Interview mit Archivleiterin Schmidt-Czaia Endlose Schatzsuche im Trümmerberg

Seit am 03.03.2009 das Kölner Stadtarchiv eingestürzt ist, sind Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia und ihre Mitarbeiter im Dauereinsatz. Atempausen gibt es kaum, die Helfer sind mit ihren Kräften am Ende. Was konnte bislang gerettet werden?


Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia (r.) und zwei Helfer mit geborgenen Archivalien
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Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia (r.)

Noch ist alles etwas provisorisch in ihrem neuen Büro im Stadthaus Köln-Deutz. Stühle für Gäste gibt es keine. Trotzdem ist Amtsleiterin Bettina Schmidt-Czaia froh, überhaupt einen neuen Standort mit Rechner, Telefon und Vorzimmer zur Verfügung zu haben - auch wenn das nur eine Übergangslösung ist.

Den schönen Ausblick über das rechtsrheinische Köln kann sie kaum genießen. Denn seit Wochen besucht die Archivleiterin Pressekonferenzen und gibt Interviews. Dazwischen muss sie ihre Mitarbeiter koordinieren und den Neubau für ein neues Archivgebäude voran bringen. Für Sentimentalitäten bleibt keine Zeit. Auch wenn das zerbeulte Straßenschild der Severinstraße, gerettet aus den Archiv-Trümmern, auf ihrem Fensterbrett liegt. Eine Rückkehr an den alten Standort kommt für sie nicht in Frage: "Ich glaube, das kann ich keinem hier vermitteln."

WDR.de: Frau Schmidt-Czaia, wie geht es nach einem Monat mit der Bergung der verschütteten Dokumente voran?

Bettina Schmidt-Czaia: Die Arbeiten laufen geordnet ab und viel schneller als in den ersten Wochen. Was auch daran liegt, dass man nun auf die Bergung Verschütteter keine Rücksicht mehr nehmen muss. Es kommt im Moment unheimlich viel Archivgut zu Tage, das dann erstversorgt werden muss. Und das führt zu ersten Personalengpässen im Erstversorgungszentrum.

WDR.de: Wie geht es den Kolleginnen und Kollegen dort?


Schmidt-Czaia: Die Kollegen sind natürlich nach dieser langen Zeit der Bergung mit zunächst Tag- und Nachtschichten und nun mit Tagschichten und ohne Wochenenden mit ihren Kräften am Ende. Und sie sind trotzdem unverzichtbar, weil nur sie die Bestände kennen. Das ist kein Sprint, das ist ein Marathon.

WDR.de: In Zahlen ausgedrückt: Wie viele Tonnen Schutt sind abgetragen? Wieviel Prozent Ihrer Archivbestände wieder aufgetaucht?

Schmidt-Czaia: Etwa 5.200 Tonnen Schutt sind abgefahren worden, also 371 Lkw-Ladungen. Und insgesamt sind im Erstversorgungszentrum rund fünf Kilometer Archivgut angekommen. Dazurechnen muss man noch das, was im benachbarten Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in den ersten Tagen evakuiert werden konnte, das sind drei Kilometer, und den knappen Kilometer, der im Keller gelegen hat. So dass wir auf rund neun Regalkilometer von insgesamt 30 kommen.

WDR.de: Viele bedeutende Archivalien konnten bisher gerettet werden. Die älteste Urkunde aus dem Bestand, die von 922 etwa, oder auch Teile des Adenauer-Nachlasses. Können Sie weitere Beispiele nennen?


Schmidt-Czaia: Es sind auch Verbundbriefe wieder aufgetaucht. Große Teile der Urkunden, auch der überformatigen, konnten inzwischen geborgen werden. Denn sie lagen nicht wie der große Teil der Haupturkunden im Keller, sondern in einem oberen Stockwerk. Es sind Schreinsbücher und Karten weitgehend vollständig aufgetaucht, wenn auch nicht alle in gutem Zustand. Man wird also davon ausgehen dürfen, dass das Archivgut in sehr viel größerem Maße wieder auftaucht, als zunächst zu befürchten war und wie auch geschrieben wurde.

WDR.de: Schon in den ersten Tagen konnten Sie außerdem einen Teil des Kellers räumen, der nicht in die Grube gestürzt war.

