On & Off als filmische Mittel

Junge in einem Einkaufszentrum

On & Off als filmische Mittel

Ton im Film

Stimmen werden in Filmen auf zwei Arten eingesetzt: Wenn du siehst, wie jemand spricht, und du hörst ihn gleichzeitig, nennt man das einen Originalton (O-Ton) im On. Wenn du eine Stimme hörst, aber andere Bilder dazu siehst, ist das ein Off-Ton. Off-Töne (zum Beispiel Kommentare) kennst du vielleicht von einem Live-Bericht beim Fußball oder aus Nachrichtenfilmen. Einen On-Ton gibt es zum Beispiel, wenn ein Reporter mit einem Mikrofon in der Hand direkt in die Kamera spricht.

In vielen Dokumentarfilmen siehst du Ausschnitte aus Interviews. Zum Beispiel von Interviews mit Experten. Oder mit den Personen, von denen der Film handelt. So erfährst du direkt etwas von den und über die Hauptpersonen dieses Films, oder du wirst genauer über ein Sachthema informiert. Der Filmemacher oder die Filmemacherin muss vorher überlegen: Sollen die Zuschauer die Personen während des Interviews sehen? Oder soll die Stimme des Interviewpartners ganz oder zum Teil aus dem Off zu hören sein? Wenn ein Experte zum Beispiel etwas erklärt und im Bild siehst du den Gegenstand, über den er spricht, kannst du seine Erklärung meist leichter verstehen. Aber es gibt auch noch andere Gründe, warum sich Filmemacher für Off-Töne bei Interviews entscheiden. Das siehst du deutlich bei dem Filmprojekt "WIR!" von Anna Wahle.

Persönliches aus dem Off

Auch bei "WIR!" gibt es viele Interviews. Sie sind ganz anders als normalerweise üblich. Du siehst zwar die Jugendlichen, die die Filmemacherin interviewt hat, aber sie schweigen meist in die Kamera. Ihre Stimmen hörst du fast nur aus dem Off. Wie findest du das? Stört es dich eher, oder findest du das interessant und macht es dich neugierig? In diesem Ausschnitt erzählen die Jugendlichen von ihren Träumen und Sehnsüchten. Was wünschen sie sich? Kannst du dem, was sie sagen, gut zuhören, wenn die Stimmen aus dem Off kommen, du die Jugendlichen aber still im Bild siehst? Oder irritiert es dich, dass die Interviews so ganz anders sind, als man es in den meisten Filmen sieht?

Körper und Gesichtsausdruck sprechen mit

Je nachdem, ob die Stimmen aus dem On oder aus dem Off kommen, ändert sich die Wirkung für die Zuschauer sehr stark. In diesem Ausschnitt erzählt ein Junge davon, als er das letzte Mal verliebt war. Der Junge ist im Bild (On) zu sehen, während er spricht. Achte doch einmal darauf, was du über ihn erfährst: Zum einen hörst du, was er erzählt. Aber gibt es noch andere Informationen über ihn, die zum Beispiel über seine Körperhaltung oder seine Bewegungen vermittelt werden? Oder über seinen Gesichtsausdruck? Was meinst du: Fällt es ihm eher leicht oder eher schwer, über das Verliebtsein zu sprechen?

Als Zuschauer nimmst du bei einem Interview im On die Person, die interviewt wird, gleich  mehrfach wahr. Du hörst nicht nur, was die Person sagt, sondern siehst auch, wie sie etwas sagt. Für den Eindruck, den du von dieser Person bekommst, spielt beides eine Rolle. Das ist so wie im Gespräch mit Freunden: Da wirkt es auch ganz anders, wenn zum Beispiel jemand beim Sprechen verlegen auf den Boden schaut, oder wenn er dich direkt ansieht.

Den Gedanken zuhören

Die Filmemacherin Anna Wahle lässt die Jugendlichen bewusst aus dem Off erzählen. Sie macht das, weil sie damit bei den Zuschauern einen anderen Eindruck erzeugen will, als es bei einem Interview im On der Fall wäre. Die Jugendlichen haben der Filmemacherin zum Teil sehr persönliche Dinge über sich erzählt. Damit geben sie dir als Zuschauerin oder Zuschauer die Möglichkeit, mehr über ihre Gefühle oder Gedanken zu erfahren. Manches von dem, was sie sagen, würden sie vielleicht auf dem Schulhof oder in der Clique eher nicht preisgeben. Besonders, wenn es darum geht, was sie unglücklich macht, so wie in diesem Ausschnitt. Wenn die Stimmen aus dem Off kommen, ist es fast so, als könntest du den Gedanken der Jugendlichen zuhören. Wie findest du das? Fallen dir andere Filme ein, in denen du etwas Ähnliches schon einmal gehört und gesehen hast? Das müssen nicht unbedingt dokumentarische Formate sein, sondern vielleicht auch ein Spielfilm.

Spezialwissen für Filmfreaks

Manchmal kann es für einen Filmemacher dagegen aber vor allem praktische Gründe haben, wenn ein Interviewpartner für kurze Zeit aus dem Off zu hören ist: Wenn sich jemand bei einem Interview, das eigentlich im On-Ton gezeigt werden soll, verspricht, dann muss das Interview geschnitten werden. Damit das Bild für die Zuschauer nicht springt oder ruckelt, fügen Filmemacher meist ein kurzes neutrales Bild ein, zum Beispiel die Hände des Interviewpartners. Ein solches Bild nennt man Zwischenschnitt. Das kannst du in diesem Beispiel sehen. Während des Zwischenschnitts kommt in der Regel die Stimme des Interviewten aus dem Off. Bei "WIR!" waren solche Zwischenschnitte aber nicht nötig, da die Jugendlichen ohnehin vor allem aus dem Off zu hören sind.