Unser Land in den 70ern: Sabine Heinrich und ihr Geburtsjahr

Sabine Heinrich steht in einem gestreiften Shirt vor dem Mikrofon in einer Sprecherkabine und vertont eine Dokumentation.

Unser Land in den 70ern: Sabine Heinrich und ihr Geburtsjahr

Von Christian Gottschalk

Sabine Heinrich geht nach ihrer Sendung "WDR 2 Der Morgen" gerne ins "Espresso Perfetto". Seit drei Uhr morgens hat sie Tee und "Redaktionskaffee" getrunken, da braucht sie zum Feierabend um viertel vor zehn etwas wirklich Leckeres: laktosefreien Cappuccino. Das "laktosefrei" ist ihr etwas peinlich, weil sie nicht prätentiös wirken möchte. Sie hat gar keine Intoleranzen, der schmeckt ihr einfach besser.
Christian Gottschalk sprach mit der Journalistin, allerdings nicht über Kaffee, sondern über die Doku-Reihe "Unser Land in den 70ern". Dem Film "Das Jahr der Helden - 1976" hat sie als Erzählerin ihre Stimme geliehen.

Was verbinden Sie mit Ihrem Geburtsjahr?

Ich bin am 27. Dezember 1976 zur Welt gekommenen. Mein Vater hat immer gesagt: Das dickste Geschenk gab es nach Weihnachten. Ich habe mit diesem Jahr bislang vor allem ABBA und Boney M. verbunden. Und mein Bruder hat gesagt: Wenn schon eine kleine Schwester, dann die Biene Maja. Meine Eltern haben sich dann für die Bine, also Sabine, statt für Maja entschieden. Ich habe nicht gewusst, dass Weihnachten ’76 so verschneit war, das passt aber zu mir. Ich mag Schnee total, und ich mag das Wetter, das damals war: klar und kalt.

Was hat Sie überrascht, als Sie die Folge gesehen haben?

Ich hatte noch nie von Harro Remmert gehört. Der Jockey aus Pulheim war ein Superstar. Er ist bei einem Rennen verunglückt, war dann querschnittsgelähmt, hat wieder als Trainer begonnen, und war damit genauso erfolgreich. Ein querschnittsgelähmter Jockey-Trainer im Profibereich! Der Autor, Lukas Hoffmann, hat ihn noch mal getroffen und die Geschichten teils im Präsens erzählt. Da hat man bei so einem Pferderennen das Gefühl: Ich war dabei. Er hat einen tollen Film gemacht, schöne Geschichten recherchiert und zeitgemäß aufgearbeitet, absolut sehenswert.

Auf welchen Fortschritt, technisch oder gesellschaftlich, möchten Sie keinesfalls verzichten?

Digitalradio. Zu Hause zu sitzen und weltweit Radio zu hören. Oder in der Welt unterwegs zu sein und ein Stück Heimat dabei zu haben. Das finde ich schon toll.
Ich persönlich habe immer in Frieden gelebt. Das empfinde ich als Wert. Ebenso miterlebt zu haben, wie der Kalte Krieg beendet wurde und Europa zusammengewachsen ist. Es ist extrem schmerzvoll zu sehen, dass das jetzt in Gefahr ist.
Meine Eltern sprechen oft über den Deutschen Herbst. Als ich 15 oder 16 war, habe ich dazu extrem viel gelesen und habe oft die Diskussion gesucht. Das führte natürlich zu Konflikten, denn ich war ja nicht dabei. Mein Vater hingegen berichtete davon, wie er von schwer bewaffneten Polizisten einfach so auf der Straße im Auto kontrolliert wurde, während mein großer Bruder als kleiner Junge auf dem Rücksitz saß und sich gefürchtet hat. Heute sehe ich das natürlich auch reflektierter.

Bei welchem Ereignis in den 70ern wären Sie gerne dabei gewesen?

Ich habe, als ich den Text eingesprochen habe, immer wieder gedacht: Ich wäre in dem Jahrzehnt wirklich gut aufgehoben gewesen. Von den Ideen her, vom Style, von der Art zu leben. Da war viel Aufbruch zu spüren. Ich frage mich oft, wie es gewesen wäre, wenn ich in der politischen heißen Phase so Anfang 20 gewesen wäre: auf dem Grat zwischen naiv und reflektiert.

Ist "Frau tv" nicht auch eine Folge, eine Errungenschaft der 70er?

Es gab die ganzen Vorkämpferinnen, denen ich sehr dankbar bin. »Frau tv« ist ein Produkt daraus. Wir feiern in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum und begeben uns neben anderen Themen auf die Suche nach der Entwicklung des Sexismus. Was war Sexismus in den 70ern? Wie akzeptiert war er? Waren wir schon mal weiter als heute? Ich frage mich, ob es heute noch einen "Stern"-Titel geben würde, auf dem Frauen sagen: "Ich habe abgetrieben"? Ich glaube nicht. Frauen waren in den 70ern teilweise viel klarer im Ausdruck und allgemein kompromissloser. Heute ist die Gefahr groß, dass Frauen und auch Männer sagen: Was wollt ihr? Wir sind doch gleichberechtigt! Wir sind überhaupt nicht gleichberechtigt. Das, was in den 70ern begonnen hat, führe ich total gerne weiter.

Dieses Interview erschien zuerst in WDR Print.

Stand: 21.09.2017, 12:26