Schmidt-Czaia: Ja, dort hat man im Wesentlichen große Teile der Urkunden der Kölner Klöster und Stifte geborgen, die Dienstbibliothek und die Fotosammlung. Das war sehr wertvoll und ist komplett unbeschädigt.

WDR.de: Die Öffentlichkeit hat besonderes Interesse am Nachlass Heinrich Bölls. Wie ist der Stand bei diesen Dokumenten?

Schmidt-Czaia: Der Böll-Nachlass besteht aus zwei Teilen und war im ersten Obergeschoss untergebracht, da sind wir aber noch nicht, dazu können wir überhaupt keine Aussage machen. Ein Karton befand sich im Arbeitszimmer von Kolleginnen. Der ist gesichert. Aber wir wissen im Moment nichts über den Verbleib und den Zustand dessen, was in der ersten Etage lag.

WDR.de: Wenn Sie von oben nach unten vorgehen - bei welcher Etage befindet man sich jetzt?

Schmidt-Czaia: Das kann man so nicht sagen, denn das Gebäude hat sich im Fallen gedreht. Je weiter man zu der Grube kommt, in die alles gefallen ist, desto mehr ist die Reihenfolge der Etagen verwirrt. Wir bergen im Moment keine Dokumente der ersten und zweiten Etage, aber die dritte, vierte und fünfte kommt zum Vorschein - je nachdem, wo man gerade gräbt oder abträgt.

WDR.de: Wie ist der Zustand der Dokumente, die Sie finden?

Schmidt-Czaia: Sehr unterschiedlich. Je nachdem, wo sie gelandet sind, wie viel Druck drauf gelegen hat, ob sie ins Wasser gefallen sind oder verpackt waren. Der Unterschied ist sehr groß, von in Fetzen bis gut erhalten. Das ist wirklich von Stück zu Stück anders.

WDR.de: Was müsste aus Ihrer Sicht unbedingt gefunden werden?

Schmidt-Czaia: Alle Dokumente sind gleich lieb und teuer. Es gibt nicht Archivgut erster und zweiter Ordnung. Alles hat die selbe Berechtigung, geborgen und restauriert zu werden. Was da archiviert wurde, war schon einem strengen Ausleseprozess unterworfen. Nur fünf Prozent des Verwaltungsschriftguts landet im Archiv. Auch die Nachlässe sind handverlesen und sehr wertvolles Kulturgut. Die Altbestände waren ebenso einzigartig. Ich kann nicht sagen, was wichtiger ist.

WDR.de: Wo können Sie die Fundstücke unterbringen?

Schmidt-Czaia: Wir werden versuchen, sehr viel in den rheinischen Archiven der Umgebung zu lagern. Das wird nicht ausreichen bei der Menge, die wir hatten. Und daher werden wir immer weiter nach außen gehen müssen. Wenn die Kapazitäten in NRW nicht ausreichen, müssen wir in ganz Deutschland lagern. Dann wird es natürlich immer schwieriger, die Bestände wieder zusammenführen.

Was muss in den nächsten Wochen und Monaten passieren?

Schmidt-Czaia: Es muss ein sofortiger Beschluss für einen Standort und einen Neubau her. Und dann muss unverzüglich begonnen werden zu planen. Bis Mitte des Jahres muss außerdem ein Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum aufgebaut werden, so dass die Restaurierungsaufträge vergeben werden können. Das sind die nahe liegenden Dinge. Mittelfristig brauchen wir so etwas wie einen digitalen Lesesaal, damit wir in einem etwas provisorisch aufgebauten Archiv - auch wenn die Bestände noch nicht da sind - die digitale Benutzung wieder in Gang bringen können.

WDR.de: Was würden Sie in einem neuen Archiv anders machen?

Schmidt-Czaia: Ich würde es bürgerfreundlicher gestalten, einen offenen Empfangsbereich und angenehme Arbeitsbedingungen schaffen. Ich würde auch Säle für die Archivpädagogik einrichten, also Räume, in denen man mit Schülern arbeiten kann. Der Aspekt der Bürgernähe ist mir sehr wichtig. Dafür war das Archiv mit seinen Räumen nicht gut eingerichtet.

Das Gespräch führte Susanne Sitzler.


Stand: 31.03.2009, 00.00 Uhr