"Die Story" der Madame Le Pen

"Die Story" der Madame le Pen

"Die Story" der Madame Le Pen

Europa schaut in diesem Superwahljahr 2017 gebannt auf das Abschneiden der Rechtspopulisten. Im April wählen die Franzosen ein neues Staatsoberhaupt. Die Chancen von Marine Le Pen stehen nicht schlecht, Präsidentin von Frankreich zu werden. Wie sie es in wenigen Jahren schaffte, den Front National zu "entdämonisieren" und in die Mitte zu rücken, zeigt "Die Story im Ersten".

Ein kleines gallisches Dorf – es spielt nicht nur in Asterix-Comics eine zentrale Rolle. Es wird auch bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich am 23. April (erster Wahlgang) und am 7. Mai (Stichwahl) im Fokus stehen. Doch während das Asterix-Dorf purer Fantasie entsprungen ist, spiegelt das Wahl-Dorf die harte Realität. "Seit 1981 wählt der 1600-Seelen-Ort Donzy im Burgund bei Präsidentschaftswahlen genauso wie ganz Frankreich", sagt Michael Wech.

Donzy und seine Einwohner sind der Ausgangspunkt des Filmes "Marine Le Pen – Frontfrau der europäischen Rechten" in der Reihe "Die Story im Ersten". Michael Wech, Janine Bechthold, Tina Roth, Olga Sviridenko und Kameramann Detlef Hohlmann recherchierten und drehten dafür von Dezember 2016 bis März 2017 – in Paris, Moskau, New York sowie vor allem im Süden Frankreichs. Dort, wo der Front National (FN) – die Partei Marine Le Pens – besonders viele Anhänger hinter sich weiß, suchten Wech und sein Team Antworten auf die Frage "Wie hat diese Frau es geschafft, den Front National hoffähig und damit für die Mitte der Gesellschaft wählbar zu machen?"

 Jean-Marie Le Pen vor Schriftzug "Le Pen"

Jean-Marie Le Pen

Ein denkbarer Grund: Marine Le Pen warf den langjährigen Parteichef und FN-Gründer, ihren Vater Jean-Marie Le Pen, aus der Partei. Ein Bruch auch innerhalb der Familie. "Mit seinen homophoben und rassistischen Äußerungen ist er der Partei und seiner Tochter mehrmals in die Parade gefahren", sagt Wech. Poltern kann der mittlerweile 88-Jährige wie eh und je.

Das erfährt der Journalist beim Interview in Le Pens Herrenhaus bei Paris, dessen Tore sich für das Drehteam öffneten. Doch ist die Konfrontation zwischen Tochter und Vater nur Theater, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Michael Wech glaubt: nein. "Marine Le Pen meint es ernst. Sie will Präsidentin werden, während ihr Vater nur provozieren und nie wirklich Regierungsverantwortung wollte."

Die russischen Freunde

Wie ernst Marine Le Pen es meint, und welche Allianzen sie eingeht, um ihr Ziel zu erreichen, zeigt laut Wech auch die Nähe zu Russland – und vor allem dessen Finanzspritzen. Das belegt ein Konvolut von internen Dokumenten aus dem Kreml. "Russland- und Geheimdienst-Experten haben das Beweismaterial der Hacker von Anonymous International geprüft und für authentisch befunden", sagt Wech. Die Schriftsätze aus dem Frühjahr 2014 zeigen den regen SMS-Austausch der innenpolitischen Abteilung des Kremls: "Marine Le Pen hat offiziell das Krim-Referendum anerkannt" heißt es. "Sie hat uns nicht enttäuscht ;)." Und: "Wir müssen uns bei den Franzosen auf die eine oder andere Weise bedanken". Wenige Wochen später fließt die erste Tranche eines Millionenkredits an den Front National. Geld, mit dem die Partei den Europa-Wahlkampf 2014 finanziert. Bei dieser Wahl wird der FN mit knapp 25 Prozent zur stärksten politischen Kraft Frankreichs.

Ebenfalls mit im Spiel um die Macht: der russische Finanz-Oligarch Konstantin Malofejew. 2014 organisierte der 42-jährige Milliardär in Wien "hochkonspirativ", wie Wech sagt, einen Kongress westeuropäischer Rechtspopulisten, darunter Vertreter der Führungsebene von FN, FPÖ und Lega Nord. Über einen Informanten, der bei dem Treffen dabei war, sickern Informationen über die Vernetzung der europäischen Rechten durch.

Malofejew, dem ein direkter Draht zu Präsident Putin nachgesagt wird, bezeichnet sich selbst als "orthodoxen Monarchisten". In Moskau stellt er sich dem WDR-Team exklusiv einem Interview. Es wird klar, dass Malofejew "den Westen für dekadent" hält, den "Liberalismus in Europa stoppen will" – und mit seinen Aktivitäten darauf abzielt, "konservative Werte wie Familie und Glauben wieder stärker in den Mittelpunkt" zu rücken.

