Drei Jahre nach dem Stadtarchiv-Einsturz Ermittler tauchen im Trüben

Von David Ohrndorf

Seit knapp drei Jahren ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft: Wer ist schuld am Einsturz des Stadtarchivs? Die Antwort wird frühestens 2013 feststehen. Zuerst werden erneut Taucher in die Baugrube geschickt.


Mit Grundwasser gefülltes Becken an der Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs
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Mit Grundwasser gefüllte Baugrube

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 mit den Arbeiten an der U-Bahnstrecke zusammenhängt. Kein Beobachter zweifelt ernsthaft daran. Aber Beweise, die einen Schuldigen überführen könnten, gibt es bislang nicht. Und so ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft - mittlerweile seit Jahren - gegen Unbekannt. Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und Baugefährdung werden der verantwortlichen Person (oder den Personen) zur Last gelegt. Zwei Menschen kamen ums Leben, 36 Anwohner haben beim Einsturz ihre Wohnungen verloren, ein Milliardenschaden ist entstanden.

Warten auf den Gutachter

Das im Jahr 2010 eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen die beteiligten Unternehmen wegen gefälschter Bauprotokolle und unterschlagener Eisenbauteile dauert noch an. Die Ermittler erhoffen sich neue Impulse von den anstehenden Untersuchungen der Schlitzwand durch einen Gutachter. Parallel zu den strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen auch zivilrechtliche Verfahren, die sich mit dem Einsturz des Stadtarchivs beschäftigen. Die Stadt Köln und die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) haben ein Beweissicherungsverfahren beantragt, um die Schadenshöhe festzustellen. Außerdem haben drei Nachlassgeber, deren Archivalien bei dem Archiveinsturz beschädigt wurden, gegen die Stadt Köln geklagt. Diese Klagen wurden in erster Instanz abgewiesen, die Berufungsverfahren vorläufig ausgesetzt, bis neue Untersuchungsergebnisse vorliegen.

Wird ein Schuldiger gefunden?

Ob es jemals eine Anklage geben wird, ist zurzeit "nicht absehbar", sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer zu WDR.de. Bei der "EG Severin", einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe von Polizei und Staatsanwaltschaft, sei die Personenstärke inzwischen "zurückgefahren" worden. Die Ermittler hätten in den vergangenen Monaten vor allem die zuvor bei verschiedenen Unternehmen beschlagnahmten rund 3.000 Aktenordner und 7,5 Terabyte elektronischer Daten ausgewertet. Ihr Ziel sei es dabei gewesen, "Anknüpfungstatsachen" zu finden, Anhaltspunkte für Verstöße gegen anerkannte Regeln der Technik. Zu den Ergebnissen der Auswertung wollte Oberstaatsanwalt Bremer keine Stellung nehmen. Mit Hilfe der ausgewerteten Daten soll nun ein Gutachter an der Unglücksstelle seine Arbeit aufnehmen. Die Ermittler warten darauf, ob dessen Erkundungen der Unglücksstelle neue Erkenntnisse liefern.

Taucher sollen Licht in die Grube bringen


Taucher suchen Archivalien
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Taucher an der Einsturzstelle

In den vergangenen Monaten waren bereits Taucher in der gesicherten Grube unterwegs, um die derzeit zugänglichen Teile der Schlitzwand zu untersuchen und mit Spezialkameras erste Aufnahmen zu machen. Nun wird noch vorhandener Schlamm aus der Grube entfernt, um anschließend ein zusätzliches "Beweissicherungsbauwerk" im Auftrag der Kölner Staatsanwaltschaft errichten zu können. Baubeginn soll voraussichtlich im Sommer 2012 sein.

Kompliziertes Bauwerk zur Beweissicherung


Die Stelle der Schlitzwand, die vermutlich einen Defekt aufweist, liegt rund sechs Meter unterhalb der derzeitigen Sohle der Baugrube. Hinweise, dass dort etwas nicht in Ordnung ist, hatten erste thermische Untersuchungen kurz nach dem Einsturz des Gebäudes ergeben. Nun muss zum Schutz der Arbeiter zunächst eine zusätzlich gesicherte Baugrube erstellt werden. Dann können sich Taucher Schritt für Schritt tiefer in den Boden graben, bis sie an der vermutlichen Schadstelle der Schlitzwand sind. Grabungen und Untersuchungen finden dabei parallel statt. Auch eine weitere Einsturzursache wird noch für möglich gehalten: Ein hydraulischer Grundbruch. Dabei wird durch Druckunterschiede im Grundwasser der Boden nach oben gedrückt und bricht auf. Dadurch könnte letztlich das Erdreich unter dem Stadtarchiv weggesackt sein.

Ende 2013 sollen die Untersuchungen beendet werden können. "Wir hoffen, dass wir dann einen vollständigen Beweis haben, wie das Unglück passiert ist", sagt Jörn Schwarze, der Technische Vorstand der KVB. Sollten die erzielten Ergebnisse allerdings nicht eindeutig sein, könnte es notwendig werden, dass der Gutachter weitere Untersuchungen vornimmt. Wann die Einsturzstelle endgültig geschlossen werden kann, ist noch nicht absehbar. Die Stadt Köln bereitet zurzeit einen Architekten-Wettbewerb vor, bei dem Vorschläge für eine neue Nutzung des Geländes gesammelt werden sollen.

