Staatsanwaltschaft Köln sucht SS-Offizier seit 25 Jahren Endlose Fahndung nach Alois Brunner

Der mutmaßliche KZ-Wächter John Demjanjuk ist am Montag (13.07.09) in München angeklagt worden. Andere mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher sind weiterhin auf freiem Fuß. Die Kölner Staatsanwaltschaft fahndet seit 25 Jahren nach SS-Offizier Alois Brunner.


Alois Brunner 1985 in Syrien
Bild 1 vergrößern +

Alois Brunner 1985 in Syrien

Brunner ist der wichtigste, bislang strafrechtlich nicht verfolgte mutmaßliche Kriegsverbrecher. Dem ehemaligen SS-Hauptsturmführer wird vorgeworfen, neben Adolf Eichmann zu den zentralen Organisatoren der Vernichtung europäischer Juden gehört zu haben. Brunner soll für den Tod von etwa 130.000 Menschen verantwortlich sein. Wie Demjanjuk steht auch Brunner auf der Fahndungsliste des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem. Wegen seiner Taten in Deutschland, Frankreich, Österreich, Griechenland und der Slowakei wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht. In Deutschland fahndet seit den 1960er Jahren die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main nach Brunner. Seit 1984 ist die Staatsanwaltschaft Köln speziell für die Brunner angelasteten Verbrechen in Frankreich zuständig. Die Kölner Fahndung leitet zurzeit Oberstaatsanwalt Günther Feld.

WDR.de: Seit Jahrzehnten wird erfolglos nach Alois Brunner gefahndet. Woran liegt das?

Günther Feld: Dass wir so lange nach ihm suchen, liegt daran, dass er erwiesenermaßen in einem Land lebte oder lebt, das auf unsere entsprechenden Rechtshilfeersuchen geantwortet hat: "Wir kennen ihn nicht." Brunner ist 1985 von einem deutschen Journalisten in Syrien aufgespürt worden, wo er unter dem falschen Namen "Dr. Georg Fischer" lebte. Im Interview mit der Illustrierten "Bunte" hat er freimütig eingeräumt, er sei Alois Brunner. Und zwar der Alois Brunner, den die Bundesrepublik und Frankreich suchen. Er sei maßgeblich an der Judenverfolgung beteiligt gewesen und er fände das immer noch gut.

WDR.de: Was wird Alois Brunner vorgeworfen?


Juden bei Kontrolle in Drancy

Juden bei Kontrolle in Drancy

Feld: Soweit es die Staatsanwaltschaft Köln anbelangt: Mord an knapp 16.000 französischen Juden. Er war von Frühjahr 1943 bis Juni 1944, also bis kurz vor der Invasion der Alliierten, in Paris tätig als Leiter des sogenannten Judenreferates beim Kommandeur der Sicherheitspolizei. Er war außerdem Leiter des Durchgangslagers Drancy bei Paris, wo Juden aus ganz Frankreich für den Transport nach Auschwitz gesammelt wurden.

Brunner ist verantwortlich für 19 Transporte mit mehr als 22.000 jüdischen Menschen, von denen nachgewiesenermaßen knapp 16.000 in Auschwitz sofort vergast worden sind. Das wissen wir, weil wir die Transportlisten mit den Namen der Deportierten haben. Und wir haben aus Auschwitz die vollständige Häftlingskartei, in der nur jene aufgeführt sind, die noch ins Lager zum Arbeiten kamen. Wer sofort vergast wurde, erschien nicht in der Kartei. Vergleicht man beide Listen, kommt man auf die Zahl von knapp 16.000 Toten.

WDR.de: Was hat die Kölner Staatsanwaltschaft unternommen, um Brunner vor Gericht zu bringen?


