Drei Jahre nach dem Stadtarchiv-Unglück "Mammutaufgabe Wiederaufbau"

Von Sabine Tenta

Kurz vor dem dritten Jahrestag der Einsturzkatastrophe haben Vertreter des Historischen Archivs, der Stadt Köln und der KVB eine Zwischenbilanz gezogen. Die Einsturzursache ist nach wie vor unklar. Allein die Beweisaufnahme wird sich voraussichtlich bis 2016 hinziehen.


Außenfassades des digitalen Lesesaals des Kölner Stadtarchivs
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Außenfassades des digitalen Lesesaals des Kölner Stadtarchivs

Der Wiederaufbau des eingestürzten Historischen Archivs sei eine "Mammutaufgabe", sagt dessen Leiterin Bettina Schmidt-Czaia. Hoffnungsfroh ergänzt sie: "Es geht voran." Aber der Fortschritt vollzieht sich in kleinen Schritten. Zu viele Probleme gilt es auf verschieden Baustellen zu bewältigen. Die beiden wichtigsten sind die Restaurierung der Archivalien und die Klärung der Schuldfrage: Warum stürzte am 03.03.2009 in der Kölner Südstadt das Historische Archiv in unmittelbarer Nähe einer U-Bahn-Baustelle ein? Zwei junge Männer, Bewohner von angrenzenden Häusern, starben bei dem Unglück. Als sicher kann momentan nur eines gelten: Es wird noch lange dauern, bis klar ist, wer im juristischen Sinne verantwortlich gemacht wird und für den Schaden aufkommen muss. Die Stadt Köln geht von einer Gesamtschadenssumme von mindestens einer Milliarde Euro aus.

Besichtigungs-Bauwerk an der Unglückstelle


Bettina Schmidt-Czaia, Georg Quander und Jörn Schwarze (v.l.n.r.)
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Bettina Schmidt-Czaia, Georg Quander und Jörn Schwarze (v.l.n.r.)

Für die strafrechtliche Klärung der Schuldfrage muss die Unglücksstelle begutachtet werden. Dafür soll im Sommer 2012 an der Grube in der Severinstraße ein Besichtigungsbauwerk errichtet werden. Bauherren sind die KVB und die Stadt Köln. Jörn Schwarze, Technischer Vorstand der KVB, geht davon aus, dass der Bau ein Jahr dauern wird. Im August oder September 2013 will man mit der Beweissicherung anfangen, die dann rund zweieinhalb Jahre dauern wird. Die Lamellenwand, die möglicherweise für den Einsturz verantwortlich ist, wird dann nicht, wie zunächst geplant, trockenen Fußes besichtigt werden können, sondern weiterhin unter Wasser stehen. Gutachter der verschiedenen Prozessbeteiligten werden die Schadensstelle durch Tauchgänge betrachten. Sie werden von der Stadt Köln "Parteientaucher" genannt.

Die Restaurierung der Archivalien


Ausstellungsraum des Kölner Stadtarchivs, Blick durch eine Glastür
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Ausstellungsraum des Kölner Stadtarchivs am Heumarkt

95 Prozent der Bestände konnten geborgen werden, bilanziert der Kölner Kulturdezernent Georg Quander. "Geborgen heißt nicht gerettet oder wieder nutzbar", mahnt er. Denn selbst nach einer erfolgreichen Restaurierung müssen die gewaltig durcheinandergewirbelten Bestände wieder zusammengeführt werden. Das Stadtarchiv rechnet damit, dass diese anspruchsvolle Arbeit mehrere Jahrzehnte dauern wird.  Auch wenn das "Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum" (RDZ) des Stadtarchivs im Kölner Stadtteil Porz-Lind nun "voll ausgestattet ist", so Quander, so leidet der Fortgang der Arbeiten unter einem Fachkräftemangel. 15 Stellen für Papierrestauratoren mussten mehrfach ausgeschrieben werden, berichtet Schmidt-Czaia. Anfang März gebe es Bewerbungsgespräche. Man sei zuversichtlich, wenigstens einige Restauratoren einstellen zu können.

Wegen des Fachkräftemangels hat das Archiv Kooperationen mit Hochschulen vereinbart. Mit der FH in Potsdam sei ein berufsbegleitendes Studium ins Leben gerufen worden. Zudem gebe es eine Kooperation mit der FH in Hildesheim: Zwei Studentinnen würden den praktischen Teil ihrer Ausbildung in Köln absolvieren. Insgesamt sei die Zahl der Mitarbeiter von 64 im Jahr 2010 auf aktuell 140 gestiegen. Die gesamten Restaurierungskosten schätzt die Archivleiterin auf 350 bis 400 Millionen Euro.

Stiftung Stadtgedächtnis


Stefan Lafaire
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Stefan Lafaire

Die mit Anlaufschwierigkeiten gestartete "Stiftung Stadtgedächtnis" hat 2011 mit Stefan Lafaire einen Vorsitzenden bekommen. Die Stiftung habe im letzten Jahr rund 14.000 Euro Spendengelder eingeworben und in den ersten beiden Monaten dieses Jahres circa 5.000 Euro, bilanzierte Lafaire. "Eigentlich gehören noch ein paar Nullen dahinter", sagte der Stiftungsvorsitzende. Er setzt auf Merchandisingprodukte wie Taschen und Kaffeebecher und hofft auf "Anlass-Spenden". Das sind Summen, die statt bestimmter Geschenke, zum Beispiel zum Geburtstag, gespendet werden. Zudem plane er Kooperationen mit der Industrie und der Forschung. Die Stiftung beteiligte sich 2011 unter anderem an der Finanzierung einer Gefriertrocknungsanlage für das Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum.

