Die Geschichte von Wollseifen Das tote Dorf in der Eifel

Von Dominik Reinle

Im ehemaligen Eifeldorf Wollseifen wird am Sonntag (17.08.2008) die Restaurierung der Kirchenruine mit einer Messe gefeiert. Das Dorf wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zwangsgeräumt und war 60 Jahre lang militärischer Übungsort. Ein Zeitzeuge erinnert sich.


Franz-Josef Sistig mit einem Foto in der Hand
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Elternhaus verloren: Franz-Josef Sistig

"Bevor wir vertrieben wurden, mussten meine Schwestern unser Haus noch einmal putzen. Unser Vater dachte, dass wir wieder zurückkommen. Er ließ den Schlüssel von außen stecken." Franz-Josef Sistig steht vor einer Grasfläche, auf der früher sein Elternhaus in Wollseifen (Kreis Euskirchen) gestanden hat. Von dem Gebäude ist keine Spur mehr zu sehen. Der Eifelort wurde 1946 von der britischen Militärregierung evakuiert, weil auf dem Gelände rund um die ehemalige NS-"Ordensburg" Vogelsang ein Truppenübungsplatz entstehen sollte. Wollseifen wurde in den folgenden Jahren während des militärischen Trainings in Trümmer geschossen. Auf dem Gelände übten ab 1950 belgisches Militär und später auch Nato-Verbände.

Heute ist das Dorf eingeebnet, überwuchert von Büschen, Wiesen und Bäumen. Es gehört mittlerweile - wie die Burg Vogelsang - zum Nationalpark Eifel. Auf Landkarten ist Wollseifen als "Wüstung" eingetragen, ein karthograpischer Begriff für verlassene Orte. Stehen geblieben sind nur eine kleine Wegkapelle am Ortseingang, ein Trafohäuschen, Teile der Dorfschule und die Ruine der ehemaligen Pfarrkirche St. Rochus.

Ehrenamtliche Arbeit der Wollseifener

Früher stand das Haus der Familie Sistig, in dem das Gemischtwaren-Geschäft des Vaters untergebracht war, gegenüber der Kirche. Franz-Josef Sistig fährt die wenigen Meter dorthin mit seinem Auto. Dann lädt er Werkzeug aus, das er für die letzten Arbeiten mitgebracht hat. Die alten Wollseifener um Sistig hatten sich nach dem Abzug der belgischen Truppen Ende 2005 rasch mit den Behörden darauf geeinigt, die 1635 erbaute Kirche zu sanieren und als Gedenkstätte zu erhalten.

Die Arbeiten begannen im Frühjahr 2008. "In der Kirche lag der Schutt 60 Zentimeter hoch, den haben wir mit Schubkarren abtransportiert", sagt Sistig, der im September 79 wird. "Ich wurde hier getauft, bin zur Erstkommunion gegangen und war Messdiener." Er hat zusammen mit anderen ehemaligen Bewohnern des Dorfes ehrenamtlich bei der Kirchenrestaurierung mitgearbeitet. Das ehemalige Gotteshaus sieht heute anders aus als früher: Der ursprünglich spitz zulaufende Turm, der bei britischen Militärübungen weggesprengt wurde, ist kleiner und gedrungen. Das Kircheninnere wirkt wie ein Rohbau, die Wände sind unverputzt. Die alte Einrichtung war 1947 bei einem Brand zerstört worden.

Räumungsbescheid nach dem Hochamt


Restaurierte, ehemalige Kirche St. Rochus von Wollseifen
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Restauriert: Wollseifener Kirche

Am Sonntag (17.08.2008) wird die Fertigstellung mit einer Messe gefeiert. Das Fest fällt fast auf den Tag genau zusammen mit dem Bekanntwerden des britischen Räumungsbefehls vor 62 Jahren. "Daran erinnere ich mich noch sehr gut", sagt Sistig, der damals 17 Jahre alt war. "Nach dem Hochamt am Sonntag brachte der von den Alliierten eingesetzte Bürgermeister die Nachricht. Das konnte erstmal keiner verstehen." Rund 15 Monate nach Kriegsende waren die Bombentreffer des ehemaligen Frontdorfes an der Grenze zu Belgien größtenteils beseitigt, die Strom- und Wasserversorgung funktionierte wieder.

