22. Juli 2007 – Todestag des Schauspielers Ulrich Mühe Der stille Held


Bei einer Probe zu Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" ruft der Regisseur Thomas Langhoff seinem Schauspieler Ulrich Mühe auf der Bühne zu: "Weißt Du, Uli, dein Lanzelot, vielleicht sollte der mit einem Einrad auf die Bühne kommen?" Am nächsten Morgen jagt Mühe mit einem Einrad über die Bühne und spielt dabei seinen Monolog. Er hatte die ganze Nacht trainiert, bis die Nummer saß. Heike Jonca, die mit Ulrich Mühe an der Theaterhochschule Leipzig studiert hat: "Das war seine Domäne: Fechten, Akrobatik. Da war er immer ein Vorzeigestudent." Die Dozenten nehmen ihn gern als Gegner, weil er neue Techniken schnell umsetzt. "Ich hatte das Gefühl, er war besessen und beseelt. Er wollte ein guter Schauspieler werden", so Jonca. Und Schauspielkollege Thomas Thieme sagt über ihn: "Er war ja ein zarter Mensch, ein sehr zarter Mensch. Er sprach auch leise. Am liebsten sprach er gar nicht." Man habe immer den Eindruck gehabt, Ulrich Mühe vergeude privat keine Kraft, um dann auf der Bühne zu explodieren, so erinnert sich Thieme, der als DDR-Kulturminister ebenfalls einen Auftritt in "Das Leben der Anderen" hat, Mühes berühmtesten Film.

Eine kleine Handbewegung, ein stilles Lächeln

Geboren wird Ulrich Mühe am 20. Juni 1953 in Grimma, einer kleine Stadt bei Leipzig. Nach seiner Ausbildung an der Theaterhochschule in Leipzig führen ihn Theaterengagements nach Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz und bald auf die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Ulrich Mühe wird zu einem der gefragtesten Theater- und Filmschauspieler in der DDR. Seine Gesten vor der Kamera sind sparsam, eine kleine Handbewegung, ein stilles Lächeln. Aber auf der Bühne kann er auch fluchen, den Körper in die absurdesten Verrenkungen bringen und schreien: "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage."

Herbst 1989: Auftritt auf dem Berliner Alexanderplatz

Im Herbst 1989, als sich die DDR auflöst, befindet sich Ulrich Mühe mitten in den Proben zu Heiner Müllers Theaterprojekt "Hamlet". Am 4. November 1989 tritt er neben anderen Künstlern wie Jan Josef Liefers, Christa Wolf und Stephan Heym bei der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz auf. Er spricht öffentlich: "Außerdem schlagen wir eine Verfassungsänderung vor. Kapitel 1: Wir meinen, der Führungsanspruch einer Partei sollte nicht über Gesetz verordnet werden." Der Tag ist einer der wichtigsten in Mühes Leben: "Mich politisch zu äußern, das war ein sehr bewusster Vorgang für mich. Ich hab' Theater in einer Weise spielen dürfen, wie es heute nicht mehr gebraucht wird."

Mühe erhebt Stasivorwürfe gegen Exfrau

Nach der Wiedervereinigung wirkt Ulrich Mühe in vielen Kino- und Fernsehproduktionen mit, zum Beispiel als Gerichtsmediziner Dr. Robert Kolmar in "Der letzte Zeuge". Dann bietet ihm Florian Henckel von Donnersmarck die Rolle des Stasioffiziers Gerd Wiesler in "Das Leben der Anderen" an. Dem Regisseur gelingt mit dem Kinofilm 2006 ein weltweiter Besuchererfolg; 2,3 Millionen Zuschauer sehen ihn in Deutschland. Im Begleitbuch zum Film spricht Ulrich Mühe über sein Leben in der DDR, über die Staatssicherheit und über seine Exfrau Jenny Gröllmann. Darin schreibt er: "Ich habe im Nachhinein erfahren, dass meine damalige Frau die ganze Zeit über bei der Staatssicherheit als IM gearbeitet hat." Schon 2001 berichtet die ostdeutsche Illustrierte Super Illu, die Schauspielerin Jenny Gröllmann könnte ein IM, ein inoffizieller Mitarbeiter, gewesen sein. Inzwischen ist sie todkrank und der Vorwurf wieder in der Welt. Jenny Gröllmann wehrt sich gerichtlich. Es gibt eine Täterakte, aber vieles bleibt rätselhaft. Ein Führungsoffizier gesteht, er habe Berichte mit ihrer Unterschrift gefälscht. Mühe darf den Vorwurf nicht wiederholen.

Hat Ulrich Mühe seine Exfrau denunziert?

Während "Das Leben der Anderen" weltweit Triumphe feiert, wird Ulrich Mühe von Kollegen heftig angegriffen. In der Talkshow "Drei nach Neun" sagt Henry Hübchen: "Herr Mühe hat eine Frau, die sehr, sehr krank ist, als IM bezeichnet - was nicht erwiesen ist. Und das ist eine Denunziation!" Und Mühe kontert in einem Interview: "Nach 16 Jahren Demokratie sehe ich mich plötzlich in einer Situation, die mich fatal an das erinnert, was ich hinter mir gelassen habe. Und das erschüttert mich sehr." Im August 2006 erliegt Jenny Gröllmann ihrem Krebsleiden. Als Florian Henckel von Donnersmarck im Februar 2007 den Oscar entgegennimmt, sitzt Ulrich Mühe im Parkett, klein und zerbrechlich, von der Krankheit gezeichnet. Angebote aus Hollywood kann er nicht mehr annehmen: Am 20. Juli 2007 stirbt er an Magenkrebs.

Stand: 22.07.2012

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 22. Juli 2012 ebenfalls an Ulrich Mühe. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.



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