Was der Seele nach dem Dahinscheiden widerfahren kann Der Tod im Hinduismus

Von Rainer Kellers

Sterben ist eine gefährliche Sache für Hindus. Tote müssen befriedet, gespeist und geleitet werden. Sie laufen Gefahr, in die Irre zu gehen, in die Hölle zu kommen oder auf Ewig als böser Geister ihr Unwesen zu treiben. Und was ist mit der Wiedergeburt?


Brennende Scheiterhaufen in Varanasi
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Brennende Scheiterhaufen in Varanasi

Am besten lässt sich der Tod in der heiligsten Stadt der Hindus studieren, in Varanasi. Die uralte Stadt liegt am Ganges, und sie gilt als Hauptstadt des Todes. Alte und Kranke aus dem ganzen Land kommen hierher, um zu sterben. Die Verbrennungsplätze mit den Scheiterhaufen aus Holz sind direkt am Ufer des heiligen Flusses - mitten im Zentrum der Stadt. Tausende Priester, Bootsleute und Bestatter leben vom Tod.

Abkürzung in den Himmel

Als geradezu typisch für den Hinduismus gilt der Kreislauf aus Tod, Seelenwanderung und Wiedergeburt. Es gibt aber noch weitere Vorstellungen von dem, was der Seele nach dem Tode widerfahren kann. Sie alle lassen sich in Varanasi beobachten: Nur wenige Meter neben dem Verbrennungsplatz "füttern" kahl geschorene Männer Klöße an die Geister der Verblichenen. Nicht weit entfernt beten Pilger-Priester im Auftrag ihrer Kunden zu längst verstorbenen Verwandten, die, wie sie sagen, bei den Göttern weilen. Außerhalb des Stadt "nageln" Exorzisten die Geister ruheloser Toter an einen Baum. Ein Sadhu erschreckt seine Zuhörer mit Geschichten über die unermesslichen Qualen des Fegefeuers. Und Witwensteine am Fluss zeigen an, wo Frauen den heute verbotenen Selbstmord auf dem Scheiterhaufen ihres Gatten wählten - um damit eine Abkürzung in den Himmel zu finden.

Der Tod im Hinduismus ist vielfältig. Es existieren mehrere Nachtod-Vorstellungen nebeneinander. Und zum Teil sind sie - zumindest aus westlicher Sicht - nicht miteinander vereinbar.

Das Reich der Ahnen und Götter

Eine Erklärung dafür mag das hohe Alter der Hindu-Religion sein, die sich im Laufe von mehreren Jahrtausenden stark verändert hat. Die Wiedergeburt beispielsweise wird in frühen vedischen Texten noch gar nicht erwähnt. Weil es im Hinduismus zudem keine Institution wie die Kirche gibt, die über Glaubensfragen entscheidet und ein einheitliches Dogma vorgibt, haben sich mehrere Sichtweisen vom Leben nach dem Tod erhalten.

Sehr alt ist die Vorstellung eines Jenseits für die guten Menschen und eine Art Hölle für die Bösen. Das Jenseits ist zudem unterteilt in eine Welt der Ahnen und eine der Götter. Auf- und Abstieg von einer Welt in die andere sind möglich. Die unsterbliche Seele ist allerdings auch im Jenseits nicht sicher vor dem Tod, genauso wenig wie Götter. Sie können sterben, werden nach alter Überlieferung aber nicht auf Erden, sondern in der Nachwelt wiedergeboren.

Karma, die kosmische Währung

In späteren Jahrhunderten kam eine andere Vorstellung hinzu, die heute den Hinduismus dominiert: Samsara, das Rad der Wiedergeburten. Der Ort der Auferstehung wurde also gewissermaßen in die diesseitige Welt verlegt. Nach dem Tod, so glauben viele Hindus, wandere die Seele in einen neuen Körper und werde wiedergeboren. Was für ein Körper das ist, ob der eines Menschen, Tiers, Pflanze, oder Einzellers, hängt vom Karma ab.

Karma ist so etwas wie eine kosmische Währung, die positive oder negative Vorzeichen haben kann. Gute Taten erzeugen gutes, Sünden schlechtes Karma. Der Kontostand an Karma summiert sich im Laufe vieler Leben. Je besser das Karma zum Zeitpunkt eines Todes, desto günstiger ist die Wiedergeburt. Als Mensch wiedergeboren zu werden, gilt als besonders vielversprechend. Denn nur als Mensch ist die Seele fähig, aus dem Rad der Wiedergeburten auszubrechen. Und das ist für Anhänger der Karma-Lehre das ultimative Ziel. Sie erreichen Moksha, das vollständige Aufgehen der Seele (Atman) im Absoluten (Brahman).

Menschen als Opfer an den Feuergott

Die unterschiedlichen Todes- und Jenseitsvorstellungen haben eine Vielfalt an Sterberiten, Ahnenritualen und Totenkulten hervorgebracht. Die weitaus häufigste Form der Bestattung ist das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen oder in einem Krematorium. Seltener werden Tote in einem heiligen Fluss bestattet. Bei der Verbrennung sind die Menschen nach alter Vorstellung eine Opfergabe an den Feuergott Agni, der sie mit dem Rauch zum Reich der Vorväter trägt. Ob sie dort ankommen, ist eine andere Frage. Manche Seelen, besonders jene, die einen unerwarteten und damit schlechten Tod starben, finden den Weg zum Himmel nicht. Sie sind dazu verdammt, als Geister umzugehen und den Verwandten das Leben schwer zu machen. Für die Hinterbliebenen ist es deshalb Pflicht, Riten abzuhalten, die die Toten unterstützen.

