Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken

Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken

Von Monika Sax und Mathias Tertilt

  • Bereits im Juli hatten Krefelder Forscher dramatischen Insektenrückgang festgestellt
  • Neue Auswertung bestätigt dramatischen Insektenrückgang für größere Gebiete
  • Weitere Ursachenforschung notwendig
  • Schnelle Gegenmaßnahmen gefordert

In den vergangenen 27 Jahren ist die Biomasse von fliegenden Insekten insgesamt um über 75 Prozent zurückgegangen. Gesammelt wurden die Daten an 63 Standorten in Naturschutzgebieten in NRW, Rheinland-Pfalz und Brandenburg.

Der Entomologische Verein Krefeld hatte zwischen 1989 und 2014 fliegende Insekten gesammelt und gewogen. An zwei Standorten stellten die Insektenforscher einen Rückgang von bis zu 80 Prozent der Insektenmasse fest.

Ein Wissenschaftler ordnet Insekten.

In 27 Jahren sammelten die Forscher 53 Kilogramm Insekten

Eine umfassende statistische Auswertung der Daten aller Standorte fehlte bisher. Diese lieferte nun ein Wissenschaftler-Team um Prof. Caspar Hallmann der Universität Radboud und bestätigt die vorher nur für einzelne Standorte diskutierten Zahlen.

Ein großflächiges Phänomen

Die Publikation liefere nun den Beleg dafür, dass wirklich ein großflächiges Phänomen vorliege, erklärt der nicht an der Studie beteiligte Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

"Die Ergebnisse der Untersuchung sind schockierend. Die Arbeit ist methodisch sauber und zeigt flächendeckend für eine große geografische Region Mitteleuropas einen massiven Biomasserückgang für Insekten. Wir befinden uns mitten in einem Albtraum, da Insekten eine zentrale Rolle für das Funktionieren unserer Ökosysteme spielen", warnt Prof. Dr. Johannes Steidle der Universität Hohenheim.

Gründe für das Insektensterben

Die Autoren zeigen, dass vor allem die Zunahme der Anteile von Äckern in der näheren Umgebung, Stickstoff und somit die Landnutzungsintensivierung für den Insektenrückgang verantwortlich sind. "Wetter-Variablen haben zum Beispiel keinen Einfluss", so Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein der Universität Freiburg.

Grashalme nah.

Überdüngung bedeutet weniger Pflanzenvielfalt. Oft bleibt nur Gras.

Die untersuchten Naturschutzgebiete sind zum überwiegenden Teil klein und von Ackerflächen umgeben. Die Autoren vermuten, dass diese Ackerflächen eine "ökologische Falle" bilden, die Insekten dort nicht überleben können und so der Bestand in den Naturschutzgebieten abnimmt. Nach Aussage der Wissenschaftler ist eine weitere Analyse der Ursachen dringend erforderlich.

Der Mitautor der Studie, Hans de Kroon, fordert so schnell wie möglich weniger Pestizide einzusetzen und den Verlust von Blühstreifen zu verhindern. Naturschutzgebiete sollten ausgeweitet und Ackerflächen verkleinert werden.

Ein Mohrenfalter mit einer Schwebfliege

Bald nicht mehr zu sehen? Schwebfliege und Mohrenfalter

Der Agrar-Report 2017 des Bundesamtes für Naturschutz bestätigt, dass der Gesamtbestand der Insekten in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten deutlich abgenommen hat.

Insgesamt gelten laut "Roter Liste" in Deutschland 45 Prozent der Wirbellosen, zu denen die Insekten zählen als gefährdet. Das globale Insektensterben hat Anfang 2016 eine internationale Studie des Weltrats für Biodiversität bestätigt. In manchen Regionen sind bis zu 40 Prozent der Fluginsekten vom Aussterben bedroht.

Insektenrückgang durch Pestizide

Durch die Überdüngung der Landschaft gehen artenreiche Ökosysteme verloren. Die Hälfte aller auf der "Roten Liste" stehenden Pflanzenarten ist laut einer Studie des Umweltbundesamtes wegen zu viel Stickstoff bedroht. Pflanzen und Gräser, die Stickstoff gut vertragen wuchern und verdrängen die für Insekten wichtigen Futterpflanzen.

Dazu kommt der Einsatz von Pestiziden. Diese treffen oft nicht nur die Schädlinge, sondern auch alle anderen Insekten.

Besonders in der Kritik sind die Neonicotinoide (NNI). Die hochwirksamen Insekten-Nervengifte werden seit Mitte der 1990er Jahre in der Landwirtschaft eingesetzt. Mit ihnen wird das Saatgut behandelt. Mit dem Wachsen der Pflanze verteilt sich das Gift bis in Pollen und Nektar.

Insektizide mindern die Fruchtbarkeit der Bienen

Biene auf Blüte

Insektizide locken Bienen sogar an

Inzwischen gibt es einige Studien, die negative Auswirkungen der Neonicotinoide auf Bienen belegen. So berichteten Schweizer Forscher 2016 im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B", dass bestimmte Neonicotinoide die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken. Eine in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichte andere Studie ergab, dass Bienen mit den Insektiziden behandelte Pflanzen nicht meiden, sondern sogar bevorzugt ansteuern.

Eine Untersuchung von dem Neurobiologen Randolf Menzel der FU Berlin zeigt, dass NNI das Gedächtnis von Bienen beeinflussen. Zwei aktuelle Studien aus Großbritannien bestätigen den schädlichen Einfluss von NNI. An der Studie aus Großbritannien werden methodische Schwächen kritisiert, die gemessenen Parameter seien sehr grob. Dennoch zeigt die Studie klare Effekte auf die Überwinterungsfähigkeit von Bienen.

Grünland inmitten von Maisfeldern

Monokulturen tragen zum Insektensterben bei

Auch der Anbau von Monokulturen trägt zum Insektensterben bei. In Agrarlandschaften ohne Kräuter, Blühpflanzen, Hecken und Randstreifen auf den Feldern finden Insekten kaum Nahrung und Lebensraum.

Welche weiteren Gründe gibt es für das Insektensterben?

Der Klimawandel führt unter anderem dazu, dass viele Pflanzen früher blühen. Der frühere Blühzeitpunkt bringt den Rhythmus mancher Insekten durcheinander. So steuert zum Beispiel bei Schmetterlingen die Tageslichtlänge, wann sie aus der Winterpause erwachen. Wenn dann ihre Futterpflanzen bereits abgeblüht sind, finden sie keine Nahrung mehr.

Andere Insekten werden vom Klimawandel profitieren und sich stark vermehren. Durch die milden Winter überleben mehr Parasiten und machen auch den Insekten zu schaffen. In den letzten Jahrzehnten wurden immer mehr Flächen in Deutschland für neue Siedlungen, Verkehr und Gewerbe versiegelt.

Fußgängerpassage in Oer-Erkenschwick

Versiegelte Flächen: verlorener Lebensraum für Insekten

Im Jahr 2014 waren es 69 Hektar Versiegelung pro Tag. Das ist verlorener Lebensraum für Insekten. Auch Invasive Arten bedrohen die heimische Insektenwelt: So macht beispielsweise der Asiatische Marienkäfer unserem heimischen Marienkäfer Konkurrenz.

Stand: 18.10.2017, 20:00