Stichworte

Stichwort: Schlitzwand

Schlitzwände sind im Erdreich betonierte Wände. Mit ihnen werden tiefe Baugruben gesichert. Zunächst wird dazu mit so genannten Schlitzwandgreifern oder Schlitzwandfräsen ein Schlitz im Boden ausgehoben. Diese Schlitze werden nur bis zu einer gewissen Breite einzeln gegraben. Ein solcher Schlitz wird Lamelle genannt. Mehrere fertige Lamellen ergeben aneinander gereiht zum Schluss die betonierte Schlitzwand.

Zur jeweiligen Stabilisierung einer Lamelle wird während des Aushebens zugleich eine stützende Betonsuspension (Bentonit und Wasser) in diesen Hohlraum gepumpt. Soll die Baugrube gegen seitlich drängendes Grundwasser gesichert werden, muss der Schlitz so tief ins Erdreich geführt werden, bis eine wassersperrende Bodenschicht (zum Beispiel Ton) erreicht wird. Hat der Schlitz die notwendige Tiefe erreicht, werden in die Lamelle so genannte Bewehrungskörbe - zwei äußere Stahlgitter, die miteinander durch Stahlbügel zusammengehalten werden - eingelassen. Danach wird von unten durch einen Schlauch Beton in die Lamelle gepumpt, der die Stützflüssigkeit Stück für Stück nach oben verdrängt und ersetzt. Ist die Arbeit an einer Lamelle beendet, kann mit der nächsten Lamelle begonnen werden.

Stichwort: Hydraulischer Grundbruch

Ein hydraulischer Grundbruch wird durch vertikal strömendes Grundwasser ausgelöst. Meist geschieht dies entlang der Seitenwand einer Baugrube (zum Beispiel einer Schlitzwand), wenn diese undicht oder nicht tief genug in wasserundurchlässigen Schichten verankert ist. In der Baugrube treten dann größere Mengen Wasser ein, wodurch der Boden außerhalb der Grube instabil wird. Erdreich und Wasser rutschen plötzlich entlang der Seitenwand nach unten. Um einem hydraulischen Grundbruch vorzubeugen, wird der Boden der Baugrube oft mit Beton verstärkt. Ursprünglich war eine solche Sohle auch in der Baugrube nahe des Kölner Stadtarchivs geplant. Laut Kölner Verkehrsbetriebe verzichtete man allerdings später auf dieses Verfahren und ließ stattdessen die Schlitzwände tiefer in den Boden ein.


Stand: 02.03.2012, 06.01 Uhr


Kommentare zum Thema (10)

letzter Kommentar: 04.03.2012, 00.39 Uhr

Tolomeo schrieb am 04.03.2012, 00.39 Uhr:
Ich möchte die Kölner darum bitten, die Erkenntnisse, die in Bezug auf die Katastrophe in einem möglichen Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau gewonnen wurden, an die Stadt Stuttgart weiter zu geben, damit es beim Bau von Stuttgart21 nicht zu einer ähnlichen Katastrophe kommt. Vielen Dank!
Schade... schrieb am 03.03.2012, 02.20 Uhr:
...dass nicht ganz Köln abgesoffen ist
Köbi schrieb am 02.03.2012, 21.43 Uhr:
Solange für so etwas noch Geld da ist geht es uns doch noch gut oder ? ?
Das Leihschwein schrieb am 02.03.2012, 18.54 Uhr:
Diese Ermittlungen kann man sich sparen, die einzigen die daran sehr gut verdienen sind Gutacher/Gegengutachter und Anwälte der beteiligten Behörden/Unternehmen natürlich alles auf Kosten der Steuerzahler. Bei Pfusch von Staatsaufträgen fanden Gerichte noch nie einen Schuldigen, weder bei der Baubehörde/Baukonzern. Sollte mich nicht wundern, wenn das Gericht doch noch einen Schuldigen präsentieren kann, nämlich einen Hilfsarbeiter von einem Sub, - Sub-, Subunternehmer der sich keine teuren Anwälte/Gutachter leisten kann. An dem U-Bahnbau waren hunderte interne/externe Mitarbeiter für die Durchführung verantwortlich, läuft etwas schief findet sich grundsätzlich kein Verantwortlicher, da jeder die Schuld auf den anderen schiebt. Solche gravierenden Fehler passieren immer nur bei Aufträgen des ÖD und nie findet sich ein Schuldiger und immer bezahlt den Schaden der Steuerzahler. Bezogen auf die gesamte Wirtschaftskriminalität werfe ich unseren Gerichten Totalversagen vor.
DetlefausDuisburg schrieb am 02.03.2012, 12.26 Uhr:
Es ist erschreckend und höchst beklagenswert, dass auch drei Jahre danach nichts genaues zur Ursache dieses Unglücks gesagt werden kann. An die Opfer denkt sowieso schon keiner mehr, und deren Angehörige werden das Nachsehen haben.@anonym: Sie irren, "tauchen" hat Recht, schauen Sie mal in § 78c des Strafgesetzbuches. Die bisherigen Ermittlungen haben die Verjährung nicht unterbrochen, und wenn bis März 2014 keine verwertbaren Erkentnnisse vorliegen und konkrete Beschuldigte unter Verdacht stehen, ist strafrechtlich alles verjährt.

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