Eichmann-Ankläger Gabriel Bach Vergessen verboten

Der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann wurde 1961 in Israel zum Tode verurteilt. Das OLG Hamm hatte den damaligen Ankläger, Gabriel Bach, eingeladen, am Montag (27.09.10) über den Prozess einen Vortrag zu halten. WDR.de sprach zuvor mit Bach.


Eichmann-Prozess in Israel
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Archivbild: Gabriel Bach (2.v.l.) im Prozess gegen Adolf Eichmann (r.)

Gabriel Bach (83) ist in Berlin aufgewachsen. Wegen ihres jüdischen Glaubens flohen seine Eltern mit ihm 1940 nach Palästina. Seitdem lebt er in Jerusalem. Im Eichmann-Prozess, der mit der Hinrichtung des Angeklagten endete, war Bach stellvertretender Generalstaatsanwalt. Später wurde er Richter am Obersten Gerichtshof von Israel. Bach ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. In Deutschland und anderen Ländern ist er regelmäßig zu Gast, um Vorträge über seinen wichtigsten Prozess zu halten.

WDR.de: Herr Bach, was empfinden Sie, wenn Sie Deutschland besuchen?

Gabriel Bach: 30 Jahre lang wollte ich wegen der Vergangenheit das Land nicht besuchen. Doch in den 60er Jahren lernte ich den damaligen Justizminister Gustav Heinemann kennen und freundete mich mit ihm an. Er lud mich ein, Deutschland zu besuchen. 1969 war dann meine erste Reise nach Deutschland. Ich habe damals schreckliche Dinge gesehen, beispielsweise das ehemalige KZ Dachau. Aber ich habe auch sehr positive Begegnungen mit Ministern oder Vertretern des Bundestages gehabt. Besonders die Begegnung mit einem jungen Mann im Zug ist mir aber in Erinnerung geblieben. Er hatte auf meinem Koffer den Aufkleber "Israel" gesehen und mich angesprochen. Er sagte zu mir, ihn habe der Holocaust so bewegt, dass er hebräisch gelernt und viele Bücher über Israel gelesen habe. Ein junger Mensch, der das Gefühl hatte, etwas für die Verständigung beider Länder tun zu wollen - das hat mich sehr berührt.

Seitdem war ich sehr oft in Deutschland. Immer werde ich sehr gut empfangen. Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft. Noch immer durchlebe ich aber die unterschiedlichsten Emotionen, wenn ich an Orte der Vergangenheit komme.

WDR.de: Woran denken Sie zuerst, wenn Sie an den Eichmann-Prozess denken?


Adolf Eichmann in SS-Uniform
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Adolf Eichmann in SS-Uniform

Bach: Ich denke an einen für mich sehr traumatischen Moment. Adolf Eichmann hatte sich ausgedacht, dass ungarische Juden vor ihrem Gang in die Gaskammern an ihre Freunde und Verwandte beruhigende Postkarten schreiben sollten: "Wir sind an einem wunderbaren Ausflugsort an einem Waldsee. Es ist aber nicht mehr viel Platz. Kommt deshalb schnell. Bringt gute Schuhe mit." Ein Zeuge hatte eine solche Karte mitgebracht. Er berichtete auch, wie die Selektion in einem KZ abgelaufen war. Seine Frau und seine Tochter wurden nach links direkt in den Tod geschickt. Er wurde nach rechts abkommandiert. Der Zeuge beschrieb, wie das Mädchen in seinem roten Mantel der Mutter nachlief. "Der rote Punkt wurde immer kleiner. So verschwand meine Familie aus meinem Leben", sagte der Zeuge.

Daraufhin verschlug es mir damals die Stimme. Denn ich hatte meiner damals zweijährigen Tochter kurz zuvor einen roten Mantel gekauft. Ich war geschockt. Der ganze Saal blickte auf mich. Der Zeuge wartete, dass ich ihn weiter befragte. Doch ich konnte erst nach vier Minuten weitersprechen. Und egal ob ich heute im Fußballstadion bin oder irgendwo entlang gehe - wenn ich Kinder in roten Mänteln sehe, kriege ich Herzklopfen.

WDR.de: Was hat der Prozess gebracht?

