Aus Genen werden Täterprofile

Kriminalbeamtin bei der Spurensicherung von DNA

Fernsehkrimis und Realität

Aus Genen werden Täterprofile

In US-Krimiserien wird aus einer Hautzelle schon mal ein ganzes Phantombild erstellt. Doch wie realistisch ist das? Ist die genetische Analyse wirklich das scharfe Schwert der Polizeiarbeit - oder übertreiben die Serien?

New York City, Manhattan. Hier, wo hunderte von Fernsehkrimis gedreht wurden, befindet sich auch die städtische Gerichtsmedizin, direkt an der First Avenue. Die Polizei hat technisch in den vergangen Jahren stark aufgerüstet. Alles ist digital, schnell und effizient. Das betrifft auch die Spurenanalyse. Die Mitarbeiter der Polizei suchen nicht mehr nur nach Fingerabdrücken, sondern mehr und mehr nach genetischen Spuren.

Blut, Haare, Spucke, Sperma

In den Labors der Rechtsmedizin werden Zigarettenkippen, Pullover, Schals, Trinkgläser und andere mögliche Beweismittel auf biologische Spuren untersucht, die den Täter ausfindig machen sollen. Blut, Haare, Spucke oder Sperma – alle biologischen Spuren enthalten das Erbmaterial DNA. Die DNA jedes Menschen ist einzigartig. Sie ist daher bestens geeignet, um einen sogenannten Spurenleger zu identifizieren. DNA-Analysen sind heute nicht mehr aus der Polizeiarbeit wegzudenken. In den USA gibt es mittlerweile 194 DNA- Kriminallabore. In vielen werde nicht nur die tägliche Polizeiarbeit gemacht,sondern auch Forschung betrieben - und die macht rasante Fortschritte "Hat man eine Zelle, hat man die Blaupause eines Menschen", sagt der Gerichtsmediziner Mark Desire. "Man kann sagen, woher jemand kommt, welche Augenfarbe er hat und welche Hautfarbe."

Jedoch ist alles, was aus einer Probe gelesen werden kann, nicht unbedingt erlaubt, schränkt Mark Desire ein: "Wenn man solche Beweise von einem Tatort bekommen kann, und die Methoden sicher und geprüft sind, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie erlaubt und akzeptiert sind. Heute gibt es das noch nicht, da liegt noch viel Forschungsarbeit vor uns."

Türen werden mit Iris-Scans geöffnet

Washington, DC. Max Houck eilt durch lange kahle Gänge, alles ist hell und steril. Er ist Direktor der staatlichen Abteilung für Forensische Wissenschaften. Sein Institut arbeitet eng mit der Polizei zusammen. Hier im dritten Stock befinden sich verschiedenen Labore." Hier wird an unterschiedlichen, sensiblen Dingen gearbeitet", erklärt Max Houck, "daher sind die Sicherheitsvorschriften hoch. Persönliche Schutzkleidung ist das eine. Dann haben wir Sicherheitsschlösser, die manchmal auch biometrisch geschützt sind und nur durch Iris-Scans geöffnet werden können.

Im Vorbeilaufen zeigt der Rechtsmediziner auf Glasscheiben, hinter denen sich hochreine Arbeitsräume befinden.  "Das sind die Labore", sagt er, "hier wird auch mit gefährlichen Materialien gearbeitet. Wir untersuchen hier Blut, verunreinigte Stoffe, manchmal auch Biowaffen.” Konkreter will und darf Max Houck nicht werden, viele Untersuchungen unterliegen bestimmten Geheimhaltungsstufen – vor allem jene aus dem Bereich des Bioterrorismus. Die Bereiche für alltäglichere Gewaltverbrechen kann er akkreditierten Besuchern dagegen zeigen. Die Schusswaffensammlung umfasst rund 1.700 Waffen, die hier zu Vergleichszwecken lagern.

Wie sich eine Tat tatsächlich zugetragen hat

Mithilfe dieser Referenz-Waffen wird bei Kriminalfällen untersucht, wie sich eine Tat tatsächlich zugetragen hat. Ein Stück weiter befinden sich die Labore, wo Fingerabdrücke digital gescannt, in riesigen Datenbanken gespeichert und verglichen werden; noch eine Abteilung weiter arbeiten die IT- Fachleute, die gelöschte Daten von Computerfestplatten oder beschädigten USB-Sticks rekonstruieren können.

Max Houck ist nicht nur oberster Verwalter der rechtsmedizinischen Untersuchungen von Washington, DC, sondern auch ein gefragter Forensik-Experte für schwierige Kriminalfälle. "Aktuell konzentriert sich vieles auf die so genannte RAPD-DNA-Methode", eklärt er. Dabeikönnen bestimmte Bereiche der Erbsubstanz schnell verglichen werden, ohne diese im Detail zu kennen. "Damit konnten wir den Analysezeitraum von einst mehreren Tagen auf Minuten reduzieren", so Houck.  

Zeitmangel ist das größte Problem

Und Zeit ist schließlich das größte Problem. Ungelöste Kriminalfälle stapeln sich; es gehen immer mehr Fälle ein als abgeschlossen werden. "Angenommen", sagt Houck, "man würde sich nur um einen einzigen Fall und um nichts anders kümmern, dann könnte man die notwendigen Untersuchungen vielleicht in drei, vier Tagen abschließen. Doch der Durchschnitt in den Vereinigten Staaten liegt aktuell bei 70 Tagen.”

DNA-Analysen sind heute sehr populär. Sie gelten in der Polizeiarbeit als Wunderwaffe, mit der sich - theoretisch - die Fälle einfach lösen lassen. Aber Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander, weil die Labore in aller Regel unterbesetzt sind. Alles soll bei der Aufklärung schnell und effizient gehen, die wissenschaftlichen Grundlagen sind aber manchmal äußerst kompliziert. Die tatsächliche Laborarbeit unterscheide sich doch deutlich von TV-Krimiserien, sagt der Experte: "Es gibt da immer eine gewisse Enttäuschung oder eine Irritation, weil unsere Analysen länger dauern als bei den Krimileuten im Fernsehen. Manche beschweren sich, dass wir Ergebnisse nicht so schnell liefern können."

Forschung zu behäbig für TV-Serien

Ortswechsel in den USA. In North Carolina befindet sich die private Duke Universität in Durham. Hier forscht und lehrt Misha Angrist. Der Wissenschaftler vom Institut für Genomwissenschaften und Politik beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Genetik auf die Forschung selbst, auf die Polizeiarbeit und auf die Gesellschaft. Oft sei er erstaunt über den Widerspruch zwischen Realität und Wirklichkeit. Denn nur wenig von dem, was theoretisch untersucht werden kann und darf, lässt sich in der täglichen Polizeiarbeit anwenden. Viele Fernsehzuschauer wären überrascht, wenn sie wüsste, wie behäbig diese Arbeit tatsächlich ist. "Allein die Bürokratie behindert in vielen Kriminallabors die eigentliche Arbeit", sagt der Wissenschaftler. "Es gibt Labors, wo mehr als tausend unbearbeitete Fälle warten."

Autor des Radiobeitrags: Michael Stang

Stand: 27.01.2015, 16:00