03. November 2005 - Vor 50 Jahren: Westdeutsche Blindenhörbücherei in Münster eröffnet Ohne Sehkraft lesen

Harry Potter ist der Renner. Vor Anfragen nach dem neuen Band "Harry Potter und der Halbblutprinz" kann sich die Bücherei in Münster kaum retten. Aber die Bibliothek hat einen Engpass. Sie muss die Exemplare für die Ausleihe nämlich selbst noch produzieren. Ihre 25 freiberuflichen Sprecher haben den Bestseller noch nicht fertig eingespielt. Eine hörbare Fassung aber ist dringend nötig. Denn die Kunden der Westdeutschen Blindenhörbücherei (WBH) können gar nicht oder nur unter Mühen mit den Augen lesen. Selbst in Zeiten eines wahren Hörbuch-Booms auf dem regulären Buchmarkt ist die Arbeit der WBH von großer Bedeutung. Denn das Hören von Büchern ist für Blinde besonders wichtig: Nur 20 bis 30 Prozent der Sehbehinderten beherrschen die komplizierte, zu Anfang des Jahrhunderts entwickelte Tastschrift des Franzosen Louis Braille. Und selbst für Kundige ist die Lektüre von Büchern im Punkte-Code von Braille ein mühsames Unterfangen: Ein Fantasy-Epos wie "Der Herr der Ringe" etwa findet nur in 15 großformatigen, extrem unhandlichen Ordnern Platz. Als in den fünfziger Jahren die ersten Tonbandgeräte auf den Markt kommen, liegt der Gedanke einer speziellen Blindenhörbücherei deshalb nahe. Am 3. November 1955 wird sie in Münster eröffnet. Ihr Bestand damals: 40 Buch-Kopien auf Magnetband in teils miserabler Qualität.

Heute hat die Westdeutsche Blindenhörbücherei in Münster rund 23.000 Klassiker, Krimis, Biografien, Sachbücher, Hörspiele und Unterhaltungsromane auf CD und Kassette, die auch im Internet kostenlos bestellt und auf speziellen Geräten abgespielt werden können. Als größte Bibliothek ihrer Art in Deutschland beliefert sie heute 8.500 Hörer in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, aber auch in Südtirol, Israel und den USA. Wer ausleiht, braucht Geduld. Laut deutschem Urheberrecht darf die WBH nicht mehr als 100 Hör-Kopien eines Buches produzieren. Erst vor kurzem bedankte sich ein Blinder für die Übersendung von "Vom Winde verweht". 20 Jahre hatte er auf das Hörbuch gewartet. Stand: 03.11.05