Vergewaltigungsopfer in Köln abgewiesen Katholische Krankenhäuser verweigern Untersuchung

Eine junge Frau, die offenbar durch K.o.-Tropfen betäubt und später vergewaltigt wurde, ist in Köln von zwei katholischen Kliniken abgewiesen worden. Die Begründung: Ein Rezept für die "Pille danach" könne aus ethischen Gründen nicht ausgestellt werden.


St. Vinzenz-Hospital in Köln-Nippes

In Tränen aufgelöst und mit verschmutzter Straßenkleidung kam am 15. Dezember 2012 eine 25-Jährige zur Notärztin Irmgard Maiworm. Am vergangenen Abend hatte sie mit Freunden auf den Kölner Ringen gefeiert, erzählte sie. Das letzte, an das sie sich erinnerte, war, dass sie an der Haltestelle stand und dachte: "In zehn Minuten kommt die Bahn." Danach gibt es keine Erinnerung mehr. Am folgenden Nachmittag wurde sie auf einer Bank im Kölner Stadtteil Kalk wach. In einem Kiosk durfte die junge Frau ihre Mutter anrufen, die sie abholte und zur Notarztpraxis von Irmgard Maiworm brachte.

Zwei Krankenhäuser lehnten die Untersuchung ab

Bei der Ärztin bestätigte sich der Verdacht, dass die junge Frau mit K.o.-Tropfen betäubt und anschließend vergewaltigt worden sein musste. Darüber sprach sie mit ihrer Patientin - auch über eine mögliche Schwangerschaft. Sie verschrieb ihr die "Pille danach" und wandte sich an zwei Krankenhäuser in der Nähe, um das Opfer gynäkologisch untersuchen zu lassen und Spuren zu sichern. Doch sowohl das angrenzende St. Vinzenz-Hospital in Köln-Nippes als auch das Heilig-Geist-Krankenhaus im Nachbarbezirk lehnten eine Untersuchung ab. Begründet wurde die Ablehnung gegenüber Irmgard Maiworm jeweils mit der gleichen Argumentation: Bei einer solchen Untersuchung müsste auch über die "Pille danach" aufgeklärt und ein entsprechendes Rezept ausgehändigt werden. Das sei aber nicht vereinbar mit dem christlichen Gedankengut. "Mit dem Hinweis auf Moral wird einer Frau, die wahrscheinlich mehrfach traumatisiert ist, Hilfe verweigert. Welche Moral ist das?", fragt sich die Notäztin. Irmgard Maiworm kritisiert, das Verhalten der katholischen Krankenhäuser habe die junge Frau erneut zum Opfer gemacht: "Ich finde das menschlich sehr befremdlich. Es enttäuscht mich sehr."

Untersuchung erst in evangelischer Klinik möglich

Die Kölner Polizei bestätigt den Fall: "Wir wissen, dass die Geschädigte abgewiesen worden ist", sagte Pressesprecherin Dorothee Göbel. Die Beamten hatten die Anzeige der jungen Frau in der Notarztpraxis aufgenommen. "Wir sind mit ihr zusammen dann ins evangelische Krankenhaus nach Köln-Kalk gefahren." Dort seien dann alle Untersuchungen durchgeführt worden, die die Polizei für ein Strafverfahren benötige.

Beide katholischen Krankenhäuser gehören zur "Stiftung der Cellitinnen zur heiligen Maria". Diese hatten im November 2012 neue ethische Richtlinien für das ärztliche Personal formuliert. Demnach darf kein zur Stiftung gehörendes Krankenhaus die "Pille danach" verschreiben, auch nicht für ein Vergewaltigungsopfer.

Träger spricht von Missverständnis


Ärztin Irmgard Maiworm
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Ärztin Irmgard Maiworm

Die Ärzte solcher Krankenhäuser stehen seitdem unter Druck: Wenn sie gegen die Vorgaben ihres Arbeitgebers verstoßen, müssen sie mit einer fristlosen Kündigung rechnen. Andererseits sind sie ihrem Diensteid verpflichtet, allen Menschen zu helfen. Vergewaltigungsopfer würden in katholischen Krankenhäusern genauso behandelt wie in anderen Kliniken auch, versicherten Kirche und Krankenhausleitung in einer Pressekonferenz am Nachmittag. In den Krankenhäusern der Cellitinnen gebe eine Pflicht zur umfassenden Heilbehandlung und auch "eine volle Kooperation mit der anonymen Spurensicherung" - also genau das, was beide Krankenhäuser abgelehnt haben sollen: Die Sicherung relevanter Spuren wie Sperma und Hautpartikel. Nur die "Pille danach" werde nicht verschrieben. Dass die Frau dennoch gleich zweimal abgewiesen wurde, seien Fehler einzelner Ärzte.

NRW-Grüne raten: "Katholische Einrichtungen meiden"

Der Fall sorgt auch in Düsseldorf für Aufregung. Das Gesundheitsministerium teilte mit, dass geprüft werde, ob ein Verstoß der Krankenhäuser gegen gesetzliche Regelungen vorliege. "Grundsätzlich darf kein Krankenhaus das Opfer einer Gewalttat abweisen", sagte Gesundheitsministerin Barbara Steffens. Neben einer möglicherweise notwendigen Behandlung körperlicher Schäden müssten psychische Schäden therapiert und zudem für die spätere Strafverfolgung schnell und professionell Spuren gesichert werden.  