Günther Feld, Oberstaatsanwalt in Köln

Günther Feld

Feld: Unmittelbar nachdem der Bundesgerichtshof uns die Zuständigkeit für Brunner zugewiesen hat, haben wir noch 1984 einen Haftbefehl gegen ihn erwirkt. Gleichzeitig wurde er zur Fahndung ausgeschrieben. Nach dem Hinweis, dass er in Syrien sei, haben wir ein Rechtshilfeersuchen an die syrischen Behörden gerichtet - wie es auch die Franzosen gemacht haben und die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main. Wir haben alle die gleiche Antwort erhalten: "Den gibt es nicht." Solange er in Syrien blieb, war nichts mehr zu machen für uns.

WDR.de: Trotzdem läuft die Fahndung weiter?

Feld: Ja, die Fahndung läuft weiter. Sollte er noch leben, er ist Jahrgang 1912, und irgendwo beispielsweise im EU-Raum auftauchen oder auch darüber hinaus, wird er aufgrund des internationalen Haftbefehls, den wir haben, sofort festgenommen.

WDR.de: Wie sieht Ihr Fahndungsalltag im Fall Brunner aus?

Feld: Es gibt keinen Fahndungsalltag. Der ist mit diesem Haftbefehl in den entsprechenden Computern. Wenn er am Flughafen Frankfurt oder Köln/Bonn oder London oder Paris einreisen würde mit dem Namen Alois Brunner oder dem Alias-Namen Fischer, würde der kontrollierende Beamte sofort sehen: Dieser Mann wird mit Haftbefehl gesucht. Mehr kann man nicht fahnden.

WDR.de: Stammen Ihre Erkenntnisse aus Akten oder hatten Sie auch Kontakt mit überlebenden Opfern?

Feld: Wir haben unser Wissen im Fall Brunner überwiegend aus Akten. Er hat in Frankreich Papierspuren hinterlassen. Es gibt Anordnungen zu Judendeportationen, die von ihm unterschrieben sind. Zudem haben wir die erwähnte Häftlingskartei. Es gibt auch einige wenige Zeugenaussagen aus dem Kreis der Opfer. Brunner hatte eine derart hohe Funktion, dass er mit Opfern kaum in Berührung kam. Er organisierte die Transporte vom Schreibtisch aus, ähnlich wie Adolf Eichmann, dessen rechte Hand er in Berlin gewesen war.

Natürlich habe ich viele Zeugen gehört, die erzählt haben, wie die Umstände des Transportes waren und wie es dann in Auschwitz war. Diese Zeugenaussagen würden wir auch brauchen in einem solchen Verfahren. Diese Zeugen könnten allerdings nicht direkt zu Brunner aussagen, weil er den Opfern gegenüber nicht selbst in Erscheinung getreten ist. Aber wir können belegen, dass Brunner als Entscheidungsträger wusste, was da passierte. So wäre der Kreis ganz schnell geschlossen.

WDR.de: Brunner soll vom amerikanischen und deutschen Geheimdienst geschützt worden sein. Der Bundesnachrichtendienst bestreitet das. Haben Sie zu diesem Vorwurf ermittelt?

Feld: Nein. Es ist das Wesen der Geheimdienste solche Dinge - wenn sie passieren - geheim zu halten. Die Vorwürfe kennen wir. Aber wenn sie stimmen sollten, würden wir es ganz bestimmt nicht bestätigt bekommen. Erkenntnisse darüber haben wir nicht, wir haben nur davon gehört, dass das so gewesen sein soll. Da haben wir auch als Staatsanwaltschaft keine Möglichkeit, Näheres zu erfahren.

WDR.de: Im Fall Brunner haben Angehörige von Opfern begonnen, den mutmaßlichen Täter zu jagen. Der französische Anwalt Serge Klarsfeld hatte als Achtjähriger miterlebt, wie sein Vater von Brunners Sonderkommando verschleppt wurde. Mit seiner Frau Beate zusammen hat Klarsfeld in den 1980er Jahren eine Kampagne zur Verhaftung von Brunner gestartet. Die beiden kritisieren, sie wären von den deutschen Behörden nur halbherzig unterstützt worden.


