Alfons Müller-Wipperfürth

Stichtag

21. Mai 1911 - Fabrikant Alfons Müller-Wipperfürth geboren

Mit 20 Jahren, weitgesteckten Zielen und 900 Mark auf dem Konto nimmt Alfons Müller 1931 seine Unternehmerkarriere in Angriff. Binnen zwei Jahren baut der am 21. Mai 1911 in Mönchengladbach geborene Schneidersohn Vaters Werkstatt zu einer Schneidereifabrik mit 300 Mitarbeitern aus. Extrem kostenbewusst spezialisiert sich Müller ganz auf die rentable Herstellung schwarzer Herrenhosen. Das Dritte Reich setzt seinen Expansionsplänen zunächst ein Ende. Der Hosenschneider muss zur Wehrmacht, seine Fabrik wird geschlossen. Noch am Tag des Waffenstillstands 1945 nimmt Alfons Müller im bergischen Wipperfürth mit sieben Arbeitern und drei Nähmaschinen die Produktion wieder auf. Sein Geschäftsprinzip: Hosen und Anzüge im Einheitsschnitt, aus strapazierbarem Stoff, zu absoluten Niedrigpreisen. Ein nahe gelegenes großes Flüchtlingslager garantiert Müller ständigen Zulauf an billigen Arbeitskräften und seinen ersten festen Kundenstamm. Den Stoff bezieht er von den amerikanischen Besatzern, in Form von Armeedecken. 1948 kann der autoritär über seine 400 Beschäftigten herrschende Fabrikant bereits 1.000 Anzüge täglich auf den Markt bringen.

Steuerflüchtling mit Flugzeug-Flotte

Vor rüden Methoden schreckt der als extrem misstrauisch und geizig bekannte "Hosenkönig" weder bei seiner Belegschaft, seinen Zulieferern, noch bei seinen Kunden zurück. Auf einen Boykott seiner Ware durch den Einzelhandel reagiert Müller mit dem Aufbau eines eigenen Filialnetzes. Seine Lieferanten bootet er mit billig aus Konkursmassen erworbenen Spinnereien und Webereien aus. Als die Arbeiter im Mönchengladbacher Werk gegen eine zehnprozentige Lohnkürzung in den Streik gehen, macht der Unternehmer, der sich nun Müller-Wipperfürth nennt, die Fabrik kurzerhand dicht. Geschätzt wird der billige Jakob der Herrenbekleidung nur von seiner Kleinverdiener-Kundschaft, die die Kassen in den spartanisch eingerichteten Geschäften klingeln lässt. Zu seinen besten Zeiten Ende der 50er-Jahre erwirtschaftet Müller-Wipperfürth mit seinem verschachtelten Imperium aus 18 Fabriken und 200 Läden in sechs Ländern einen Jahresumsatz von einer halben Milliarde D-Mark. Ständig auf der Flucht vor dem Fiskus verlegt er als erster deutscher Steuerflüchtling seine Konzernzentrale in die Schweiz und seinen Wohnsitz nach Belgien. Dort residiert der Rolls-Royce-Fahrer im stattlichen Schloss Lambertmont. Weitere Luxusimmobilien in Europas teuersten Lagen steuert der Hobbypilot mit einem Flugzeug aus der eigenen Flotte an. 1964 überlebt "Don Alfonso" in der Eifel nur knapp einen Absturz mit seiner Beechcraft; drei Eifelbewohner werden getötet.

Vom Markt geschrumpft

Mit den 70er-Jahren beginnt Müller-Wipperfürths unaufhaltsamer Abstieg. Zunehmend weltfremd und beratungsresistent ignoriert Deutschlands Hosenkönig den Wandel in Mode und Gesellschaft. Seine Massenware, die inzwischen zu 80 Prozent im Ausland genäht wird, verstaubt in den muffigen Läden. Müller-Wipperfürths Imperium schrumpft, bis ihn die Banken 1978 zum Rückzug ins Privatleben zwingen. Für sein Unternehmen jedoch kommen alle Rettungsversuche zu spät. Als Alfons Müller-Wipperfürth am 4. Januar 1986 in St. Johann in Österreich stirbt, ist der letzte Laden des Arme-Leute-Schneiders längst geschlossen.

Stand: 21.05.2011

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