Schulen in der Nähe der Unglücksstelle

In unmittelbarer Nähe der Einsturzstelle sind zwei Gymnasien: das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und die Kaiserin-Augusta-Schule. Das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium wird zurzeit generalsaniert und barrierefrei umgebaut. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 24 Millionen Euro. Im Sommer 2012 sollen die Schüler in das angestammte Gebäude zurückkehren können. Der Erweiterungsbau der Kaiserin-Augusta-Schule wird Teil der Neugestaltung des Areals sein.

Zukunft des Grundstücks an der Severinstraße

Wie wird nach Abschluss der Beweisaufnahme und der Bauarbeiten die Neugestaltung des Areals aussehen? 2011 wurden mehrere Arbeitsgruppen gebildet, an denen auch Anwohner, Vertreter von Schulen, Kirchen und Initiativen sowie Gewerbetreibende und Grundstückseigentümer teilnahmen. Ihre Ergebnisse wurden an den Rat der Stadt Köln gegeben mit der Empfehlung, dies bei der EU-weiten Ausschreibung zu berücksichtigen. Ende März wird der Stadtrat voraussichtlich die Auslobung beschließen. Ende 2012 hofft man dann, ein städtebauliches Konzept für das Viertel zu haben. Neben Wohnungen und einem Bau für die Kaiserin-Augusta-Schule soll auch eine Gedenkstätte entstehen.

Der Neubau des Historischen Archivs

In der Nähe der Universität, am Eifelwall, soll der Neubau des Historischen Archivs entstehen. Ein Wettbewerb konnte im Juni 2011 abgeschlossen werden. Nach Angaben der Stadt Köln stehen die Vertragsverhandlungen mit dem siegreichen Architektenbüro aus Darmstadt kurz vor dem Abschluss. Der Bau soll bis 2015 fertig gestellt werden. Die Stadt rechnet mit Kosten in Höhe von 86 Millionen Euro.

Gedenkminute an der Unglückstelle

Am Vorabend des Jahrestages (02.03.2012) wird es am Bauzaun der Einsturzstelle eine Gedenkminute und eine Kranzniederlegung zur Erinnerung an die verstorbenen Anwohner geben. Einen Tag später lädt das Kölner Stadtarchiv zu einem Tag der offenen Tür in sein Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum nach Porz-Lind und bietet Einblicke in den Wiederaufbau. Zeitgleich wird der bundesweite "Tag der Archive" begangen, 20 weitere Kölner Archive präsentieren ihre Arbeit.


Stand: 28.02.2012, 17.13 Uhr


Kommentare zum Thema (7)

letzter Kommentar: 29.02.2012, 12.54 Uhr

Alter Kölner schrieb am 29.02.2012, 12.54 Uhr:
Nie sollte vergessen werden, bei diesem Baupfusch sind zwei arglose Menschen heimtückisch getötet worden! Das Stadtarchiv und das ganze "Altpapier" ist relativ, der Tod dieser zwei Menschen aber ist unverzeihlich. An den Händern der KVB als Bauträger dieser U-Bahntrasse klebt Blut! Genauso wie an den Händen der Verantwortlichen Techniker und diebischer Bauarbeiter die diesen Pfusch gebaut haben! Statt ein neues Haus für Kölns Altpapiersammlung zu bauen sollte ein Mahnmal gebaut werden das auf die menschlichen Opfer des Klüngels und der Raffgier beim Bau der KVB-Trasse auf ewig errinnert!
zu Kommentar 1 schrieb am 29.02.2012, 09.09 Uhr:
wenn der billigste den sub sub sub sub sub ...... auftrag bekommen würde, wäre es ja noch in Ordnung! Meistens bekommt aber die Fa. den Auftrag, in der der Gewinner oft in der ersten Vergabereihe sitzt und über Mittelsmänner eine Fa. hat, die keine Kontrolle zu fürchten hat! klargeworden? Kölscher Klüngel halt! Aber seien sie versichert, et hät immer noch gut gegangen, zumindest für die Mafia!
Tatsache schrieb am 28.02.2012, 22.46 Uhr:
Die Einsturzursache ist nach wie vor unklar??????????????????? Tatsache ist, dass die Verantwortlichen kein Interesse an der Aufklärung des Sachverhaltes haben. Es gibt eine eindeutige Kausalkette, die zum Einsturz geführt hat. Wenn es sie nicht gäbe, würde das Archiv nämlich noch stehen. Es ist heute leider so, dass Aufträge über externe Ingenieurbüros laufen, die wiederum Teilaufträge an Subunternehmen weitergeben, die ihrerseits auch Externe beauftragen, usw. usw. Das geht manchmal über viele Ebenen. Dabei kommt immer der Billigste zum Zuge, wobei es gerade in Köln sicher auch noch andere Möglichkeiten gibt an Aufträge zu kommen. Zum Ende kochen so viele Köche den Brei, dass man nicht mehr weiß, wer zuviel Salz ins Essen geschüttet hat. Und alle Beteiligten tun natürlich alles um im Schadensfall die Sachverhalte zu vertuschen. Die Gerichte schaffen es dann in der Regel nicht die Sache aufzuklären.
Pether Pahn schrieb am 28.02.2012, 22.13 Uhr:
Wenn die so lange für die Beweisaufnahme benötigen können die den Fall gleich schließen und sich die Arbeit sparen. Wenn der Schuldige gefunden ist, ist der Fall doch schon längst verjährt.
Oh je oh je schrieb am 28.02.2012, 20.38 Uhr:
Kölle: Et hätt nit immer joot jejange. Äwer et is jekomme wie et hätt kumme müsse.

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