ein "sch" in "Sport" oder "Stein"? Legastheniker sollen demnach lernen, die einzelnen Laute und Silben zu unterscheiden und den entsprechenden Schriftbildern zuzuordnen. Das soll helfen, die Struktur von Wörtern besser zu verstehen und so beim Schreiben und beim Lesen sicherer zu werden. Die Steigerung von Adjektiven hilft auch: scheußlich, scheußlicher oder eckig, eckiger.

Üben mit Tönen und Bildern ist wenig hilfreich

Kinder beim Test; vorne sieht man auf einer Leinwand Bilder von verschiedenen Gegenständen

Bilder fördern nicht das Lesen

Auf der anderen Seite gebe es eine Reihe von Methoden, die Legasthenikern nicht helfen, sagt Klinik-Leiter Gerd Schulte-Körne: „Es gibt viele Trainingsansätze, die nichts mit Wortmaterial zu tun haben, sondern die die Kinder unterscheiden lassen.“ Dabei geht es Tonhöhen, Unterschiede beim Rhythmus, der Richtung, aus der ein Klang kommt.  Im visuellen Bereich sortieren sie grafische Symbole und Figuren. "Das ist aber nicht das Problem der Kinder mit der Lese-Rechtschreib-Störung und deswegen helfen auch diese Verfahren nicht, die Lese- und Rechtschreib-Leistung dieser Kinder zu verbessern.“

Wichtige Therapeutenwahl

Noch vor der Legasthenie-Therapie steht die Diagnose. Die bieten zum Beispiel Kinder- und Jugendpsychiater, -psychotherapeuten oder -psychologen an. Außerdem können sich Eltern in speziellen Beratungsstellen der Kommunen Hilfe holen. Wenn eine Legasthenie diagnostiziert wird, steht danach in der Regel die Suche nach einem Therapeuten an. Wichtig dabei: Der Therapeut sollte besser nicht die gleiche Person sein, die auch die Diagnose gestellt hat, sagt Gerd Schulte-Körne. Damit die Therapie ohne Vorbehalte und Vorurteile beginnen kann.

Nachteilsausgleich in der Schule

Während der Therapie geht es auch darum, dass die Kinder im regulären Unterricht bessere Leistungen bringen können – durch den Nachteilsausgleich für Legastheniker. Die betroffenen Schüler können zum Beispiel mehr Zeit für Diktate oder andere Aufgaben bekommen. Ob diese Rechte gewährt werden, entscheiden die Schulen in NRW für jeden Fall einzeln.

Große Unterschiede bei der Förderung

In jedem Fall aber haben Kinder mit LRS das Recht, dass ihre Rechtschreibleistung keinen Einfluss auf die Note ihrer Klassenarbeiten hat. Doch selbst das scheint in der Praxis nicht immer zu funktionieren. In den Schulen ist noch viel Luft nach oben, was die Förderung von Legasthenikern anbelangt, sagt Rainer Schmidt vom Gladbecker Förderzentrum: "Es gibt Schulen, die machen regelmäßig guten Förderunterricht für solche Kinder." Es gebe aber auch das krasse Gegenteil: "Da wird den Eltern ständig gesagt: 'Tut uns leid, wir haben nicht das Personal dazu.' Oder es fallen reihenweise solche Förderstunden aus."

Hürde bei der Kostenübernahme einer Therapie

Probleme gibt es auch mit der Finanzierung der Legasthenie-Therapie. Grundsätzlich müssen die Eltern die Förderung selbst bezahlen - die Krankenkassen übernehmen die Kosten fast nie. In einigen Fällen bezahlt zwar das Jugendamt die Therapie, allerdings nur unter einer bestimmten Bedingung. Bei dem Kind müsse eine drohende seelische Behinderung vorliegen sagt Klinik-Leiter Gerd Schulte-Körne: "Das kann ja nicht sein, dass die Kinder erst psychisch krank werden müssen, bevor die Gesellschaft sich in der Verantwortung sieht, etwas für diese Kinder zu tun."

Autor des Radiobeitrags: Johannes Döbbelt

Stand: 05.08.2014, 13:10