"Die ersten Tage war Totenstille im Dorf. Dann ging das Gerenne los", erzählt Sistig. Während der knapp drei Wochen bis zum Räumungstermin am 1. September 1946 habe viel erledigt werden müssen. "Frucht war noch nicht alle eingefahren, Kartoffeln standen noch auf dem Feld." Zudem hätten sich die etwa 120 Wollseifener Familien mit insgesamt rund 550 Menschen "eine provisorische Bleibe" suchen müssen.

"Es war eine Vertreibung"

Die Familie Sistig kam schließlich im sieben Kilometer entfernten Nachbarort Gemünd unter. Die Rückkehr nach Wollseifen war untersagt. Trotzdem ging Franz-Josef Sistig, der 1947 eine Lehre als Bürokaufmann begann, wieder ins verbotene Dorf: "Wir hatten ein kleines Pferd, mit dem ich nachts hier 'rüber bin und quasi unser Eigentum gestohlen habe." Auch andere Bewohner holten sich, was noch brauchbar war: Fenster, Türen, Dachziegel. "Einmal haben wir eine ganze Nacht in der Scheune gesessen, da war der Tommy am Üben, mit scharfer Munition. Da haben wir uns verkrochen." Später dokumentierte Sistig mit seiner Fotokamera, wie die Häuser allmählich durch Beschuss zerstört wurden.

In den ersten Jahren nach der Zwangsräumung kämpften die Wollseifener um eine Entschädigung. "Es war keine Evakuierung, es war eine Vertreibung", argumentiert Sistig. "Nur hat man uns keine Flüchtlingsausweise ausgestellt wie den Ostflüchtlingen." Mitte der 50er Jahre hatte die Bundesrepublik den ehemaligen Bewohnern ihre Grundstücke abgekauft - "zu gedrückten Preisen", wie Sistig findet. Auch danach konnten die ehemaligen Wollseifener ihr Heimatdorf nicht vergessen. 1962 gründeten sie einen Traditionsverein, dessen Vorsitzender Sistig 22 Jahre lang war. Er arbeitete in dieser Zeit als Gastwirt und Hotelier in Gemünd. Den 40. und 50. Jahrestag der Räumung durften die Wollseifener mit Genehmigung der Belgier vor der Kirche feiern. "Wir hatten an sich ein normales Verhältnis zu ihnen", sagt Sistig.

"Die Burg war unser Untergang"


Ehemalige NS-"Ordensburg" Vogelsang, von Wollseifen aus gesehen
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In Sichtweite: Ex-NS-"Ordensburg" Vogelsang

In den letzten Jahren hatten die Wollseifener mit der Vergangenheit abgeschlossen: "Wollseifen war für mich und für viele andere erledigt", sagt Sistig. Dann aber wurde das Gelände von den Militärs unerwartet geräumt. "Jetzt kam das plötzlich alles wieder hoch." Als dann am 1. Januar 2006 das Vogelsang-Gelände für Zivilpersonen wieder geöffnet wurde, fuhr Sistig zusammen mit anderen ehemaligen Bewohnern nach Wollseifen.

"Ich habe eine Flasche Sekt mitgenommen. Dann sind wir hier rund gegangen und haben darauf angestoßen." Aber die Freude habe sich mit Trauer gemischt. "Es kamen viele Erinnerungen hoch, wo wir früher zwischen den Häusern zusammen gespielt haben, wo wir auf der Straße Schlitten gefahren sind." Wer das Schicksal Wollseifens zu verantworten hat, ist für Sistig klar: "Die Burg Vogelsang war unser Untergang. Wenn die Nazis die Burg 1934 nicht gebaut hätten, wären wir zu Hause geblieben." So aber bezogen die Briten die Räumlichkeiten der weitläufigen Burganlage und errichten einen Truppenübungsplatz.