Serge Klarsfeld
Bild 2 vergrößern +

Serge Klarsfeld

Feld: Die beiden haben uns sehr geholfen im großen Lischka-Verfahren in Köln. Das ist mit auf deren Initiative zurückzuführen. Doch was Syrien anbelangt, können wir niemandem helfen. Was hätten wir den syrischen Behörden sagen sollen? Die Klarsfelds protestieren in Damaskus, weil sie den Brunner wollen, helft denen mal? Da hätten wir keine Chance gehabt.

WDR.de: Als Staatsanwaltschaft?

Feld: Auch als Bundesrepublik nicht.

WDR.de: Politischer Druck hätte auch nichts genutzt?

Feld: Es ist ganz bestimmt versucht worden, auch auf politischer Ebene weiterzukommen. Aber wenn Syrien einmal sagt, einen Brunner gibt es hier nicht...

WDR.de: Haben die deutschen Staatsanwaltschaften bisher genug getan, um Brunner vor Gericht zu bringen?

Feld: Mehr als die Syrer bitten, ihn uns zu schicken, können wir nicht tun.

Das Interview führte Dominik Reinle.


Stand: 28.09.2010, 11.11 Uhr



Mehr Politik

tagesschau.de

  • Interview: Londons große Angst vor Little Britain

    Die Befürworter und Gegner einer schottischen Unabhängigkeit liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Sollte es zur Abspaltung kommen, werden lange Streitereien folgen, sagt die ARD-Korrespondentin Annette Dittert. Die Angst vor "Little Britain" sei groß.

  • Das Votum über Schottlands Zukunft

    Die Frage der Unabhängigkeit lässt in Schottland niemanden kalt. Falls am 18. September eine Mehrheit für eine Loslösung vom Vereinigten Königreich stimmt, wäre das eine Sensation - und ein Präzedenzfall für die EU. Klicken Sie in unser Multimedia-Dossier für Infos rund um das Referendum.

  • Merkel sieht Katar als Verbündeten im Kampf gegen IS

    Für die Bundeskanzlerin war der Emir von Katar kein einfacher Gast in Berlin. Politiker aller Parteien hatten von Merkel verlangt, auch kritische Themen anzusprechen. Im Kampf gegen IS bezeichnete Merkel den Emir als Verbündeten. Zugleich warb sie um neue Investitionen.

  • Katar: Reich, aber politisch unter Druck

    Einst hatte sich Katar mit einer ehrgeizigen Außenpolitik einen Namen gemacht. Inzwischen ist das Emirat im arabischen Raum isoliert - auch weil es die Muslimbrüder unterstützte. Zudem steht Katar im Verdacht, Terrorgruppen zu finanzieren.

  • Nacktfotos von Kindern strafbar

    Wer ohne Erlaubnis der Eltern Bilder nackter Kinder am Badesee macht oder verbreitet, muss künftig mit bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen. Doch es gibt auch Kritik am Gesetzentwurf, den das Kabinett beschlossen hat.

  • Ehemalige Bundeswehr-Mitarbeiterin in Afghanistan ermordet

    Jahrelang arbeitete die afghanische Journalistin Tokhi für ein Medienzentrum der Bundeswehr - nun wurde sie ermordet. Die 27-Jährige hatte vorher Todesdrohungen erhalten. Die meisten Mitarbeiter des Zentrums seien bereits bedroht worden, erklärte dessen Direktor.

  • Nach Mord in Thailand: Umstrittene Äußerung des Premiers

    Thailands Premier Prayuth hat die freizügige Bekleidung von Touristen in seinem Land mit deren Sicherheit in Verbindung gebracht: Er stellte die Frage, ob Frauen im Bikini überhaupt sicher sein könnten - und reagierte damit auf einen brutalen Mord an zwei Briten.

Videos, Blogs, Specials