09. Juli 2005 - Vor 20 Jahren: Glykol-Wein-Skandal wird bekannt Mit Frostschutz gepanscht

"Glykol" wird 1985 zum Wort des Jahres gekürt. Die giftige Chemikalie ist in Wein aus Österreich und Deutschland gefunden worden. Die Übersetzung des Wortes lässt nicht direkt darauf schließen, dass der Stoff gefährlich sein könnte. Das Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet "süß". Doch die Alkoholverbindung Diäthylenglykol, kurz Diglykol, sorgt für Übelkeit, Durchfall und Krämpfe. Geschädigt werden können Leber, Niere und Gehirn. In hohen Dosen ist Glykol tödlich. Die eigentlichen Verwendungsgebiete sind: Enteisen von Flugzeugen, Winterschutz für Autokühler, industrielles Verdünnen von Lacken, Desinfizieren von Raumluft. Die Affäre kommt durch anonyme Anzeigen ins Rollen. Zunächst stellen schwäbische Spezialisten die Verseuchung im süffigen Wein aus dem Burgenland fest. Minderwertige Billigweine werden in angeblich hochwertige Prädikatsweine für den Export verwandelt. Die "Eiswein-Erzeugung" funktioniert nach einem simplen Rezept: 1.000 Liter billiger Wein und ein Liter Frostschutzmittel. Nach der Aufdeckung des Betrugs kommt der österreichische Weinexport fast zum Erliegen. Millionen von Flaschen müssen vom Markt genommen werden. Wenig später werden auch deutsche Weine aus den Regalen der Supermärkte entfernt: Sie sind mit österreichischem Wein gemischt worden. Die deutschen Behörden erfahren angeblich im Juli 1985 von dem gepanschten Weinen. Die österreichischen Behörden behaupten jedoch, die deutschen Kollegen bereits im April informiert zu haben. Öffentlich gemacht wird der Skandal am 9. Juli 1985.

Ein Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums lässt den Verdacht aufkommen, der Weinskandal werde verharmlost. Darin heißt es, dass "eine akute gesundheitliche Gefährdung nicht zu befürchten ist". Und: "Darüber hinaus werden diese Weine, die als Eiswein usw. in den Verkehr gebracht wurden, nur in geringen Mengen und zu besonderen Anlässen getrunken". Es hagelt Anzeigen, Prozesse folgen. Der wirtschaftliche Schaden wird damals auf 18 Millionen Mark geschätzt. 270.000 Hektoliter Wein müssen entsorgt werden. Da Kläranlagen dafür nicht geeignet sind, erklärt sich schließlich eine Zementfabrik bereit, ihre Brennöfen mit dem schadstoffhaltigen Saft zu kühlen. Viele Winzer melden Konkurs an. Stand: 09.07.05



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