Dorfschule als nächstes Projekt

Da auch der nun Geschichte ist, können die alten Wollseifener ihr ehemaliges Dorf nun jederzeit besuchen. Vollständig wieder aufgebaut werden soll es aber nicht. Allerdings planen die Wollseifener nach der Restaurierung der Kirche bereits ein neues Projekt: "Wir wollen das Dach der ehemaligen Schule auf privater Basis renovieren", sagt Franz-Josef Sistig. Ein letzter Dienst, den die ehemaligen Bewohner ihrem Dorf erweisen wollen. "Das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben. Das machen wir noch."

Freizeit-Tipp: Ausgehend von der ehemaligen NS-"Ordensburg" Vogelsang führt jeden Sonntag ab 13 Uhr eine kostenfreie Rangertour der Nationalparkverwaltung Eifel bis Wollseifen und zurück nach Vogelsang. Zusätzlich pendeln von April bis Oktober an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat rollstuhlgerechte Kutschen.

Von der Vogelsang-Zufahrt "Walberhof" an der B 266 zwischen Schleiden-Gemünd und Simmerath-Einruhr ist die Kirche in Wollseifen rund zwei Kilometer entfernt und zu Fuß erreichbar.

Stichworte

NS-"Ordensburg" Vogelsang

Die "Ordensburg" Vogelsang in der Eifel war eine Schulungsstätte der Nazis, in der die NSDAP-Kader ausgebildet wurden. 1934 wurde der Grundstein gelegt, zwei Jahre später folgte die Einweihung. Am 4. Mai 1936 zogen die ersten 500 "Junker" auf der Burg ein. Die Anforderungen: Parteimitglied vor 1933, zwischen 24 und 26 Jahren alt, "erbgesund". Ziel der Schulung war eine "eine neue Form der Charakterbildung". Hitler sprach 1937 von "blindem Gehorsam und absoluter Autorität" als oberstem Lebensgesetz des politischen Führers.

Neben Sport stand vor allem rassistische Indoktrination auf dem Lehrplan. Die Elite-Lehrgänge wurden nur drei Jahre lang durchgeführt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nutzte die Wehrmacht den riesigen Gebäudekomplex oberhalb des Urftsees, gut zwei Kilometer vom Dorf Wollseifen entfernt.

Neben der "Ordensburg" Vogelsang bauten die Nazis ab 1934 zwei weitere Schulungsstätten: Eine in Crössinsee in Pommern und eine in Sonthofen im Allgäu. Eine vierte geplante Burg in der Nähe der historischen Marienburg in Ostpreußen wurde nicht mehr errichtet. Im "Neuen Brockhaus 1937" steht: Die "Ordensburgen" dienen "der Sicherung des Führernachwuchses der NSDAP. Der Name weist hin auf den Ordenscharakter der Partei."

Restaurierung der Wollseifener Kirche

Zur Sicherung der Ruine der ehemaligen Wollseifener Kirche St. Rochus erhielt das Kirchenschiff - nach Angaben des Nationalpark-Forstamtes Eifel vom 7. August 2008 - einen neuen Dachstuhl. Dieser wurde ebenso wie der Kirchturm mit der für die Region typischen Schieferziegeln gedeckt. Zudem wurden das Mauerwerk trockengelegt sowie Fenster und Türen eingesetzt. Maßgeblich unterstützt wurden die Arbeiten von der NRW-Stiftung, die dafür 108.000 Euro bereitstellte.

Auf den Erhalt und die Sanierung der Kirche Wollseifen hatten sich die Bürgerstiftung Nationalpark Eifel, das Bundesforstamt Wahnerheide, der Kreis Euskirchen, der Traditionsverein Wollseifen, der Förderverein Wollseifen und das Nationalparkforstamt geeinigt.

Im Anschluss an die Sicherungsarbeiten, die unter der Aufsicht des Denkmalsschutzes standen, sollen im Innenraum der Kirche ein Kreuz und Bänke aufgestellt werden. 2009 soll im Vorhof der Kirche ein ertastbares Modell der ehemaligen Ortschaft Wollseifen aufgestellt werden.


Stand: 17.08.2008, 06.00 Uhr