Deutlich positioniert haben sich die NRW-Grünen: "Der Fall in Köln zeigt einmal mehr die zynische Moral der Katholischen Kirche, in deren Trägerschaft die Krankenhäuser stehen", sagte der grüne Landesvorsitzende Sven Lehmann am Donnerstag (17.01.2013) zu WDR.de. "Leider muss man Vergewaltigungsopfern raten: Meidet katholische Einrichtungen!"

Die Vorkommnisse stünden in einer Kette von Fällen, die zeigten: "Christliche Nächstenliebe hört da auf, wo es um die Dogmen einer verstaubten Amtskirche geht." Grundsätzlich sollten nach Meinung von NRW-Grünen-Chef Lehmann Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft die Betriebserlaubnis entzogen werden, wenn sie Menschenrechte wie das Recht auf Erste Hilfe ablehnten. "Es ist ein Skandal, dass solche Einrichtungen überhaupt mit staatlichen Geldern betrieben werden."

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Die "Pille danach"

Die "Pille danach" wird auch als Notfallverhütung bezeichnet. Das Medikament verschiebt oder verhindert den Eisprung so, dass keine Befruchtung stattfinden kann. Sollte es zu einer Befruchtung gekommen sein, verhindert sie die Einnistung in die Gebärmutter. Nach bereits erfolgter Einnistung der befruchteten Eizelle ist sie nicht mehr wirksam. Nach Angaben des Berufsverbands der Frauenärzte kann die "Pille danach" bei rascher Einnahme eine Schwangerschaft zu einem hohen Prozentsatz verhindern.


Stand: 17.01.2013, 17.46 Uhr


Kommentare zum Thema (480)

letzter Kommentar: 22.01.2013, 23.37 Uhr

Dude schrieb am 22.01.2013, 23.37 Uhr:
Wer noch immer nicht aus diesem menschenverachtenden Verein ausgetreten ist, macht sich mit schuldig an all dem Leid und Elend, das auch heute noch durch diese Institution verursacht wird. Der wahre Glaube braucht keine scheinheiligen, goldbedeckten Handlanger, die sich als Vertreter Gottes auf Erde ausgeben und letztlich nur an Macht und Reichtümern interessiert sind und dafür über Leichen gehen...
ForensicF schrieb am 22.01.2013, 20.07 Uhr:
Der Fall, so wie geschildert, gibt gleich mehrfach zu denken. Zum einen natürlich, ob die Weigerung der katholisch geführten Häuser nicht erhebliche juristische und vor allem politische Konsequenzen nach sich ziehen muss. Für diese Häuser, die verantwortlichen Entscheidungsträger, die Kirche. Eine künstlich staatlich unterstützte Institution, die katholische Kirche mit vom Staat eingezogener Kirchensteuer, die sich hier schon mehr als nur an die Grenze der "unanstastbaren Menschenwürde" unserer Verfassung begibt. Zum anderen die Hilflosigkeit der anderen Beteiligten, wo es doch auch spezielle, meist rechtsmedizinisch betreute Gewaltopferambulanzen gibt, die aber offenbar nicht genügend publik gemacht sind oder mangelhaft unterstützt werden. Oder herrscht hier ein gewisses Unwissen ? Bleibt vor allem der bittere Nachgeschmack, den die hier praktizierte christliche Nächstenliebe hier schal hinterläßt. ... und vergib uns unsere Schuld...
Ralle schrieb am 21.01.2013, 09.33 Uhr:
Überrascht wie der Deutsche zu manipulieren ist? Die Politiker? Ja. Manipulation ist doch der zweite Vorname der Kirche. Immer wieder die Täter zum Opfer machen. Same procedure... Und hätte man aus der Vergangenheit gelernt, würde sich die Kirche nicht über Gesetze hinwegsetzen können.
Schwätzerei schrieb am 21.01.2013, 07.51 Uhr:
Die Frau befand sich in ärzlicher Behandlung und wurde von dort zu Beweissicherungszwecken in das Krankenhaus geschickt. Es lag also kein medizinischer Notfall vor, der das Krankenhaus zu irgendetwas verpflichtet hätte. Warum wurde die Frau nicht zur Polizei geschickt? Die ist letztlich für gerichtsverwertbare Beweissicherungen primär zuständig und weiß besser, welche Ärzte überhaupt in der Lage sind, ein Gutachten zu schreiben, das hinterher auch vor Gericht Bestand hat. Hier hat die Notärztin bereits Mist gemacht und versucht jetzt von den eigenen Fehlern abzulenken. Und der deutsche Michel freut sich, dass er gegen eine der verhassten Obrigkeiten wettern kann und haut rein in die Kerbe. Bin immer wieder überrascht, wie der Deutsche zu manipulieren ist. Aus der Vergangenheit, außer klugen Sprüchen, nix gelernt
Katholennichtvertseher schrieb am 20.01.2013, 15.24 Uhr:
Zu Zeiten der Inquisition war die katholische Kirche nicht zimperlich. Nach dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" sollte sie spätestens jetzt die Rechnung dafür bekommen!

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