Bach: Durch den Prozess ist das Gedenken an den Holocaust enorm gestiegen. Damals wollten viele Zeugen nicht aussagen. Sie wollten das Geschehene verdrängen. Und die jungen Israelis damals schämten sich, weil sie glaubten, Millionen Juden hätten sich damals widerstandslos abschlachten lassen. Dieses Schamgefühl haben wir beseitigt. Denn wir konnten zeigen, auf welch systematische Weise Juden, aber auch Zigeuner oder Russen, Polen und Tschechen in die Irre geführt wurden. Sie waren wegen der Irreführung völlig hilf- und wehrlos. Ein Beispiel war diese Postkarten-Aktion von Eichmann. Und wir haben den jungen Menschen zeigen können, dass sich Menschen beim Aufstand im Warschauer Ghetto verteidigt hatten.

WDR.de: Hat der Prozess auch Auswirkungen in Deutschland gehabt?

Bach: Bis zum Prozess wollten viele Eltern in Deutschland nicht, dass über das 3. Reich in der Schule geredet wurde. Und das waren Eltern mit und ohne Nazi-Vergangenheit. Sie wollten sich vor ihren Kindern nicht rechtfertigen müssen für ihre Taten beziehungsweise dafür, dass sie keinen Widerstand geleistet hatten. Weil über den Prozess aber jeden Tag berichtet wurde, war das nicht mehr möglich.

Und bis heute ist der Prozess auch eine weltweite Warnung an alle, die solche Verbrechen begehen. Sie müssen wissen, dass sie auch noch nach vielen Jahren zur Rechenschaft gezogen werden können.

WDR.de: In Deutschland gibt es Menschen, die fordern, "die Vergangenheit endlich ruhen" zu lassen. Finden Sie das verständlich?

Bach: Ich weiß, dass es Menschen mit dieser Meinung gibt. Aber das ist nicht die Norm in Deutschland. Das zeigt sich für mich schon daran, dass ich auch nach Jahrzehnten noch so oft eingeladen werde. Ich kann gar nicht jeder Einladung nachkommen.


Gabriel Bach

Eichmann-Ankläger Gabriel Bach heute

Die Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit ist wichtig, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann. Was damals in den Gaskammern geschah, ist eine Hölle, mit der sich normale Menschen nicht identifizieren können. Eine Betroffenheit für sich abzuleiten, ist kaum möglich. Es ist auch für mich immer noch mysteriös, wie diese Verbrechen passieren konnten. Ein Beispiel: Bevor es Gaskammern gab, gab es Gasautos. Das waren Lkw, bei denen auf der Ladefläche Kammern installiert waren. In die Kammern wurden die Menschen getrieben und dann die Abgase des Lkw hineingeblasen. Ein Ingenieur hatte vorgeschlagen, eine schalldichte Wand zwischen Fahrerkabine und Kammer zu installieren. Seine Begründung: "Aus humanitären Gründen müssen wir unsere SS-Chauffeure davor bewahren, dass sie nicht mit anhören müssen, wie die Schreie von hinten immer leiser werden." Es ist für mich bis heute unfassbar, dass ein gebildeter Mensch so gedacht hat. Und dass die Leute auch heute noch wissen, dass Menschen damals so gehandelt haben - daran muss erinnert werden.

Das Interview führte Lars Hering.

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Adolf Eichmann

Adolf Eichmann wurde 1906 in Solingen als Sohn eines Buchhalters geboren. 1932 trat er in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein. Ab 1934 war er bei der Zentralstelle des Sicherheitsdienstes der SS tätig und wurde 1935 in ein spezielles "Judenreferat" versetzt. Später wurde er dessen Leiter. Eichmann organisierte als Schreibtischtäter die Deportationen in Konzentrationslager. Am 20. Januar 1942 verabredeten die Nazis auf der Wannsee-Konferenz die "Endlösung der Judenfrage". Damit war die systematische Vernichtung der europäischen Juden gemeint. Eichmann war damals bei der Konferenz dabei. Sein Referat wurde zur zentralen Befehlsstelle für die Umsetzung der "Endlösung".

Nach dem Krieg konnte Eichmann untertauchen. Er lebte einige Jahre unerkannt in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide. 1950 wanderte er nach Argentinien aus und nannte sich fortan Ricardo Klement. Zwei Jahre später holte er seine Familie nach. 1960 spürte ihn der israelische Geheimdienst Mossad auf. Den entscheidenden Hinweis hatte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegeben. Am 11. Mai 1960 entführten Mossad-Agenten Eichmann und brachten ihn nach Israel.

In Israel stellte sich Eichmann vor Gericht als "kleinen Befehlsempfänger" dar, der auf Anweisung von "oben" gehandelt habe. Das Gericht wies ihm Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen das jüdische Volk nach. Es verurteilte ihn zum Tode. Das Urteil wurde 1962 vollstreckt.


Stand: 28.09.2010, 11.11 Uhr




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