Natürlich kann dann immer noch etwas schiefgehen. Ein Gott kann sich einmischen, ein anderer Geist oder Dämon oder gar Yama, der Gott des Todes persönlich. Sterben ist also ziemlich riskant für Hindus. Wohl dem, der gutes Karma hat.

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Sadhu

Ein Sadhu ist ein heiliger Mann, der sich einem asketischen Leben verschrieben hat, um Gott oder den Göttern nahe zu sein. Insbesondere werden die Mitglieder der verschiedenen hinduistischen Mönchsorden als Sadhus bezeichnet. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Orden können erheblich sein. Manche Sadhus leben vollkommen zurückgezogen in einer Höhle oder einem Tempel. Andere ziehen bettelnd umher. Wieder andere haben Familie, sind verheiratet und haben Besitz. Viele Orden bilden Gemeinschaften in so genannten Ashrams. Manche nehmen nur Brahmanen auf, andere erlauben auch Mitglieder aus anderen Kasten.

Viele Sadhus praktizieren Yoga und verschiedene Meditationstechniken. Berühmt sind Sadhus, die sich bizarren asketischen Übungen unterziehen - zum Beispiel jahrelang den rechten Arm empor zu strecken oder jahrzehntelang nur zu stehen.

Die Veden

Die Veden sind die ältesten und grundlegenden Schriften im Hinduismus. Das Sanskrit-Wort bedeutet "Wissen". Es gibt vier Veden: Rigveda (Veda der Verse), Samaveda (Veda der Lieder), Yajurveda (Veda der Opfersprüche) und Atharvaveda (Veda der mystischen Praktiken). Ihr Umfang übersteigt jene von Bibel oder Koran bei weitem. Zur vedischen Literatur im weiteren Sinne gehören auch die Brahmanas (in Prosa verfasste Ritualtexte), Aranyakas (so genannte Waldtexte) und einige Upanishaden (philosophische Lehren).

Die Veden haben keinen Verfasser. Hindus glauben, dass Weise den Inhalt der Veden als Eingebung empfangen haben. Niedergeschrieben wurden sie erst im 5. Jahrhundert nach Christus. Zuvor waren sie mündlich überliefert worden.

Zu den wichtigsten vedischen Gottheiten gehören Agni (Gott des Feuers), Indra (Gott des Krieges, des Himmels und des Regens), Varuna (Gott des Todes), Surya (Gott der Sonne), Rudra (Gott der Stürme) und Vishnu (Schöpfer und Bewahrer). Die vedischen Götter werden noch heute verehrt. Mit Ausnahme von Vishnu und Rudra - der zu Shiva wurde - spielen sie im Alltag aber keine herausragende Rolle mehr.

Karma

Die Karmalehre ist eng verbunden mit der Vorstellung vom Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara). Danach durchlaufen Seelen einen fortwährenden Zyklus von Wiederverkörperungen, bis sie eines Tages Erlösung erlangen. Ein Mensch wird nicht zwangsläufig als Mensch wiedergeboren, sondern kann auch als Tier oder Pflanze zurück auf die Welt kommen. Die Art der Wiedergeburt wird durch das Karma bestimmt. Und wie dieses aussieht, hängt von den eigenen Taten ab. Wer dem Pfad der Tugend (Dharma) gefolgt ist, kann auf eine günstige Wiedergeburt hoffen. Wer durch seine Taten schlechtes Karma angehäuft hat, erfährt eine ungünstige Wiedergeburt. Die Karmalehre liefert also eine Erklärung für die Leiden der diesseitigen Welt.

Welche Handlungen zu gutem Karma führen, ist eine sehr individuelle Sache. Entscheidend ist die Frage, ob ein Mensch seiner Bestimmung gefolgt ist. Ein Soldat zum Beispiel verdient sich gutes Karma, wenn er einen Feind tötet. Götter können Einfluss auf das Karma nehmen. Ebenso ist es möglich, durch Pilgerfahrten oder Opfer schlechtes Karma abzubauen. So heißt es beispielsweise, dass man das schlechte Karma vieler Leben abwäscht, wenn man im heiligen Fluss Ganges badet.

Moksha

Moksha bedeutet Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Im Hinduismus ist es das letzte und höchste der vier Lebensziele - die anderen sind Wohlstand, ein rechtschaffenes Leben und der Genuss von Sinnesfreuden. Wer Moksha erlangt, hat die Fesseln der materiellen Welt gelöst und Erleuchtung gefunden.

Allerdings ist Wiedergeburt nicht die einzige Nachtod-Vorstellung im Hinduismus. Weithin bekannt sind zum Beispiel auch der Glaube an ein Jenseits im Götterhimmel und Bestrafungen in der Hölle. Die sich widersprechenden Vorstellungen existieren parallel, ohne dass es den Versuch gäbe, sie zu harmonisieren.


Stand: 15.02.2008, 06.00 Uhr