Monsieur Tardieu steigt aus

Offenbar Positionen, die auch Marine Le Pen so unterstützen will. Einer ihrer Hauptslogans im aktuellen Wahlkampf lautet: "Rechts und Links gibt es nicht mehr. Die politischen Gegner sind heute Patrioten contra Glo­balisierer." Romain Tardieu, früh­pensionierter Beamter der Schul­behörde, fand diesen Ansatz, wie viele Franzosen, charmant. Vier Jahre gehörte Tardieu dem Front National an, ehe der Mittfünfziger frustriert ausstieg. "Die Partei hat sich nach innen nicht so gewandelt, wie es nach außen wirkt", sagt Tardieu. "Der FN trägt totalitäre Züge, zeigt sich muslimfeindlich. Das kann ich nicht billigen."

Die Vorsitzende der rechtsextremen Nationalen Front, Marine Le Pen

Die Vorsitzende der rechtsextremen Nationalen Front, Marine Le Pen

Nach außen präsentiert Marine Le Pen den Front National jedoch nach wie vor als eine konservative Partei der bürgerlichen Mitte. "Zu FN-Veranstaltungen kommen junge Familien mit Kindern oder Hipster- Typen, die aussehen, als hätten sie gerade ein Start-up gegründet", sagt Michael Wech. Etwas zäh sei es gewesen, die Orte und Ter­mine der FN-Veranstaltungen herauszubekommen. "Da hat die Partei sich geziert und ein wenig gemauert." Doch schließlich kam das WDR-Team ans Ziel, nachdem es den FN-Mitarbeitern während einer Vielzahl von Telefongesprächen klar machen konnte, dass es sich natürlich an die Grundregeln des jour­nalistischen Fairplays halten werde.

Der wahre Grund für Le Pens Absage?

Die Anfrage für ein Interview mit Marine Le Pen ließ die Partei trotz des lan­gen Vorlaufs mit Hinweis auf Terminprobleme ins Leere laufen. Der wahre Grund könnte woanders liegen. Wech: "Die FN-Chefin gibt vorzugsweise Live-Interviews, deren Schlagabtausch sie vollends kontrollieren kann."

Gerne hätte der Autor sie in dem Interview ausführlich zu ihrem Besuch im Trump Tower Anfang Januar befragt. Reporter hatten sie gesichtet und das Bild über Twitter verbreitet. Auf diesem Foto abgebildet: Guido Lombardi, ein italienischer Geschäftsmann mit engen Beziehungen zu rechtskonservativen Milliardären in den USA und seit 20 Jahren befreundet mit Marine Le Pen. Das WDR-Team spürte ihn auf und konnte ihn in seiner Wohnung im Trump Tower für ein Interview gewinnen. Lombardi räumt ein, dass Le Pen dringend auf der Suche nach neuen Finanziers sei. Dem Front National fehlen Millionen, um den aktuellen Wahlkampf zu finanzieren. Er habe schon bei einer Spendenaktion für Geert Wilders im Hintergrund agiert. Und auch Marine Le Pen habe er geholfen.

Das europäische Netzwerk

Nicht nur der Kontakt in die USA und nach Moskau scheint gut. Im Januar reiste Le Pen nach Koblenz zu einem Treffen der Europäischen Rechten. "Wie wichtig ist diese europäische Vernetzung für Le Pen, Wilders und Petry? Auch darauf wollen wir mit dem Film eine Antwort geben", erklären Marion Schmickler und Nicole Ripperda, die verantwortlichen Redakteurinnen. Mit ihrer Politik, den Nationalstaat nach vorne zu bringen, hat auch Le Pen einen mögli­chen Ausstieg aus der EU als Ziel.

Das Dorf Donzy und die Umfragen

 Eisenwarenhändler Jean-Michel Bolin vor seinem Geschäft

Eisenwarenhändler Jean-Michel Bolin wird dieses Jahr Front National wählen.

Nach aktuellen Prognosen werden im ersten Wahlgang am 23. April etwa 25 Prozent der Franzosen für Marine Le Pen stimmen. Aber was bedeuten heute noch Umfragen? Bislang galt das kleine gallische Dorf Donzy im Burgund als Gradmesser für die Grande Nation. In diesem Jahr zeichnet sich hier eine klare Mehrheit für Marine Le Pen ab. Viele im Ort wollen das nicht wahr­haben: "Alle reden vom Sieg des FN. Aber die Umfragen zeigen doch, dass 75 Prozent der Franzosen Marine le Pen ablehnen!", empört sich Uhrmacher Vincent Talay. Und Frédéric Coudray, der örtliche Foiegras- Produzent, sagt: "Ich hoffe, dass Frankreich in diesem Jahr nicht so wie Donzy wählen wird." Ob ihre Wünsche wahr werden?

Der Zaubertrank aus Asterix’ galli­schem Heimatdorf kann da jedenfalls nicht helfen.

Ein PRINT-Artikel von Heiko Schlierenkamp

Stand: 03.04.2017, 15:48